Rise To Offend

Die endgültige Wahrheit über Metal – mit Early Man, A.R.E. Weapons und The Darkness

19.10.2005, 10:41, Text: Martin Riemann, Martin Riemann
[7 Kommentare]

\\\"I am here, right here / Where god puts none asunder / And you, in black dress and black shoe / You do invite me under / Go on, go there / You can see me aging / Stars turn, balls burn / Coming kids are raging.\\\"

\\\"Death to everyone is gonna come / And it makes hosing much more fun / Death to everyone is gonna come / And it makes hosing much more fun / La la la ...\\\"

Ja, \\\"La la la\\\". Genau darum soll es gehen. Heavy Metal ist zurück. Schon wieder. Und das die vorausgeschickten Zeilen keinesfalls aus der Feder irgendeines Metalheads stammen, sondern von Will Oldham (a.k.a. Bonnie \\\"Prince\\\" Billy) gedichtet wurden, soll hier auch nicht weiter stören, denn der Text von \\\"Death To Everyone\\\" ist so Metal wie einer nur sein kann. Man gab sich nie mit Kleinigkeiten zufrieden in diesem Genre, die Apokalypse musste mindestens drin sein.

Das war schon immer so, wenn einem schrille Stimmen in die Ohren schrien und man sich vorstellte, wie die eigenen Finger in Lichtgeschwindigkeit die Gitarrenhälse rauf und runter rasten, während gleichzeitig der Kopf versuchte, sich durch konvulsivisches Schütteln von den Schultern zu lösen ...

Heute gilt Metal oft als das leere Versprechen, sich einer besonders originellen Wurstigkeit zu befleißigen, einer schicken Ignoranz, die den wirklich guten Geschmack so was von gepachtet hat, dass man es sich leisten kann, einen Scheißhaufen als Krone zu tragen. Schon im 17. Jahrhundert gab es diese Attitüde, als Adlige von astronomischem Reichtum sich nach Art der Bettler kleideten, um ihr empfindsames Gemüt zu offenbaren. Pfui! Auf der anderen Seite sitzen die Puristen mit ihren XXL-T-Shirts und glauben, Metal sei komplexer als Jazz und Klassik zusammen. Auf Wikipedia streiten sich diese Experten darüber, ob irgendwelche Bands Classic, Symphonic Metal oder Neo Classical Power Metal machen. Wie wär's mit Klugscheißer-Metal? Könnt ihr alle mal aufhören, bitte? Es gibt kein Köchelverzeichnis für dieses Zeug. Man braucht nicht die Berliner Philharmoniker, einen diplomierten Metalexperten und ein High-End-studio, um das nächste Ding zu landen, wenn es um Metal geht.

Early Man. Keine Soli, keine Experimente

Wie wär's mit einem Gitaristen und einem Drummer? Fertig. Das sind Early Man aus New York. Ihr Markenzeichen: 0 % Campiness, 0 % Interesse, wie zur Hölle ihr Metal heißt, 100 % Enthusiasmus, wenn es darum geht, wie er klingen muss: kraftvoll, nicht zu sauber, ohne Special-Effects, mit fantasievollem Riffing und schön trocken runtergeschrubbt. Oh doch, das können zwei Leute hinkriegen, wenn auch natürlich mit Overdubs: \\\"Unser Sound ist sehr runterskelettiert auf das Wesentliche, sehr rhythmusorientiert. Wir haben uns über ein Jahr darüber Gedanken gemacht, wie die Platte klingen sollte, und favorisieren natürliche Verzerrung und analoge Aufnahmetechniken.\\\"

