
Silver Jews
Like Christmas In A Submarine
17.10.2005, 14:00, Text:
Felix Scharlau,
Felix Scharlau
David Berman gehört zu den letzten übersehenen Underground-Songwriter-Stars der USA. Seine selbst gewählte Bühnenabstinenz garantierte dem Autoren (vornehmlich Lyriker) und Musiker mit seinem Band-Konstrukt
Jetzt, via \"Tanglewood Numbers\", dem fünften, streckenweise sogar lauten Album, wird bei aller Freude deutlich, wie sehr Berman in der idyllischen Abgeschiedenheit Nashvilles jahrelang für die Aufrechterhaltung seiner Kunst bezahlen musste: Jüngst beendete er eine zwölfjährige Drogenkarriere, die, wie er sagt, unter anderem auch Crack auf der Tagesordnung sah. Als Folge wirkt er im Interview aufgeregt wie ein kleines Kind. Aber auch gezeichnet von einer Zeit, die er als \"brain in a box\" erlebt habe. Berman hat verstanden. Er hat gelernt - und tut das offensichtlich auch weiterhin. Die Sätze, die er sagt, kommen zahlreich, reflektiert und abstrakt (Standardfloskel: \"My former self would have done ...\"), im neutralen Wortsinn egozentrisch und so, als gäbe es keine Geheimnisse vor mir. Kurz: So wie bei jemandem, der gerade eine Psychoanalyse begonnen hat. Zu diesem Eindruck passend fängt er übrigens auch schon an zu reden, bevor überhaupt eine Frage gestellt wurde. Aber warum auch nicht? Block und Stift lagen bereit.
Ich bin wirklich überrascht, dass diese Platte jetzt doch so gut geworden ist. Ich kenne nicht so viele Beispiele von Leuten, die einerseits von den Drogen runter, andererseits in den 30ern und beim fünften Album noch so gute Songwriter sind wie früher. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob das neue Album besser ist als die anderen, aber ich weiß, dass es gut ist. Es gibt ja so viele Theorien darüber, warum Maler in ihren 40ern oder 50ern erst die kreative Hochphase erreichen und Rockmusiker normalerweise so früh schon über dem Zenit sind. [...] Ich habe niemals die Musik über meine Poesie gestellt - denn irgendwann muss man sich ja eigentlich für eine der beiden Sachen entscheiden. Warum? Nun, es gibt ja nun mal nicht so viele Beispiele von Leuten, die zwei Kunstformen parallel wirklich gut beherrschen. Man spezialisiert sich.
Und selbst wenn man die Fähigkeiten hätte: Das ist ja in unserer Welt vor allem ein Zeitproblem.
Genau. Und deshalb wurde ich, als ich jünger war, von Leuten aus Lyrikkreisen öfter auf das Thema angesprochen. \"Hey, deine Musik ist wirklich gut\", hieß es da manchmal, \"aber es gibt doch so viel gute Musik da draußen - die werden dich nicht vermissen. Aber: Es gibt nicht viel gute Lyrik da draußen. Du solltest dich darauf konzentrieren.\" Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe mich letztendlich nie zwischen den beiden Dingen entschieden, habe immer ein paar Jahre vornehmlich Musik, dann wieder Gedichte geschrieben und herausgebracht. Und das war schon immer ein Plan, den ich auch noch mit 60 verfolgen wollte.
Aber der wichtigste Unterschied zwischen dir und jungen Bands ist doch, dass du nie auf Tour gehst. Du ersparst dir Burn-out-Faktoren und jede Menge Zeit - auf Tour und bei Proben.
