Miss Dynamite

Liebe und Verantwortung

26.09.2005, 17:17, Text: Anja Reinhardt, Anja Reinhardt

Beim letzten Intro-Interview tauchte Niomi McLean-Daley (a.k.a. Ms. Dynamite) in Jogging-Anzug und Turnschuhen auf und klemmte sich schüchtern in eine Sofaecke. Mittlerweile sind über zwei Jahre vergangen, ihr grandios-freches, intelligentes Debüt

Englischer Conscious-Rap, wenn man so will. Von der damals 21-Jährigen präsentiert ohne jeglichen Einsatz von Arsch und Titten. Ms. Dynamite konnte als erste weibliche schwarze Künstlerin den britischen Mercury Prize mit nach Hause nehmen, zwei Brit Awards und drei Mobos (music of black origin) gab es ebenfalls.', FULLHTML, STICKY, MOUSEOFF)\" onmouseout=\"return nd();\">\"A Little Deeper\" hat mehrfach Preise gewonnen, und nicht zuletzt ist Niomi Mutter geworden, was auch der Grund dafür ist, warum sie in den letzten gut anderthalb Jahren nahezu unsichtbar für die Öffentlichkeit war. Die veränderten Gegebenheiten haben auch äußerlich Spuren hinterlassen: Aus Niomi ist eine 24-jährige Lady geworden, die mit Strickponcho, eleganten Ohrringen und straff zurückgekämmten Haaren zum Gespräch erscheint, freundlich lächelnd und sehr gerade auf ihrem Stuhl sitzend.

Angesichts des Albumtitels \"Judgement Days\" könnte man meinen, Ms. Dynamites zweites Album sei die konsequente Fortsetzung des Erstlings, der nicht zuletzt auch deswegen so drängend war, weil die Londonerin sich nicht mit den üblichen (und natürlich trotzdem wahren) Rassismus-Klischees auseinander setzte, sondern ihren eigenen Schwestern und Brüdern auch die verbale Bratpfanne überzog. \"Tell me how many Africans died for the baguettes on your rolex.\" Schönen Gruß an Diddy und Kollegen, die ihr politisch-soziales Bewusstsein nur dann durchblicken lassen, wenn es sich, wie aktuell bei den durch Hurricane Katrina ausgelösten katastrophalen Verhältnissen in New Orleans, auch entsprechend vermarkten lässt. Beim Hören von \"Judgement Days\" wird jedoch ziemlich schnell klar, dass sich die Thematik deutlich verschoben hat:

Ich kann klar sagen, dass diese unglaubliche Aggression, die beim Debüt mein Motor war, zwar immer noch ein Teil von mir ist, aber ein deutlich kleinerer. Sie kommt an die Oberfläche, wenn ich sie brauche. Aber mittlerweile ist mein Antrieb, Musik zu machen, ein deutlich positiverer. Deswegen drücke ich mich in meiner Musik wahrscheinlich insgesamt eher positiv als wütend oder frustriert aus.
Bei dir hat sich ja auch ziemlich viel verändert. Du bist Mutter geworden.
Schon, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, waren ich und der Vater des Kindes außer uns vor Glück. Seitdem habe ich das Gefühl, extrem viel gelernt zu haben. Gerade weil ich jetzt so viel Verantwortung trage, hinterfrage ich alles, was ich mache. Ich möchte einfach alles richtig machen. Für mich und natürlich auch für meinen Sohn. Das hat mich gezwungen, sehr viel selbstsicherer zu werden, und das hat sich ganz sicher auch auf meine Musik ausgewirkt. Ich fühle mich beim Singen und sogar beim Schreiben jetzt deutlich wohler.

Ihre eigene Kindheit war das krasse Gegenteil. Niomis Vater verließ die Familie, als sie gerade mal zwei Jahre alt war. Die Mutter zog ihre elf Kinder alleine groß - vom Gehalt einer Grundschullehrerin. Dass Niomis Vertrauen in männliche Pflichtbewusstseins-Qualitäten dabei zutiefst gestört wurde, macht sich auch nach 22 Jahren noch bemerkbar, ist hörbar in dem Stück \"Father\", einer nicht ausgesprochenen, aber dennoch klaren Abrechnung mit dem eigenen Erzeuger.

