Mitchell Brothers / Roll Deep

Wer hat Angst vor Grime?

18.10.2005, 15:52, Text: Gregor Wildermann, Gregor Wildermann
[11 Kommentare]

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Nach außen pflegt das Königreich England Traditionen und Monarchie, bleibt bei Sex und Pubzeiten immer noch konservativ und politisch fest an der Seite des großen Bruders Amerika, doch in der Musik muss nahezu mit jedem Kalenderwechsel ein neues Übermonster durchs Dorf London getrieben werden, und davon bleibt die Clubszene erst recht nicht verschont. Die Evolutionsleiter wird immer weiter automatisiert: Hardcore, Jungle, Drum'n'Bass, UK-Garage und seit letztem Jahr das Phänomen Grime. So who is afraid of the word?

Dizzie Rascal, gerade mal 20 Jahre alt, hat mit seinen zwei Alben \\"Treddin' On Thin Ice\\" und \\"Showtime\\" bereits bewiesen, welches Massenpotenzial Grime haben kann.

Seine Single \\"Boy In Da Corner\\" knackte die Charts, und seitdem kocht der Londoner Underground die Talentsuppe, nur um zu sehen, was wann und wo überschwappt.

Grime ist seit knapp zwei Jahren das Wort der Stunde, war innerhalb der Szene jedoch von Anfang an verhasst. Wie aber soll ein Hype funktionieren, wenn alle Beteiligten dem Leitbegriff sofort den Rücken kehren? Wie können extrem schnelle Rappassagen, versetzte Beats und tiefe Griffe in die Effektbaukiste sonst subsumiert werden? Selbst beim Piratensender Rinse FM (in London auf der Frequenz 100.3) gibt es keine einheitliche Richtungsvorgabe, machen andere Begriffe wie \\"Eski\\" oder \\"Sublow\\" die Runde. Die großen Plattenfirmen suchen derweil stoisch im Pool der Talente - nur: ist jetzt überhaupt die richtige Zeit für einen neuen Hype? Lässt die Flut von The-Bands ein anderes Phänomen zu? Und gilt es nicht zu bedenken, dass, als Drum'n'Bass nach dem Hype um Goldie, Metallheadz und Grooverider durchs Dach schoss und die Majors eine ganze Reihe von Produzenten in die Albumzwangsjacke steckten, die große Blase der gebrochenen Beats in den Charts und Megastores zerplatzte? Man könnte also fragen, ob die momentane Clubszene daraus gelernt hat. Wäre es nicht an der Zeit, den Underground-Status als gegeben anzunehmen?

2 Brothers In Crime

Zu dieser Frage können Tony und Teddy Mitchell, beide 24 Jahre alt und aufgewachsen in Vierteln wie Illford, Stockwell oder Manor Park, nur bestätigend nicken. Sie sind das erste Signing von Mike Skinners Label The Beats (im Frühjahr waren sie schon auf der Labeltournee \\"10 Rounds: The Show\\" mit dabei), und obwohl sie sich persönlich Lichtjahre vom Begriff Grime entfernt fühlen, passt ihr Albumdebüt \\"A Breath Of Fresh Attire\\" genau auf diese Geschmacksbaustelle. Musikalisch sind die Wurzeln von Skinners Produktionsweise klar erkennbar, da verwundert es nicht, dass die Aufnahmen komplett in dessen Wohnung abgewickelt wurden. Und obwohl den Mitchell Brothers damit noch ein eigenes Profil fehlt, zeugen die Texte umso mehr von Authentizität.

Vor allem Stücke wie \\"Routine Check\\", das die soziale Ausgrenzung durch unablässige Polizeikontrollen beschreibt, liefern ein klares Bild ihres Lebens. In diesen Momenten nähert sich der angeblich undefinierte Musikstil eindeutig der großen Mutter HipHop, die es im großen United Kingdom ja nie zur Ausuferung geschafft hat. Selbst wenn die Themenwahl der Genres Parallelen zeigt, sieht das gezeichnete englische Gesellschaftsbild hier völlig anders aus: \\"Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir in unseren Texten zum Thema machen\\", sagt Toby. \\"Ich könnte drei Stücke nur über einen einzigen Lacoste-Pullover machen, und mir wäre vollkommen egal, was die Leute darüber denken. Und auch dass ich Fußball-Fan bin, ein elementarer Teil meines Lebens, gehört auf das Album. Schließlich sind wir Engländer, auch wenn wir täglich zu spüren bekommen, dass wir nur am Rande der Gesellschaft vorkommen - deswegen mache ich mir auch keine Illusionen, dass wir mit unserem Album wirklich etwas bewegen können. Aber wer unser Leben kennt oder einen ähnlichen Weg gehen musste, wird sich in den Geschichten wieder erkennen.\\"