Ja, wenn man einen Abgleich zwischen mir und einem klassischen Musiker macht, fällt das als Erstes auf. Dass diese Leute mit ihrer Kunst auf Tour gehen und sie immer und immer wieder vortragen, während Fans ihre Namen rufen und versuchen, sie zu umarmen. Aber: Die Popkultur ist noch nicht alt genug, um mit Sicherheit sagen zu können, welchen Einfluss ein solches Prinzip auf den Künstler hat. Ich vermute, dass Applaus, Affirmation, speziell unberechtigte, also zum Beispiel das herzhafte Lachen über eine Ansage, die vielleicht gar nicht so witzig war, oder insgesamt Interesse an dem, was der Musiker zu erzählen hat, auch wenn es vielleicht gar nicht interessant ist - all das bringt die Kalibrierung desjenigen durcheinander, der da im Mittelpunkt steht. Man ändert sich dann so schnell, ob man will oder nicht. Das ist das gleiche Prinzip wie bei Gehirnwäsche. Und in diesem Prozess kann sich Zuspruch plötzlich in Mutlosigkeit umkehren. Ich hab mich immer gefragt, worum es beim Auftritt eigentlich gehen soll: Geht es darum, die Platte so sauber wie möglich nachzuspielen? Geht es darum, sich voll und ganz auf die Stimmung im Saal einzustellen und ein kollektives Erlebnis zu generieren? Geht es darum, mehr Platten zu verkaufen? Das konnte ich bisher nie so ganz klären. Aber ich wusste sehr früh, dass ich kein Exhibitionist bin.
Wo liegen für dich die Unterschiede zwischen deiner Lyrik und deiner Musik? Denn Lesungen gibst du ja zum Beispiel häufiger, scheinst also ein anderes Verhältnis zu Form und Inhalt zu haben?
Jetzt gibt es einen Unterschied - früher, als ich mit dem Schreiben anfing, war der nicht so groß. Bei beiden Kunstformen hat mich zunächst vor allem die Sprache interessiert. Manchmal jenseits der konkreten Bedeutung, manchmal gerade wegen der Bedeutung. Heute gibt es für mich unterschiedliche Levels der Bedeutung, ich könnte beispielsweise bei jedem neuen Song Fußnoten herausgeben, zu welchen Dingen sich die Texte assoziieren ließen. Aber es gibt bei meiner Musik nicht so sehr dieses magische Denken, kein Bewusstsein mehr dafür, dass ich mir leisten könnte, bloße Traumlandschaften zu entwerfen. Ich spüre heute die Dringlichkeit schon, bevor ich weiß, was ich Dringliches kommunizieren will. Aber wenn man etwas Wichtiges ansprechen will, muss man sich einfach ausdrücken. Und man könnte dringliche Dinge in Form von Lyrik vortragen, aber es würde nicht funktionieren. Deshalb würde ich heute sehr viel eher in meiner Lyrik auf Bedeutung verzichten als bei meiner Musik.
Und warum aber das eine live und das andere nicht? Das Dringliche, Einfache wäre ja von der Botschaft her eher das, was auf die Bühne sollte.
Ein Grund, weshalb ich z. B. an Unis Lesungen halte, ist, dass da niemand pfeift und grölt. Applaus ist Gift für mich. Ein Gift, das gut schmeckt - das ist mir klar. Ich will keinen Applaus. Lyrik an sich ist anders und die Zuhörer auch. Bei Musik habe ich auch einfach andere Leute im Hinterkopf, wenn ich schreibe - dieses Mal angsterfüllte Menschen. Leute, die Hilfe suchen. Und ich wollte eine Art Hilfe sein, und natürlich auch melodiereich, unterhaltsam, klar. Hoffnungsvoll. Durchaus pragmatisch orientiert also. Das war meine Musik aus meiner Sicht früher nicht, und vielleicht ist Pragmatismus für die Leute da draußen heute auch nicht so wichtig - mir ist er aber wichtig. Ich will auch jedes Mal selbst eine neue Lesart spüren, einen neuen Ansatz finden. Früher hab ich ja auch Teller gewaschen, um zu überleben. Und das Schlimmste war, dass immer wieder die gleichen Teller jeden Tag vorbeikamen, ohne dass sich irgendwas änderte.
