Ahnungslos in Australien
16.11.2005, 10:54, Text:
Jan Kedves,
Jan Kedves
Die Ähnlichkeiten sind zwar verblüffend, doch schenkt man Cameron Bird, dem Pressesprecher der australischen Pop-Hoffnung Architecture In Helsinki, Glauben, so basieren die Parallelen, die sich jüngst zwischen Melbourne und Montreal abzeichnen, tatsächlich auf Zufällen. “Bevor wir unser Album fertig hatten, haben wir noch nie was von Arcade Fire gehört, wirklich!” versichert er. Nichts als sonderbare Fügungen also, wenn Architecture In Helsinki a) wie Arcade Fire mit acht Musikern auf der Bühne stehen, b) ihr Albumtitel “In Case We Die” ähnlich morbide klingt wie Arcade Fires “Funeral” und sie c) streckenweise auch noch recht ähnliche Musik spielen.
Was ist da los?
Nun, vielleicht liegt es momentan einfach in der Luft – dass sich junge Erwachsene im Angesicht der immer dringlicher bohrenden Frage, was mit dem Leben nun eigentlich Ernsthaftes anzufangen sei, und der zeitgleich ersten in der Verwandtschaft zu beklagenden Todesfälle (bei
Architecture In Helsinki waren es keine Großeltern, sondern einige Cousins) in kindliche Regression flüchten, sprich: Banden gründen und wieder Sandkasten spielen. Warum sollte so etwas in Melbourne nicht ganz ähnlich ablaufen wie in Montreal?
Architecture In Helsinki sind ein Haufen australischer Freunde, von denen noch nie jemand in Helsinki war und von denen niemand ernsthaft Ahnung von Architektur hat. Zusammen trommeln sie auf allen möglichen Klangquellen herum und haben in den USA bereits eine stattliche Anzahl von Alben verkauft. Sogar als Vorband für The Polyphonic Spree und Belle & Sebastian waren sie dort schon unterwegs. “Dabei ging’s uns am Anfang wirklich nur darum, am Wochenende etwas zu tun zu haben”, wundert sich Cameron Bird noch immer.
Dass ihr mitreißender, stellenweise bis zur Penetranz lebensbejahender Lasst-uns-alle-an-die-Hände-fassen-Pop so gut ankommt, liegt vielleicht daran, dass sie die euphorischeren Momente von Arcade Fire mit Synthesizer-Pop und noch einigen abwegigen Beilagen verrühren. Da wechseln die Sackhüpf-Beats eines Stücks bisweilen viermal das Tempo, dann schauen Placido Domingo und Montserrat Caballet vorbei, um im nächsten Moment Spaghetti-Western-Kulissen reinzuschieben – angefeuert von jubilierenden Bläserfanfaren.
Ein schizophrener Kauderwelsch, bei dem bisweilen die Vermittlerfähigkeiten von Cameron Bird – der sich lieber als “Projekt-Koordinator” bezeichnet als als “Bandleader” – gefordert sind. Zum Beispiel, wenn mal wieder ein Mitglied der Band schreit: “Das nächste Stück muss klingen wie ‘Fiddler On The Roof’!” während jemand anders fordert: “Nein, wie Wu-Tang Clan!” Am Ende jedenfalls glänzen
Architecture In Helsinki dann mit so wunderbaren Bubblegum-Songs wie “Do The Whirlwind”, zu dessen B-Girl-Bounce man fast schon wieder seine Gummitwist-Springseile auspacken möchte – und bei dem sämtliche Vergleiche mit Arcade Fire plötzlich nur noch an den Haaren herbeigezogen wirken.
Architecture In Helsinki dürfte dies nur recht sein. Denn ob nun als mutmaßliche Kopisten der Indie-Stars aus Montreal oder als ihre ahnungslosen australischen Seelenverwandten: In den CD-Regalen dieser Welt werden
Architecture In Helsinki noch lange genug neben Arcade Fire einsortiert.
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