Mike Conte hat (mit seiner 73 Gibson SG und einer Jackson Randy Rhodes Flying-V) schon ein paar Jährchen die New Yorker Skater-Szene mit seinen Demobändern in Begeisterung versetzt, bevor Chris Lombardo von Matador Records ihm die Gelegenheit gab, mit \\\"Closing In\\\" ordentlich durchzustarten. \\\"Es juckte ihm seit einiger Zeit in den Fingern, mal eine Metalband zu signen, die auch ihn überzeugen konnte, und als er uns auf einem unserer Gigs sah, war ihm klar: Die sind's!\\\" Kein Wunder. Conte wirkt wie der Prototyp des unkomplizierten Oldschool-Metal-Kids: lange Haare, dezente Tattoos, Jeans, T-Shirt, leicht besoffen und vollkommen begeistert, wenn es um Musik geht. Zusätzlich hätte kein Promoter sich dessen Vita besser zu dieser Gelegenheit ausmalen können: Er stammt, wie übrigens auch sein Kollege Adam Bennati, aus einer Gemeinde von Zeugen Jehovas und konnte dort bis zu seinem 19. Lebensjahr komplett von den Einflüssen moderner Popkultur abgeschirmt werden. Es ist nur schwer vorstellbar, was jemand, der erst vor kurzem diese bizarren Verhältnisse hinter sich ließ, empfindet, wenn er mit einer Band wie Slayer konfrontiert wird. Im Fall von Conte, der seine Jacke auch gern mal mit Snoopy-Badges verziert, führte es dazu, dass er nach New York zog, um dort in vollen Zügen das Leben eines Metal-Bohemians zu führen. Tagsüber Riffs thrashen, abends Kopf abschrauben und aufpassen, dass man nicht ohne Bierflasche fotografiert wird.

Was ist neu an Early Man? Sie klingen zwar nach Merciful Fate, Judas Priest, Celtic Frost, Iron Maiden und anderen merkwürdig gekleideten Helden, sind aber in ihrer stoischen Rhythmik eindeutig Kinder des neuen Jahrtausends. Nicht umsonst zwingt Conte jeden, der ihn zum Flughafen fährt, \\\"Around The World\\\" von Daft Punk ins Kassettendeck zu stecken. Hier geht's um den Groove und den Sound. Übertriebenes Soli-Gedaddel und blödsinnige \\\"True Metal\\\"-Lippenbekenntnisse gibt's nicht. Experimente auch nicht. Warum auch? Der Metal, den Early Man machen, wurde niemals erfunden, sondern ist die konsequente Weiterentwicklung einer Kultur gelangweilter weißer Jugendlicher, die mit Rockabilly ihren Anfang nahm.

Hunderte von frustrierten Jugendlichen ordneten sich in den biederen Fünfzigern diesem relativ leicht zu begreifenden Schema unter, um musikalisch verbrämt über sexuelle Wunschvorstellungen, schnelle Autos, Drogen und exklusive Bekleidungsstücke zu berichten. Die Veröffentlichungen aus dieser Zeit sind unzählbar, und einen Sammler, der sie alle hat, gibt es nicht. Die nächste Generation dieser musizierenden, oftmals in obskuren Käffern lebenden amerikanischen Wohlstandskids traf sich in Garagen und vertonte bedeutend zynischer und mit stärker verzerrten Gitarren dieselben Themen. Der Sixties-Punk oder Garage produzierte so ebenfalls eine wahrhaft beeindruckende Masse von großartig rauem Zeug, das bis heute die Charts beeinflusst. Bei einer Band wie den auch damals sehr populären Sonics ließ sich schon erahnen, was die Kids zehn bis zwanzig Jahre später so aufnehmen würden: infernalisches Kreischen, over the top verzerrte Gitarren und Themen, die um Gift, Hexen und pathologisch Kranke kreisten. Eine skizzenhafte Blaupause des kommenden Metal-Universums. Eine andere Band aus dieser Zeit, die Amboy Dukes, erlaubten ihrem Gitarristen Ted Nugent bereits Mitte der 60er, Standard-Repertoire wie \\\"Baby Please Don't Go\\\" mit irrwitzigem Gitarrengedudel zu verzieren. Metal ist eine stufenlose Weiterentwicklung einer juvenilen Kreativität, die jedes Mal aus demselben Ennui gegenüber einer verschlafenen Vorstadtgesellschaft geboren wurde. Metal provoziert nicht, er beleidigt einfach durch seine schiere Existenz. Oder versucht es zumindest.