Ich bin wirklich überrascht, dass diese Platte jetzt doch so gut geworden ist. Ich kenne nicht so viele Beispiele von Leuten, die einerseits von den Drogen runter, andererseits in den 30ern und beim fünften Album noch so gute Songwriter sind wie früher. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob das neue Album besser ist als die anderen, aber ich weiß, dass es gut ist. Und ich wundere mich einfach, weiß nicht, woran all das liegt. Es gibt ja so viele Theorien darüber, warum Maler erst in ihren 40ern oder 50ern die kreative Hochphase erreichen und Rockmusiker normalerweise so früh schon über dem Zenit sind. Worüber ich froh bin, ist, dass ich mein Leben nicht wie ein typisches Musikerleben gestaltet habe. Denn all das, was ich eben beschrieb, muss ja zwangsläufig mit der Lebensführung der Rockmusiker zu tun haben. Ich habe niemals die Musik über meine Poesie gestellt - denn irgendwann muss man sich ja eigentlich für eine der beiden Sachen entscheiden. Warum? Nun, es gibt ja nun mal nicht so viele Beispiele von Leuten, die zwei Kunstformen parallel wirklich gut beherrschen. Man spezialisiert sich ...
Und selbst wenn man die Fähigkeiten hätte: Das ist ja in unserer Welt vor allem ein Zeitproblem.
Genau. Und deshalb wurde ich, als ich jünger war, von Leuten aus Lyrikkreisen öfter auf das Thema angesprochen. \"Hey, deine Musik ist wirklich gut\", hieß es da manchmal, \"aber es gibt doch so viel gute Musik da draußen - die werden dich nicht vermissen. Aber: Es gibt nicht viel gute Lyrik da draußen. Du solltest dich darauf konzentrieren.\" Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe mich letztendlich nie zwischen den beiden Dingen entschieden, habe immer ein paar Jahre vornehmlich Musik, dann wieder Gedichte geschrieben und herausgebracht. Und das war schon immer ein Plan, den ich auch noch mit 60 verfolgen wollte.
Aber der wichtigste Unterschied zwischen dir und jungen Bands ist doch, dass du nie auf Tour gehst. Das ist ein wichtiger Zeitfaktor, den du einsparst, aber auch ein potenzieller kreativer und physischer Burn-out-Faktor, den du umgehst. Denn nicht nur die Konzerte sparst du dir, sondern auch den vermeintlichen Distinktionsgewinn in Rockkreisen, den eine gute Performance bringt - für die man ja auch wieder Jahre im Proberaum verbringen müsste.
Ja, wenn man einen Abgleich zwischen mir und einem klassischen Musiker macht, fällt das als Erstes auf. Dass diese Leute mit ihrer Kunst auf Tour gehen und sie immer und immer wieder vortragen, während Fans ihre Namen rufen und versuchen, sie zu umarmen. Aber: Die Popkultur ist noch nicht alt genug, um mit Sicherheit sagen zu können, welchen Einfluss ein solches Prinzip auf den Künstler hat. Ich vermute, dass Applaus, Affirmation, speziell unberechtigte, also zum Beispiel das herzhafte Lachen über eine Ansage, die vielleicht gar nicht so witzig war, oder insgesamt Interesse an dem, was der Musiker zu erzählen hat, auch wenn es vielleicht gar nicht interessant ist - all das bringt die Kalibrierung desjenigen durcheinander, der da im Mittelpunkt steht. Man ändert sich dann so schnell, ob man will oder nicht. Das ist das gleiche Prinzip wie bei Gehirnwäsche. Und in diesem Prozess kann sich Zuspruch plötzlich in Mutlosigkeit umkehren. Schuld daran ist eben die Umwelt, mit der man zu tun hat, das ist dasselbe wie bei einem Polizeiverhör - ein bestimmtes künstlich erzeugtes Umfeld verändert denjenigen, der da im Mittelpunkt steht - ob er will oder nicht. Anders herum gibt es dieses Phänomen aber natürlich auch: Nachdem \"Bright Flight\" veröffentlicht worden war, wurde ich extrem verbittert. Ich hatte das Gefühl, gute Songs geschrieben zu haben, für die sich meiner Ansicht nach zu wenige