
Matias Aguayo
Eine andere Party ist möglich
17.10.2005, 17:15, Text:
Jan Kedves,
Jan Kedves
Es ist nicht so einfach, hinter das Geheimnis von Matias Aguayo zu kommen. Zu ergründen, wie er es schafft, im großen Clubmusik-Einerlei mit einem unbestechlich eigenen Groove obenauf zu schwimmen. Sicher, man wird im Zusammenhang mit ihm von gedrosseltem Tempo und teils gesungenen, teils geflüsterten Vocals sprechen. Auch von Eleganz, hypnotischen Arrangements und Pop-Anschlussfähigkeit. Und früher oder später wird man noch auf das Wort kommen, das schon häufig auf Closer Musik, Aguayos vorheriges Projekt, angewendet wurde und an dem bei seinen Soloproduktionen nun erst recht kein Weg vorbeiführt: Sexiness. Damit ist man aber noch nicht am Ziel.
Es hat mit der Ambivalenz von Aguayos Rhythmen zu tun. Anstatt sich auf eine einzige Marschrichtung einzuschießen, hüllen sie sich in Schleier, werfen Falten, lassen Raum für Imagination. Man könnte sich an \"Nightclubbing\" von Grace Jones erinnert fühlen. Tatsächlich bestätigt Aguayo, er habe ein Faible für Sly & Robbies Reggae-Rhythmen, zu deren Backbeat sich auch in halbem Tempo tanzen lasse. Genauso, wie er in Sachen Arrangement nicht unwesentlich vom Wild-Pitch-Meister DJ Pierre und dessen Schicht-für-Schicht-Prinzip beeinflusst sei. Dazu kommt dann seine Stimme, die sich nicht einfach autoritär über die Spuren legt, sondern sich mit hineinwebt: Percussions aus Stöhnen und Zischen. \"Are You Really Lost\", fragt Aguayo so auf seinem ersten Soloalbum, um die Tänzer doch, anstatt sie ihrem Taumel zu überlassen, aufzufangen. \"Eine andere Party ist möglich\", davon ist Aguayo ganz fest überzeugt.
So, wie auch ein anderes Leben möglich ist: \"Are You Really Lost\" hat Aguayo Biografien \"abseits mittelständischer Erfolgsgeschichten\" gewidmet, Freunden, \"die nicht in allem ihren Vorteil suchen\" und so - zumindest gemessen an bürgerlichen Standards - auf der Strecke bleiben. Menschen, die auf jeder guten Party gebraucht werden, die auf Schlipsträger morgens in der U-Bahn aber wie Besucher von einem anderen Planeten wirken. Dass Aguayo seinen Titeltrack mit den unheimlichen Geigenfiguren aus B-52's' \"Planet Claire\" kombiniert, ist da bestimmt kein Zufall.
Produziert hat Aguayo \"Are You Really Lost\" zusammen mit Marcus \"Roccness\" Rossknecht. Vorgestellt wurden die beiden einander vor Jahren auf einer Party in Barcelona, wo Rossknecht damals wohnte. \"Als Mike Paradinas aufgelegt hat, haben wir beide immer mehr auf den Bass getanzt als auf die Drums\", erinnert sich Aguayo. Für \"Are You Really Lost\" hat der mittlerweile wieder in Hamburg lebende Rossknecht nun die klassische Producer-Rolle übernommen - Aguayos in einem ständigen Vagabundieren zwischen Köln, Buenos Aires und Berlin entstandenen Stücken also den letzten Schliff verliehen. \"Diese Platte ist nicht im Sitzen produziert worden\", resümiert Aguayo. Vielleicht ist das Teil seines Geheimnisses: dass er, der \"Closer Dancer\", dem Widerspruch, den viele seiner Kollegen produzieren, wenn sie Tanzmusik aus den immer gleichen Lederchefsesseln heraus ersinnen wollen, von vornherein aus dem Weg schlenkert.
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