Keiner weiß das so gut wie jemand, der in einem Alter, wo andere schon drei bis vier Trends durchgeackert hatten, noch mit einem Gebetbuch durch die Gegend rannte: \\\"Metal ist rebellisch, ohne kitschig zu sein.\\\" Mike Conte, das Ex-Sektenmitglied, hat gelernt, an etwas zu glauben; seinen Wunsch von Rebellion ohne hohle politische Phrasen und von Abgrenzung ohne elitäres Undergroundgehabe erfüllt ihm Metal mit dessen oberflächlichen Aggressionsausbrüchen und dessen Groschenheftromantik: \\\"Auf der Suche nach Identifikation braucht man etwas, das einen möglichst unwiderstehlichen, starken Eindruck hinterlässt, und Hardcore und Metal hatten für mich definitiv diese Macht.\\\" Und so fühlt er sich auch dessen klassischen Themen verhaftet. Mit Titeln wie \\\"Death Is The Answer\\\", \\\"The Kill Is The Thrill\\\" oder dem herrlichen \\\"Raped And Pillaged\\\" machen Early Man auf ihrem Debüt traditionsbewusst klar, dass sie gekommen sind, um mit ihrer unkanalisierten Vorstellung von billigem Vergnügen entweder mitzureißen oder total zu nerven, und das ist ziemlich mutig in Zeiten, wo es viel zu viele Hintertüren gibt, durch die man seine Authentizitätskrücken ohne Konsequenzen hinter sich lassen kann.

A.R.E. Weapons. Kein Deo, viel Elektro

Da Metal mit seiner Affinität zu Gewaltverbrechen, Pin-up-Ikonografie, Krieg und Satan, gepaart mit einem absonderlich feminin wirkenden Dress-Code, das Potenzial zum Cashflow hat, sind Early Man nur ein Teil des Metal-Zeitgeists. Die neuen Slayer-Vans begehren keinesfalls nur Leute, die auch tatsächlich Schallplatten dieser Band im Schrank haben, Metal ist in bestimmten Szenezusammenhängen so cool wie Porno.

So lassen die schwitzigen Elektrorocker A.R.E. Weapons, ebenfalls aus NYC, bei ihren Auftritten ordentlich Haare wirbeln und sind von ihrem äußeren Auftreten her kaum von mittlerweile in Vergessenheit geratenen Bands wie Anvil Bitch oder Executioner zu unterscheiden, die Anfang der 90er die Genre-Fans mit lachhaft bemalten Horror-Szenario-Covern beglückten. Das simple Outfit dieser Jungs gibt mit enger Jeans, T-Shirt, Lederjacke, eventueller Jeanskutte und ungekämmten Haaren allerdings nicht unbedingt so viel her, dass man eventuellen Style-Epigonen wirklich vorwerfen könnte, sie würden sich verkleiden.

The Darkness. Kein Fuck, keine Weiterentwicklung

Der richtige Zirkus findet ja ohnehin auf der anderen Seite des Ozeans statt, auf der Insel, wo schon seit jeher jeder Musikstil auch auf seine Tauglichkeit in Sachen Music Hall und Vaudeville verwertet wird. Abgespeckte Drum-Sound-Nerds wie Early Man haben es schwer, sich dort durchzusetzen, haarsträubende Bühnenkostüme und chronisches Augenzwinkern sind dort ebenso wichtig, wie man an den ewig gut gelaunten Spandexrockern von The Darkness sehen kann. Diese Herren haben es immerhin geschafft, mit einem Haufen recht schaler Versatzstücke eine ganz eigene Nische zu basteln, in der es vor Energie nur so sprüht. Es ist nur sehr schwer möglich, sich so eine Band in einer kleinen Venue, geschweige denn in irgendeiner Garage vorzustellen. Nicht dass nicht auch Bombast mal klein angefangen hat, aber ... \\\"Am Anfang haben wir zwar vor 200 bis 300 Leuten gespielt\\\", erinnert sich Darkness-Gitarrist Dan Hawkins, \\\"aber auch damals habe ich mir die ganze Zeit vorgestellt, wir würden schon im Stadion vor Tausenden von Fans spielen. Das hat nicht nur gut funktioniert, es klappte so einfach viel besser, und deswegen konnten wir auch sofort alle Erwartungen erfüllen, als es dann richtig losging.\\\" Hier ist \\\"bigger than life\\\" noch schicker als \\\"stripped to the bone\\\", und dementsprechend überfressen ist auch der Sound dieser Hard-Rock-Village-People, die auch vor dem Einsatz von Dudelsäcken und Panflöten nicht zurückschrecken. Überzeugend sind sie trotzdem, denn sie leben nicht in dem Irrglauben, dem Genre etwas Neues hinzufügen zu müssen, und bleiben so jedenfalls in ihrem Konservatismus dem Metalgedanken treu. Dan Hawkins äußert sich dann auch frank und frei bezüglich der Frage, ob The Darkness im Jahr 2005 irgendetwas Neues in puncto Rock zu bieten haben: \\\"I don't give a f**k about that. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, Rock weiterzuentwickeln. Alles, was ich will, ist, dass Rock weitergeht.\\\" Und Rock geht weiter, Dan.