Leute interessierten. Domino Records schickte mich damals nicht mal hierher, um mit Leuten zu reden. Okay, ich war in England und hab ein paar Interviews gemacht, aber es war einfach keine Energie in der ganzen Sache, keine Begeisterung. Ich verstehe, dass diese Musik nicht die Musik von jemandem ist, der dafür ausgebrannt ist, aber doch von jemandem, der sich ihr voll und ganz ergeben hat. Aber die Zeit ist vorbei. Ich fühle mich derzeit als emotional sehr stark, wo ich mir früher sehr zerbrechlich vorkam. Ich habe Hoffnung. Und diese Platte kann vielleicht, so blöd das klingt, als Vorbild dienen. Als ich Abstinenzler wurde, habe ich gemerkt, dass ich niemanden hatte, zu dem ich aufschauen konnte - kein Rolemodel, keine Inspiration. Auf wen sollte ich mich denn stützen? Auf Steven Tyler oder Paul Westerberg? Diese Typen haben doch nichts zu sagen. Vielleicht hatten sie etwas zu sagen, als sie gerade anfingen und bereits vom Alkohol verkrüppelt waren. Ich fühle mich jetzt in einem Alter, in dem ich mich verpflichtet fühle, meine Privatsphäre zu opfern. Ich habe, nachdem ich nüchtern wurde, festgestellt, dass ich bereit bin, das, was mir am wichtigsten war - meine Privatsphäre, das Alleinsein -, zu opfern. Und es gibt da eine logische Verbindung zwischen anderen helfen wollen und der Aufgabe des Privaten. Wenn mir jetzt jemand sagen würde, ich dürfte nie wieder ein Wort schreiben, um stattdessen nur noch diese Songs zu spielen, könnte ich damit Frieden schließen, wenn ich ehrlich bin. Das, was ich am meisten liebe, das Private und das Schreiben - ich würde es aufgeben. Keine Ahnung warum, meine Einstellung hat sich irgendwie geändert. Und das Bizarre ist, diese neue Einstellung löst Probleme, die ich ewig hatte, und ich hätte nie gedacht, dass das die Antwort wäre. Viele meiner absoluten Langzeitprobleme sind dadurch gelöst worden, dass ich das genaue Gegenteil von dem gemacht habe, was ich bisher für richtig hielt. Wenn meine Frau Cassy will, dass ich doch mal etwas Neues zu essen probiere, mach ich das jetzt - früher habe ich nie Essen probiert. Früher bin ich extrem ungern spazieren gegangen, jetzt mach ich es gerne, auch wenn ich es zu Beginn total gehasst habe. Man muss diese Grenze überwinden, bis zu der man Dinge hasst, danach mag man sie nämlich oft. Im Englischen heißt es ja \"Fake it, 'til you make it\" - und das ist so richtig. In der östlichen Kultur herrscht ja der Glaube, dass Realisierungen, Offenbarungen, die dein Leben verändern können, durch Meditation herbeizuführen sind, dass Reflexionen zu solchen Ergebnissen führen können. Ich habe jetzt gemerkt, dass bei mir hingegen vor allem die eigentliche Aktion, die Erfahrung jene Erkenntnis hervorruft, dass so etwas bei mir eben nicht im Kopf durch Reflexionen entsteht. Erst zu handeln wird mich ändern.
Ist denn dein neues Album schon Ausdruck dieser Entwicklungen, oder dauert der Erkenntnisprozess noch an? Ist der Songwritingprozess für dich auch so eine Chance auf Erkenntnis durch \"action\"?
Mir gingen die Songs bei diesem Album zum ersten Mal sehr einfach von der Hand. Ich habe dieses Mal einfach nur Gitarre gespielt, den Amp so richtig laut aufgerissen. Ein Freund [gemeint ist, wie später klar wird, Bonnie \"Prince\" Billy] lieh mir so einen Effect-Pod, womit ich meine Ideen über unterschiedlichste Sounds spielen konnte. Die Texte kamen am Schluss, aber das ist das kleinste Problem, wenn die Musik steht. Ich habe noch so viele Texte aus so vielen Jahren in der Hinterhand.
Du spielst ja nicht live, weil du, wie du sagst, diese unmittelbaren Reaktionen nicht ertragen kannst. Deine Platten wirken aber andererseits immer so, als könntest du dich da stärker öffnen als andere Künstler.