Wenn man ein Kind in die Welt setzt, dann muss man sich auch mit den Konsequenzen abfinden und die Verantwortung dafür übernehmen. Ich will jedenfalls ein gutes Beispiel für meinen Sohn sein. In unserer Gesellschaft traut sich niemand, jemand anderem zu sagen, dass er seine Aufgabe als Elternteil schlecht macht. Ich sage so was, mir ist auch absolut egal, was andere dazu sagen. Es gibt zu viele Kinder, deren Leben zerstört wird, weil die Eltern keinen blassen Schimmer davon haben, was richtig für ihre Kinder ist, sofern es sie überhaupt interessiert.
Das Thema Verantwortung scheint eine große Rolle bei dir zu spielen.
Na ja, das ist der zentrale Punkt, was die Rolle als Mutter angeht. Du gibst dein ganzes Leben dieser einen Person. Das bedeutet auch, dass du Entscheidungen treffen musst, was so ziemlich das Schwierigste überhaupt ist, weil es das Leben dieser Person so maßgeblich entscheiden kann. Dafür werde ich allerdings jeden Tag aufs Neue belohnt, wenn ich meinen Sohn lächeln sehe. Dieses Glück kann man gar nicht erklären.
Das klingt fast ein bisschen so, als wärst du vorher unglücklich gewesen.
Eigentlich habe ich mit dem MCen ja nur so aus Spaß angefangen. Dass gleich meine erste Single \"Booo!\" so erfolgreich wurde, kam ziemlich überraschend. Und ab da wurde mein Leben praktisch von einem Tag auf den anderen komplett umgekrempelt. Klar, vieles davon war schön und gut, aber einiges wurde mir zu viel. Ständig bin ich zwischen den Extremen hin und her gehüpft: Einerseits war ich glücklich, dass die Leute meine Musik mochten, mich unterstützen, ich Preise bekam und überhaupt alles total überwältigend war. Andererseits wollte ich mein altes Leben zurück, ich wollte einfach nur Niomi sein und nicht Ms. Dynamite. Ich habe mir gewünscht, über die Straße zu gehen, ohne dass die Leute mir nachgucken oder komische Sachen rufen.
Hast du dir deswegen auch mehr Zeit mit einem zweiten Album gelassen?
Ich wollte eben mal wieder so was wie Privatheit und Zeit für andere Gedanken haben. Ich hatte damals keine Sekunde für mich, weil immer irgendwelche Leute um mich herum waren. Die waren ja auch meistens nett, weil sie meine Musik liebten, aber ich brauchte Zeit für mich alleine. Ich bin fast verrückt geworden! [schreit] Es gab jede Menge, an das ich mich gewöhnen musste. Gutes und Schlechtes.
Offenbar bist du nicht durchgedreht ...
Meine Mutter würde dir da mit Sicherheit nicht Recht geben! [lacht]
Auf deinem Album gibt es mehr persönliche Songs, wie z. B. jenen, den du nach deinem Sohn Shavaar benannt hast, oder \"When I Fall In Love\", der ganz offensichtlich deinem Freund gewidmet ist.
Der Song heißt eigentlich \"Fall In Love Again\" und hat ganz sicher mit meinen persönlichen Erfahrungen zu tun. Aber irgendwie kennt das doch jede Frau. Bestimmte Sachen ändern sich nie, es gibt Worte, die hat man schon eine Million Mal gehört. Eine Frau hat eine Beziehung, tut alles dafür und wird dann aus irgendeinem Grund verletzt. Irgendwann merkt man, dass man für diese Verletzung vielleicht auch selbst einen Teil der Verantwortung trägt, dass man selbst auch etwas falsch gemacht hat. Meistens geben die Leute immer nur den anderen die Schuld. Es gibt immer eine Option, z. B. die, zu gehen. Oder zu sagen: Nächstes Mal suche ich nach etwas anderem. Das versteht jede Frau, aber auch jeder Mann.
Was ist eigentlich aus deinem Projekt School For Urban Music geworden?
Das will ich immer noch realisieren. Das Problem ist: Wenn ich etwas mache, dann richtig. Diese Schule soll es in 50 Jahren noch geben. Wir haben schon angefangen zu planen, aber vieles lief nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Die Leute, die an dem Projekt mitgearbeitet haben, waren mit ganzem Herzen dabei. Und doch waren es nicht die richtigen. Ich kam zu dem Schluss, dass ich für das, was wir da geplant hatten, nicht meinen Namen hergeben will. Gerade weil mir dieses Projekt so viel bedeutet. Allerdings habe ich auch ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil ich über die Schule schon so viel geredet hatte und es tatsächlich Leute gab, die auf die Eröffnung warteten. Nun, es wird ganz sicher passieren. Ich weiß momentan nur nicht, wann.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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