Animal Collective

Kindlich, aber nicht kindisch

18.10.2005, 16:08, Text: Heiko Behr, Heiko Behr

\"We never wanted to be a fully normal band.\" So ganz nebenbei fällt dieser Satz im Mail-Interview. Und kristallisiert sich heraus zu einem Fluchtpunkt für ein Gefüge aus einer Hand voll neugieriger Menschen, das sich beständig verschiebt, immerzu auf der Suche ist - musikalisch und textlich. Aber nach was eigentlich? Und woran lässt sich das festmachen? Und meinen die das alles eigentlich ernst? Oder ist das ein Riesenwitz auf Kosten der Zuhörer? Mehr Fragen als Antworten bleiben von einem musikalischen Experiment, das keine Band sein will und damit einem ungewissen Pfad folgt. Jetzt schon verwirrt? Willkommen in der Welt vom Animal Collective.

Es fällt schwer, den Ist-Zustand des Animal Collective zu beschreiben.

Sobald man glaubt, ihnen nahe gekommen zu sein, sind sie schon wieder ganz woanders. Hautnah lässt sich das zum Beispiel in ihren Konzerten erfahren: Wo andere Bands sich live als reisende Jukeboxes verdingen und brav die Zuschauerwünsche abhaken, kann man sich beim Animal Collective nur bei einem relativ sicher sein - voraussichtlich wird man kein einziges Stück kennen bzw. wieder erkennen. Schlagzeuger und Gründungsmitglied Noah (a.k.a. Panda) erklärt: \"Es ist wichtig für uns, dass wir nicht einfach nur tun, was wir zuvor schon getan haben. Es ist wichtig und aufregend, immer wieder einen ganz neuen Weg einzuschlagen. Die Musik ist eine Reflexion davon, wer wir sind und was um uns herum passiert, sowohl für uns als Individuen als auch für uns als eine Gruppe von Menschen, die Beziehungen zueinander pflegen. Und weil wir uns ständig verändern und unsere neu gewonnenen Erfahrungen alles wieder über den Haufen werfen, folgt unsere Musik diesem Pfad ebenfalls - wenn du weißt, was ich meine.\" Ich ahne, was er meint. Denn in diesem Selbstverständnis verbirgt sich der Kern dessen, was das Kollektiv bewegt - eine kindliche (und nicht kindische!) Herangehensweise an die Dinge.

Aus erwachsener Sicht werden Kindern ja allerhand Fähigkeiten zugewiesen, die sich (leider) auf dem Weg ins Alter abschleifen: Unbekümmertheit, Naivität und gedankliche Freiheit beispielsweise - und daraus resultierend Urwüchsigkeit, Ungeschliffenheit und Originalität. Erwachsene beneiden sie um diesen Zustand, weil sie sich selbst oft an diesen beschützten Ort der Vergangenheit zurückdenken. Mehr als das Zurückdenken ist ja nicht drin, denn der viel beschworene Verlust der Unschuld ist unumkehrbar - eigentlich zumindest. Die Mitglieder des Animal Collective haben sich diesen kindlich-kreativen Zustand irgendwie bewahrt, oder sie besitzen tatsächlich die Sensibilität, sich hineinzudenken - und ihre Musik kreist um dieses surreale Zentrum des Unbewussten.

Musikalisch spielt das Animal Collective mit den Gegensätzen: Chaos gegen Kontrolle, Improvisation gegen strikte Regeln, kindliche Euphorie gegen professionelle Soundvisionen. Auf ihrem (mittlerweile siebten) Album \"Feels\" laufen immer wieder schräge, perlende Pianokaskaden ins Nichts, lose von Tribalbeats im Rahmen gehalten. Verhallte hohe Stimmen werden sorgfältig ineinander verkeilt, wispern sich die verborgenen Geheimnisse des Universums zu, bevor sie kreischend im Höhepunkt auseinander stieben. In der zweiten Hälfte des Albums drosseln sie dann abrupt die Geschwindigkeit und nähern sich organischen Ambienttexturen. So wenig diese Sounds sich gängigen (Pop-) Formaten unterordnen, so sehr drängen immer wieder betörende, schmachtende Melodien an die Oberfläche. Sie verdoppeln und verdreifachen sich, überschlagen sich schier, nur um wieder von verfremdeten elektronischen Loops verschluckt zu werden. Ja, es ist ein fremder, seltsamer Ort, an dem das Animal Collective seine Kreise zieht. Nichts davon wirkt forciert oder wie eine Gegenbewegung, alles ist organisch, frei und natürlich. Genauso wenig beziehen sie sich auf vermeintliche Gründerväter und legen keinerlei deutliche Referenzen frei - vielmehr arbeiten sie in einem möglichst freien, entrückten Raum, einem Hirngespinst höchstens, das nicht ganz von dieser Welt ist.