Das ist ja auch genau der Grund, weshalb ich Livespielen nicht mag - weil ich das Gefühl habe, ich muss mich da für die Leute aufschneiden und mich offenbaren. Was ich jetzt plane, zumindest als erste Stufe, ist eine hochgradig durchchoreografierte Live-Show, wenn man so will. Ich hab mich immer gefragt, worum es beim Auftritt eigentlich gehen soll: Geht es darum, die Platte so sauber wie möglich nachzuspielen? Geht es darum, sich voll und ganz auf die Stimmung im Saal einzustellen und ein kollektives Erlebnis zu erzielen? Geht es darum, mehr Platten zu verkaufen? Das konnte ich bisher nie so ganz klären. Aber ich wusste sehr früh, dass ich kein Exhibitionist wäre. Da gibt es einen Punkt, auf den sich alle, die gerne Shows spielen, einigen können, den ich aber emotional nicht teilen kann: Sie haben das Gefühl, dass es okay ist, dass sie herausgepickt wurden als diejenigen im Raum, die im Zentrum stehen. Darauf kommen sie klar. Keine Ahnung, warum das bei mir nicht klappt: Denn die Vorstellung, es könne jemanden geben, der nur meine Musik auf Platte hören will, stört mich zum Beispiel auch nicht.
Wann hast du noch mal angefangen, Gitarre zu spielen?
So mit Anfang 20.
Anfang 20, okay. Selbst in diesem vergleichsweise späten Alter haben die Musiker, die ein Instrument zu lernen beginnen, doch eigentlich immer die Traumvorstellung, irgendwo auf einer Bühne zu spielen. Eine sehr egozentrische Emotion, wenn man so will, aber doch normal?
Ja, das ist so gebräuchlich, dass viele Leute gar nicht mehr ahnen, dass es überhaupt die Option gibt, sich dem Livespielen zu verweigern - aber ich ziehe diese Option. Aber, was du nicht vergessen solltest: Die meisten Leute, die so fühlen wie ich, fangen eben aus diesen Gründen fast nie an, selbst Musik zu machen. Also ist meine Sichtweise vielleicht gar nicht so ungewöhnlich, ungewöhnlich ist vielleicht nur, dass ich mich dennoch fürs Musikmachen entschieden habe. Und es unterscheidet mich noch mehr von den meisten Musikern, die live spielen: Oft ist ja die erste Platte die lauteste und oft beste, bei mir ist die neueste die optimistischste, lauteste und energischste. Und wir waren auch nicht diese kultisch verehrten jungen Musiker, sondern alte Musiker- und Musikerinnen, die versuchten, so zu spielen, als seien sie jung. Diesmal schickte ich auch keine Tapes durch die Gegend: Die Musiker kamen am 1. Januar 2005 zu mir, wir probten am 2., 3. und 4. Januar für je drei Stunden, und dann sind wir ins Studio. Im Studio haben wir maximal drei Takes gehabt, bei vielen Stücken ist es First Take - das war also eine ganz andere Herangehensweise als bisher.
Wo liegen für dich inhaltlich die Unterschiede zwischen deiner Lyrik und deiner Musik? Denn Lesungen gibst du ja zum Beispiel häufiger, scheinst also ein anderes Verhältnis zu Form und Inhalt zu haben?
Jetzt gibt es einen Unterschied - früher, als ich mit dem Schreiben anfing, war der nicht so groß. Bei beiden Kunstformen hat mich zunächst vor allem die Sprache interessiert. Manchmal jenseits der konkreten Bedeutung, manchmal gerade wegen der Bedeutung. Heute gibt es für mich unterschiedliche Levels der Bedeutung, ich könnte beispielsweise bei jedem neuen Song Fußnoten herausgeben, zu welchen Dingen sich die Texte assoziieren ließen. Aber es gibt bei meiner Musik nicht so sehr dieses magische Denken, kein Bewusstsein mehr dafür, dass ich mir leisten könnte, bloße Traumlandschaften zu entwerfen. Ich spüre heute die Dringlichkeit, schon bevor ich weiß, was ich Dringliches kommunizieren will. Aber wenn man etwas Wichtiges ansprechen will, muss man sich einfach ausdrücken. Und man könnte dringliche Dinge in Form von Lyrik vortragen, aber es würde nicht funktionieren. Deshalb würde ich heute sehr viel eher in meiner Lyrik auf Bedeutung verzichten als bei meiner Musik. Deshalb: Ich habe früher versucht, an Musik wie an Lyrik heranzugehen - jetzt aber nicht mehr.
