Martha Wainwright

Tochter, Schwester, Motherf***er

17.10.2005, 15:47, Text: Jan Kedves, Jan Kedves

Wann genau sie zum ersten Mal auf der Bühne stand, daran kann sich Martha Wainwright nicht mehr erinnern. Sie muss so klein gewesen sein, der Moment ist ihr irgendwo im Nebel frühkindlicher Eindrücke verloren gegangen. Genau erinnern kann sie sich nur an den Auftritt, bei dem sie zum ersten Mal dachte: \"Wow, das ist cool!\" Sieben oder acht Jahre alt muss sie da gewesen sein, sagt sie, sie könne es noch genau vor sich sehen: Ihr Bruder Rufus, ein Freund von ihm und sie, die kleine Martha, alle stolz grinsend um ein Mikrofon versammelt. \"War es beim Cambridge Folk Festival, oder in Newport?\" rätselt sie und summt dann die Melodie des Songs, dessen Refrain sie damals trunken vor Glück machte.

Die Melodie von \"Dead Skunk In The Middle Of The Road\", einem Hit ihres Vaters, der seine Kinder bei seinen Auftritten gerne auf die Bühne holte. Aus heutiger Perspektive würde Martha eher sagen: der seine Kinder auf der Bühne gerne vorführte. Es scheint ganz schön schlimm zu sein, Loudon Wainwright III als Vater zu haben. Das ahnte man schon, als sein Sohn Rufus Anfang 2003 in seinem herzzerreißenden Song \"Dinner At Eight\" drohte, ihn zu steinigen. Und auch Martha, seine Tochter, scheint ihr Kreuz mit ihm zu tragen. In ihrer Erinnerung kommt er zumindest nicht als \"loving, caring, understanding family father\" vor, sondern eher als streitsüchtiger, manipulativer, misogyner Schürzenjäger, der das Weite suchte, als sie ihn am meisten brauchte.

Heute ist Martha Wainwright eine zierliche Person mit kleinen Füßen und hochgestöckelten Stiefeln, engen Jeans und weiter Bluse, die sich ihre langen Haare ins Gesicht wischt. Ein Gesicht, das für eine 29-Jährige - auch wenn man so etwas natürlich nicht gerne sagt - möglicherweise schon einen Tick zu verlebt aussieht. Ihr Weg zum ersten Soloalbum führte eben nicht unbedingt geradeaus. Denn natürlich dachte sie zuerst, sie selbst würde niemals Musikerin werden. Viel zu nahe liegend. Nur: Was soll man anderes machen, wenn man nun mal aus einer Musiker-Dynastie stammt - außer vielleicht auf die Schauspielschule gehen? Bevor sie vor sieben Jahren nach New York zog, ging sie in Montreal tatsächlich auf die Schauspielschule. In New York fingen ihre Songs dann aber trotzdem an, sich zu schreiben, wie von alleine. Ihre Bestimmung, also doch.

Sie ging auf Tour mit den legendären McGarrigle-Schwestern - ihrer Mutter Kate und ihrer Tante Anna - und begleitete ihren Bruder als Background-Sängerin. Dass nun ihr Debütalbum herauskommt, mag, gemessen an Standard-Musikerkarrieren, reichlich spät erscheinen. Andererseits hatte sie so eben mehr Zeit, an den Strukturen ihrer Songs zu feilen und für die Texte die Narben ihrer Kindheit zu scannen. Martha Wainwrights Musik klingt bei weitem nicht so pompös theatralisch wie die ihres Bruders. Die Songs, die sie spielt, sind häufig sehr countryhaft, bisweilen ein wenig Chanson-flatterig und nur manchmal auch ein bisschen Musical-kokett. Ihr Debütalbum lebt dabei, das ist klar, einzig und allein von ihrer Stimme. Eine Stimme, die ungesund kratzt und raspelt. \"Ich gebe zu, ich rauche ein bisschen zu viel\", lacht Martha. Dass ihre Plattenfirma vor der Veröffentlichung des Albums in Europa noch darauf drängte, auch ein Duett mit Rufus - den sie mittlerweile öfter in Amazon-\"Das könnte Ihnen auch gefallen\"-Listen trifft als in ihrer gemeinsamen Wahlheimat New York - auf das Album zu nehmen, \"macht natürlich Sinn\", merkt sie schmunzelnd an.