So was lässt sich natürlich nur schwer einordnen. Angepoppter Freejazz? Freundlicher Psycho-Noise? Oder gar Freak Folk? Nichts davon stimmt, alles gibt höchstens eine vage Ahnung. So unbestimmt bleibt auch Noah: \"Ich sehe schon, worauf du hinaus willst. Ich weiß nur nicht, ob wir überhaupt eine Art innerer Bedeutung haben. Es sei denn, einfach eine gute Zeit zu haben, uns gut zu fühlen und gut zu sein.\" In Aussagen wie diesen lässt sich nachvollziehen, warum das Animal Collective nicht gern und auch nur selten Interviews gibt. Sie weigern sich, die eigene Musik auf den Seziertisch zu legen, und befürchten wohl auch, ihre musikalische Unschuld zu verlieren. Eine Lektion, die beispielsweise Brian Wilson auf eine schmerzhafte Weise lernen musste.

Auf seinem Vorgängeralbum, dem hauptsächlich akustischen \"Sung Tongs\", war das Animal Collective zu einem Duo mit Avey Tare und Panda zusammengeschmolzen, jetzt sind Geologist und Deakin wieder mit an Bord. Dazu kommen Eyvind Kang (u. a. Mr. Bungle, Arto Lindsay, John Zorn) an der Violine und am Klavier Kristín Anna Valtysdóttir (Múm, Storsveit Nix Noltes). Und so macht auch ihr Name Sinn. Sie verstehen sich eben nicht als klassische Band, sondern tatsächlich als freier Verbund gleich Gesinnter. Noah erzählt: \"Unsere Freundschaft ist wichtiger als die Band. Eine Band-Atmosphäre scheint mir restriktiv und exklusiv. Das ist ja nicht unbedingt schlecht, weil manche Leute diesen Druck brauchen, um zusammen und fokussiert zu bleiben. Das fühlt sich für uns aber einfach nicht richtig an, deshalb halten wir die Dinge etwas loser. Irgendwann wurde das Ganze dann Kollektiv genannt. Dabei mag ich das Wort nicht besonders, weil es sich so akademisch anhört, und darum geht es bei uns nun überhaupt nicht. Das 'Animal' in unserem Namen kommt daher, weil wir alle glauben, Tiere sind toll.\" So schlicht, so einfach ist das also. Im Nachhinein eine treffende Namenswahl, kann man doch ihren musikalischen Zugang nur instinktiv nennen. Trotzdem haben sie sich entschieden, keine Tierkostüme mehr zu tragen auf ihren Konzerten - früher eines ihrer Markenzeichen. Noah: \"Wir wollen nicht, dass es wie ein Gimmick aussieht. So nach dem Motto: 'Los, gehen wir zur Show von den Typen mit den Masken.' Aber es macht halt Spaß, weil es die Transformation auf der Bühne vereinfacht.\"

So bewusst vage und schmucklos Noah sich im Interview äußert, so mystisch sind die meist surrealen Texte. Im heimlichen Hit \"The Purple Bottle\" hetzt die Stimme von Avey Tare durch die nachlässig geschrammelten Gitarrenakkorde. Das rudimentäre Schlagzeug klingt wie im Nebenraum aufgenommen, zahllose Chöre schlängeln sich um die Melodie: \"I've gotta big big big heart beat / Yeah I think you are the sweetest thing / I wear a coat of feelings and they are loud / But I've been having good days / And do you think we are the right age to start out own peculiar ways?\" Das Tempo zieht an: \"I've never met a girl that likes to drink with horses and knows her Chinese ballet I must admit / You smell like fruity nuts and good grains\" - nur um dann zu enden mit: \"It'd make me sick sick sick to kiss you and I think that I would vomit but I'll do that on Mondays / I dont have a work way.\" Nichts verstanden? Willkommen in der Welt des Animal Collective.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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