Und warum aber das eine live und das andere nicht? - Das Dringliche, Einfache wäre ja von der Botschaft her eher das, was auf die Bühne sollte.
Ein Grund, weshalb ich z. B. an Unis Lesungen halte, ist, dass da niemand pfeift und grölt. Wie ich vorhin andeutete: Applaus ist Gift für mich. Ein Gift, das gut schmeckt - das ist mir klar. Ich will keinen Applaus. Lyrik an sich ist anders und die Zuhörer auch. Bei Musik habe ich auch einfach andere Leute im Hinterkopf, wenn ich schreibe - dieses Mal angsterfüllte Menschen. Leute, die Hilfe suchen. Und ich wollte eine Art Hilfe sein, und natürlich auch melodiereich, unterhaltsam, klar. Hoffnungsvoll. Durchaus pragmatisch orientiert also. Das war meine Musik aus meiner Sicht früher nicht, und vielleicht ist Pragmatismus für die Leute da draußen heute auch nicht so wichtig - mir ist er aber wichtig. Ich will auch jedes Mal selbst eine neue Lesart spüren, einen neuen Ansatz finden. Früher hab ich ja auch Teller gewaschen, um zu überleben. Und das Schlimmste war, dass immer wieder die gleichen Teller jeden Tag vorbeikamen, ohne dass sich irgendwas änderte. Und vielen Musikern muss es ja auch so gehen. Sonic Youth haben doch zum Beispiel bestimmt so eine Art Gefühl, als würde derselbe Teller immer wieder vorbeikommen.
Aber Sonic Youth würden dir jetzt vielleicht entgegnen, dass zwischendrin auf dem Teller immer leckeres Essen war. Dass also meinetwegen Studioarbeit immer gleich ist, aber dass live immer wieder neu Erlebnisse zu machen sind.
Ja, okay, Live-Musik. Ich meinte aber jetzt eher die Tatsache, dass Thurston und Kim eigentlich nur zwei emotionale Modes haben, die sie immer wieder abrufen in ihrer Musik. Und das ist so, glaube ich, eher weniger dazu geeignet, jemandem zu helfen. So ist das bei mir auch gewesen, aber irgendwie finde ich, mein neues Album hat eine breitere Spanne, ist reflektierter.
Willst du eigentlich nicht mal deine Alben-Frequenz erhöhen? Nicht nur, dass wir wieder vier Jahre warten müssen - du wirkst gerade auch so voller Tatendrang. Den solltest du doch mal nutzen.
Ja, ich weiß, da hast du vollkommen Recht. Meine Frau Cassy ist ja auch Musikerin und spielt auch viel besser Gitarre als ich. Deshalb spielen wir jetzt auch zu Hause viel häufiger Musik. Wir haben jetzt einen Proberaum und üben öfter. Das wird nie wieder vier Jahre bis zum nächsten Album dauern. Das ist viel Zeit. Und ich kann es mir auch schlicht nicht leisten, so lange zu warten. Wenn man zu lange wartet, schreiben die Leute dich ab.
Na, da möchte ich aber entgegenhalten: Du warst ja faktisch immer weit weg für die Fans und hast schon den Status eines Indie-Mythos. Okay, vielleicht nicht wie Kraftwerk, aber die Aufmerksamkeit richtet sich in den entsprechenden Kreisen ja schon auf dich, wenn mal wieder ein neues Album kommt.