Ginge es nur um das Marketing, wäre der Begriff Grime mit seiner Klangähnlichkeit zu Crime ein gekonnter Schachzug. Während UK-Garage noch nach musikalischer Identitätskrise und 2Step nach einem Fitnesskurs für reiche Bankerfrauen klang, hat Grime den Geruch von Hinterzimmern, an deren Türen \\"Do Not Enter\\" steht. Und vom HipHop hat man gelernt, dass die Verpackung elementarer Bestandteil des Markterfolges ist: Bling-Bling, Luxuskarossen mit Breitwandfelgen und Frauen in Bikinis besitzen eben leider mehr Anziehungskraft als verschwitzte Typen in Trainingsanzügen mit einem so schnellen Sprachflow, dass selbst eine Zeitlupe nicht weiterhilft.

13 Brothers In Crime

Die wohl größte Schnittmenge zum HipHop liegt im Blockparty-Charakter der Grime-Partys, in denen die Skills der MCs im Zentrum der Aufmerksamkeit liegen. Passend dazu sicherte sich Virgin Records das Signing der aus 13 Mitgliedern bestehenden Formation Roll Deep. Die ehemalige Crew von Dizzie Rascal, beheimatet im Osten von London, könnte mit ihrer Flut von Talenten und ausführenden Produzenten wie Target für das Monster namens Grime der nötige Triebmotor werden. Auf dem überaus vielfältigen Album \\"In At The Deep End\\", erschienen bei Relentless Records, wird gleich ein Dutzend Künstler aufs Podest gehoben: Alex Cartana, Donaeo, J2K, Jenna G oder Alex Mills (der mit \\"Bus Stop\\" eigentlich einen weltweiten Sommerhit hätte landen müssen ...). Andere Crew-Mitglieder wie Flow Dan, Trim, Brazen, Scratchy, Carnage, D Double, Breeze oder Discordia, einer der wenigen weißen MCs, erkennt man mit etwas Übung an ihren ganz eigenen Styles, die jeder mit Inbrunst pflegt. Und Roll Deep, die im Plattenladen Rhythm Division in der Roman Road eine Homebase gefunden haben, können tatsächlich behaupten, sich nicht auf Grime als Stilschublade reduzieren zu lassen. Sie leisten sich mit \\"Western Skit\\" (ähnlich wie EPMD) ganz gelassen eine verdrehte Cowboy-Sergio-Leone-Parodie.

Spricht man mit Produzent Target über den Begriff Grime, betont auch er den Abstand zu dieser Stilschublade, die anscheinend nur Nachteile hat. Vor allem das Thema Gewalt auf Grime-Partys hat den Begriff eindeutig verbrannt. Obwohl Target selber in seinen Mixen gerne mal Gunshotgeräusche als Überblendung verwendet, hält er die Anschuldigungen der englischen Presse für überzogen: \\"Auf den Partys sind nun mal eine Menge Ego-Typen unterwegs, da kommt es halt zu Reibereien. Aber das hat es immer gegeben, und die Typen, die richtig Ärger machen, interessiert die Musik gar nicht. Da können wir auch nichts gegen machen!\\" Da empfiehlt sich Target doch lieber mit einer selbst produzierten Showcase-CD/DVD namens \\"Aim High\\", die neben einer Mix-CD eben auch eine DVD enthält, mit der in bester Urlaubsfilmerqualität ein Einblick in das Leben der gesamten Roll-Deep-Posse gegeben wird. Wenn niemand definieren will, was Grime wirklich ist, ist ein Dokumentarfilm vielleicht das beste Medium, ein Bild vom Londoner Underground abzugeben. \\"Man muss ja mal die Realitäten sehen: In den Plattenläden wird von unserem Style nur noch sehr wenig Vinyl verkauft, stattdessen wollen alle Kids MC werden. Da ist es gut, dass wir mit DVDs einen ganz neuen Weg gehen können und die Leute auch mitbekommen, wie unser Leben aussieht.\\"



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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  • User: popboy
  • popboy 26.10.2005 | 18:39:57

    das muss gesagt werden...der text ist nicht nur unglaublich mies sondern darueberhinaus noch voller fehler!!! die zwei offensichtlichste: "treddin on thin ice" ist eine platte von wiley, nicht von dizzee. und die single, auf die da angespielt wird, muss wohl "i love you" und nicht "boy in da corner" sein, das waere naemlich seine debut platte. und das bei einer vermeintlichen cover story. grow up.