Trotz des Duetts mit Rufus bleibt das zentrale Stück ihres Albums unverkennbar \"Bloody Mother Fucking Asshole\" - der Song, der ihr in den USA einen \"Parental Advisory\"-Sticker einbrachte (\"Wir leben in so konservativen Zeiten, dass man auf diesen Sticker schon stolz sein muss!\") und in dem es - es wundert nicht wirklich - um ihren Vater geht. Beim Singen sitzt ihr hörbar ein Kloß im Hals. Vielleicht dachte sie während der Aufnahme an den todpeinlichen Moment, in dem ihr Vater ihr - während sie mit 14 schon mal ein Jahr lang bei ihm in New York lebte - mitteilte, dass er auch gut auf sie verzichten könne. Als er nämlich seinem Publikum bei einem Konzert erklärte, den Song \"I'd Rather Be Lonely\" habe er seiner Tochter gewidmet. \"Mein Vater hat seine ganze Karriere darauf aufgebaut, Songs über Leute zu schreiben, statt mit ihnen zu kommunizieren\", erklärt Martha. Warum sollte dann nicht auch sie mit ein bisschen Schmutzige-Wäsche-Waschen Erfolg haben?

Man gönnt es ihr gerne. Immerhin sah es in den sieben Jahren, in denen sie auf Bühnen meistens eher im Hintergrund stand, nicht immer so aus, als würde sie es auch solo schaffen. Oder wie soll man es verstehen, wenn sie erzählt, dass sie vor ein paar Jahren mal das Vergnügen hatte, für den Soundtrack eines Animationskurzfilms, in dem es um eine Sau und einen Hahn ging, das Lied der Sau zu singen, die anschließend sterben musste? Oder dass sie mal für eine HBO-Doku über Stripperinnen mit dem schönen Titel \"G-String Divas\" den Klassiker \"Hey Big Spender\" neu einsingen durfte - weil HBO keine Lust hatte, für das Original so viel Geld auszugeben? Da muss es schon wesentlich angenehmer gewesen sein, im letzten Jahr in Martin Scorseses \"The Aviator\" mitzuwirken. Ein Job, den sie von Rufus vermittelt bekam, der in dem Film ebenfalls mitspielte. \"Schlimmste Vetternwirtschaft\", scherzt Martha und warnt dann sofort, die Tatsache, dass in dem Film nicht nur sie und Rufus auf der Bühne zu sehen seien, sondern auch noch ihr Vater Loudon, solle auf keinen Fall zu Fehlinterpretationen verleiten: Selbstverständlich hätten die Drehs an verschiedenen Tagen stattgefunden, von Versöhnung könne keine Rede sein. Auf weitere Leinwand-Jobs hätte sie durchaus Lust - wobei sie zugibt, dass es ein bisschen schwierig werden könnte, wenn man seinen ersten Leinwandauftritt schon direkt bei Scorsese hatte, dabei nicht abzusteigen. \"Ich werde bestimmt nicht anfangen, rumzuschleimen und zu allen möglichen Vorsprechen zu rennen!\" lacht sie.

Zeit hätte sie dafür sowieso keine mehr, denn ihr Terminkalender ist nun erst mal restlos mit Konzerten gefüllt. Damit diejenigen, die sich noch nicht so recht vorstellen können, dass man in diesem Jahr nun tatsächlich noch eine weitere Wainwright toll finden muss, sehen, was sie auf der Bühne zu leisten imstande ist. Zumindest im September, als sie in Berlin ein Showcase spielte, klappte das schon mal super. Dass sie nicht die begnadetste Gitarristin ist, wollte man dort angesichts ihrer vollkommen uneitlen Bühnenpräsenz und ihrer Schauer-über-den-Rücken-Stimme gar nicht bemerken. Der ergreifendste Moment: Wie ihr die Zuhörer an den Lippen hingen, als sie schrie \"I will not pretend, I will not put on a smile, I will not say I'm alright for you\" und danach diese fünf Worte folgten, die sie an ihren Vater adressiert hat und die sie möglicherweise ein wenig überlegter gewählt hätte, wenn sie geahnt hätte, dass sie sie nun ihre ganze Karriere lang immer wieder wird wiederholen müssen: \"You bloody mother fucking asshole!\" Spätestens in diesem Moment wurde klar: Martha Wainwright ist nicht eine von diesen Frauen, die sich damit gefallen, irgendwas Nettes zu singen und dafür ein bisschen bewundert zu werden. Das wäre für eine wie sie dann doch viel zu simpel.



Artikel kommentieren
aus Intro #133 (November 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Jan Kedves, Jan Kedves
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 
Anzeige
 

Gruppen


Stay Up Late!

Stay Up Late!

Heavy Load heißt die Punkband. Sie bricht alle Regeln, denn sie kennt keine Regeln. +++ Stay Up Late! heißt ihre Kampagne, mit der sie das Recht für Behinderte fordern, nachts so lange ausgehen zu dürfen, wie andere auch. http://stayuplate.org Ihr Konzert ist am So 25. Okt um 21.30 Uhr in der No Limits Lounge/Kulturbrauerei http://www.no-limits-festival.de/infos.html#fuenfundzwanzig

» Mehr Gruppen
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]