Die berechtigte Annahme, dass eine Band wie Early Man allein schon durch ihr Signing bei Matador für Aufsehen sorgen wird, eröffnet hinsichtlich des lang erwarteten \\\"One Way Ticket To Hell ... And Back\\\" von The Darkness interessante Perspektiven. So meilenweit entfernt die Rock-Entwürfe dieser beiden Bands auch voneinander entfernt zu sein scheinen, ihre unerwachsenen Gegenwelten erfüllen doch dasselbe Ziel. Ob mit Kriegsadlern und dem Tod als Chance oder mit kaputten Beziehungen, ewiger Potenz und meinetwegen auch Dudelsäcken. Einem gemeinsamen Billing steht seltsamerweise nichts im Wege. Immerhin lernte Dan Hawkins seine Gitarren-Skills in einer Slayer-Cover-Band und gibt zu, dass sowohl das meiste seiner Gitarrenarbeit sowie Bruder Justins Gesang \\\"purer Metal sind\\\". Mit der Gabe, ihren Fans eine Menge unprätentiöser Energie zu injizieren und deren Adrenalinpegel zu pushen, sind sie also doch irgendwie in diesem seltsamen Ding namens Metal vereint. Ohne Ende.

\\\"So strap me on and raise me high / Cause buddy I'm not afraid to die / But life is long and it's tremendous / And we're glad that you're here with us / And since we know an end will come / It makes our living fun.\\\"



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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  • Hense 25.10.2005 | 16:50:10
    Death Metal Master 666
    Drei bessere Gründe, nach langer Zeit in diesem Jahr mal wieder Metal zu hören:

    1. Obituary
    2. Bolt Thrower
    3. Gorefest

  • Hense 25.10.2005 | 16:50:10
    Death Metal Master 666
    Drei bessere Gründe, nach langer Zeit in diesem Jahr mal wieder Metal zu hören:

    1. Obituary
    2. Bolt Thrower
    3. Gorefest

  • User: ferriswheel
  • ferriswheel 25.10.2005 | 17:13:51

    noch bessere Gründe:

    3 Inches of Blood
    Burst
    Machine Men
    Arch Enemy
    Anthrax Alive2

  • User: ferriswheel
  • ferriswheel 25.10.2005 | 17:13:51

    noch bessere Gründe:

    3 Inches of Blood
    Burst
    Machine Men
    Arch Enemy
    Anthrax Alive2

  • Hense 04.11.2005 | 15:12:25
    Death Metal Master 666
    Immer diese Nachgewachsenen ;)
    Ferriswheel, check mal lieber die frühen Arch Enemy mit Johan Liiva am Mikro. Das vorherige Burst-Album war übrigens auch schöner. Nix für ungut & "metallische Grüße" :)

  • Hense 04.11.2005 | 15:12:25
    Death Metal Master 666
    Immer diese Nachgewachsenen ;)
    Ferriswheel, check mal lieber die frühen Arch Enemy mit Johan Liiva am Mikro. Das vorherige Burst-Album war übrigens auch schöner. Nix für ungut & "metallische Grüße" :)

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