  • User: popboy
  • popboy 26.10.2005 | 18:39:57

    das muss gesagt werden...der text ist nicht nur unglaublich mies sondern darueberhinaus noch voller fehler!!! die zwei offensichtlichste: "treddin on thin ice" ist eine platte von wiley, nicht von dizzee. und die single, auf die da angespielt wird, muss wohl "i love you" und nicht "boy in da corner" sein, das waere naemlich seine debut platte. und das bei einer vermeintlichen cover story. grow up.

  • User: qwert_zuiopü
  • qwert_zuiopü 26.10.2005 | 19:04:19

    aua! das sind echt ein paar peinliche fehler! liest das denn niemand durch bevor es veröffentlicht wird? anscheinend kennt der autor auch keine einzige platte über die er schreibt...

  • User: qwert_zuiopü
  • qwert_zuiopü 26.10.2005 | 19:04:19

    aua! das sind echt ein paar peinliche fehler! liest das denn niemand durch bevor es veröffentlicht wird? anscheinend kennt der autor auch keine einzige platte über die er schreibt...

  • Timo Chan 26.10.2005 | 20:31:30

    ist echt geil, der vergleich zu hip hop: als äre das alles bling bling und grime jetzt der alternativ-entwurf...
    ???

  • Timo Chan 26.10.2005 | 20:31:30

    ist echt geil, der vergleich zu hip hop: als äre das alles bling bling und grime jetzt der alternativ-entwurf...
    ???

  • uglycasanova 27.10.2005 | 11:36:40

    der bursche heißt außerdem dizzee.

  • uglycasanova 27.10.2005 | 11:36:40

    der bursche heißt außerdem dizzee.

  • User: prinzessin
  • prinzessin 01.03.2006 | 19:05:36
    auf der erbse
    "andere Crew-Mitglieder wie Flow Dan, Trim, Brazen, Scratchy, Carnage, D Double, Breeze oder Discordia"

    Die Mitglieder der Roll Deep Crew nennen sich wie folgt: Brazen, Breeze, Scrtchy (nicht ScrAtchy), Maximum, Riko, Danny, Tri M, DJ Target, Jet Le, Flow Dan, Roachee und Karnage (nicht Carnage). Ganz abgesehen davon, dass oben der Kreativkopf hinter Roll Deep nicht einmal erwähnt wird, seine Musikrichtung "Eski" aber schon: Wiley!

    Einen MC namens "D Double" gibt es überhaupt nicht, doch da wäre "D Double E", welcher aber mit der Roll Deep Crew absolut gar nichts am Hut hat.

    Ein MC namens Discordia ist mir auch nicht bekannt, bei der Roll Deep Crew gibt es ihn jedenfalls nicht.

  • User: prinzessin
  • prinzessin 01.03.2006 | 19:05:36
    auf der erbse
    "andere Crew-Mitglieder wie Flow Dan, Trim, Brazen, Scratchy, Carnage, D Double, Breeze oder Discordia"

    Die Mitglieder der Roll Deep Crew nennen sich wie folgt: Brazen, Breeze, Scrtchy (nicht ScrAtchy), Maximum, Riko, Danny, Tri M, DJ Target, Jet Le, Flow Dan, Roachee und Karnage (nicht Carnage). Ganz abgesehen davon, dass oben der Kreativkopf hinter Roll Deep nicht einmal erwähnt wird, seine Musikrichtung "Eski" aber schon: Wiley!

    Einen MC namens "D Double" gibt es überhaupt nicht, doch da wäre "D Double E", welcher aber mit der Roll Deep Crew absolut gar nichts am Hut hat.

    Ein MC namens Discordia ist mir auch nicht bekannt, bei der Roll Deep Crew gibt es ihn jedenfalls nicht.

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