Ja, aber wenn man sich diese großen Rock-Enzyklopädien anschaut - auch die ganz dicken -, da stehen wir ja nie drin. Der ist also recht begrenzt, der Effekt, den du beschreibst. Ich habe diffus das Gefühl, als könnte ich es mir witzigerweise gerade nach diesem neuen Album leisten, abzutauchen, und die Leute würden sich erinnern. Das vermute ich deshalb, weil die Medienresonanz zu diesem Album jetzt in den USA enorm hoch war - bei \"Bright Flight\" wollte niemand was von mir. Und hier läuft es auch gut.
Das Schöne an den Promo-Reisen ist abgesehen von vielleicht schlechten Interviews, dass man umsonst rumkommt und Input hat, den es zu verarbeiten gilt. Man hört ja von vielen Songwritern, dass bei ihnen überhaupt nichts gehe, wenn kein Input da ist.
Genauso ist es. Und in meinem Fall: Nach so vielen Jahren Drogenabhängigkeit ist in deinem Gehirn der Vorrat von Dopamin, Sterotonin und so weiter so dermaßen erschöpft, dass du dich über einfache Dinge gar nicht mehr freuen kannst. Und wenn du nüchtern wirst, ist zunächst alles nur noch scheiße, weil die Drogen ja vorher schöne Dinge ersetzt hatten. Zum Beispiel Sex oder Schlaf. Und wenn du dann nichts mehr nimmst, hast du eben gar nichts mehr. Und die Freude an kleinen Dingen wieder zu erlernen ist ein schwieriger, aber sehr schöner Prozess. Und dazu gehört auch das Reisen, das ich früher gehasst habe. Kein Wunder: Man reist in ein fremdes Land, und das Erste, was man erledigen muss, ist, einen Dealer aufzutreiben. Und hier jetzt mit dem Zug anzukommen und nicht gleich loszuhetzen, um Drogen zu kaufen, war ein ganz großartiges Gefühl. Ich war hier in Köln ja zuvor schon zwei, drei Mal, aber erst jetzt bin ich in den Dom gegangen. All diese Ablehnung, die ich früher verspürt habe, ist weg. Zum Glück, das war so unglaublich ermüdend. Das ist viel besser hier.
Deine Verfassung jetzt hat ja auch sicherlich einen unheimlich positiven Einfluss darauf, in welchem Licht du deine Musik siehst.
Ja. Ich habe mich früher für meine Musik sehr geschämt, auch weil ich das Gefühl hatte, dass alle anderen eine Rolle spielten und nur ich keine bekommen hatte. Denn in Wahrheit war das nur ich, der da sprach. Das erste Mal, als ich eine Kopie von \"The Natural Bridge\" aus dem Presswerk bekam und sie gehört habe, bin ich weinend zusammengebrochen, weil es derart schwer war, dieses Album zu machen. Und ich habe mich so geschämt für diese Platte, weil ich sie so schlecht fand, dass ich sie bis zum letzten Jahr nie mehr gehört habe. Fazit: Ich konnte noch nie meine eigenen Platten genießen. Dieses Mal war das anders: Ich habe \"Tanglewood Numbers\" in meinem Auto richtig laut gehört, und es war ein gutes Gefühl. Und, ja, dieses Gefühl bringt mich eben vielleicht dahin, diese Songs auch live zu spielen. Okay, und das ist mein Masterplan: Bei dieser Promotour haben wir für Radios ein paar Songs live gespielt, drei hatte ich zuvor ausgewählt. So ein Rantasten an eine Live-Situation ist das. Und wer weiß: Vielleicht lässt sich das auf zehn Songs mit Band und Bühne aufstocken. Das möchte ich wirklich gerne.
Ich glaube, du musst dich einfach mit der Tatsache abfinden, dass man vier Konzerte spielt, von denen drei super sind und eins absolute scheiße ist. Solche Regeln sind unumstößlich, akzeptiert man sie aber, fällt vieles leichter. Denn Konzerte kann man einfach nicht planen und kontrollieren.
Vollkommen richtig. Früher hätte mich nur genau jene Möglichkeit des Scheiterns davon abgehalten, überhaupt einen Versuch zu unternehmen.
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