
Kashmir
Die Möglichkeit einer Insel
26.09.2005, 16:19, Text:
Boris Fust,
Boris Fust
Liebe. Tod. Untergang der westlichen Zivilisation. Michel Houellebecq macht aus diesen Themen so genannte \"Skandalromane\". Kashmir haben daraus eine anrührende Platte gemacht. \"No Balance Palace\" heißt ihr fünftes Album.
Die Welt, sie ist keine Schönheit mehr: Die Eitelkeit und der Egoismus der Menschen haben sie aufgeschwemmt, Schande, Tand und Jennifer Lopez ziehen tiefe Furchen durch ihre Oberfläche. Beschauliche Folk-Einflüsse und pittoreske Travis-Melancholie haben auf ihr keinen Platz mehr. Kashmir - in Dänemark längst Superstars, außerhalb Skandinaviens spätestens seit dem Vorgänger \"Zitilites\" wichtiger Wichtig-Act - haben deshalb alles Idyllische in ihrer Musik gestrichen.
Der Niedergang, so sagt Henrik, ist ein Tausendfüßler. Da ist die rechte Partei in Dänemark, die möchte, dass die Regierung den Ölpreis stützt. Da ist die Globalisierungspropaganda, nach der die Chinesen uns bald überrennen. Und: \"Eines der größten Probleme, das wir in der westlichen Welt beobachten können, ist Ignoranz. Die Jugend hält Erfolgsstreben für eine Tugend. Viele wollen berühmt werden - durch nichts, für nichts. Als Selbstzweck.\"
Es ist dies kein larmoyantes Referat des Houellebecq'schen Zusammenbruch des Starsystems. Es ist dies nicht nur die übliche Empörung über Fastfood-Entertainment, Klingeltöne und darüber, dass sich, wie Kasper meint, \"mit dem Mobiltelefon das Feld der menschlichen Interaktion mit den Anliegen der Werbung\" vermische. Bei Kashmir geht es um ein kulturelles Gegengewicht zum Trash: etwas Intelligentes, irgendwas mit einer Bedeutung.
\"Man predigt Produktvorteile, keine Moral. Aber eine Gesellschaft ist auf einen ethischen Konsens angewiesen.\" Und an dem wollen sie per \"No Balance Palace\" mitarbeiten. \"Wir wollen den Leuten beibringen, ihren Kopf zu benutzen, ihre Imagination, ihre Fantasie. Sie sollen gute Bücher lesen, das Autorenkino schätzen lernen. Denn darum geht es bei Kultur: die Leute zu erziehen.\"
Der Schlüssel hierzu: Qualität. \"No Balance Palace\", live aufgenommen in nur fünf Wochen, wurde von Glam-Ikone Tony Visconti (T.Rex, David Bowie) produziert. Der hat im Sinne eines neuen \"dänischen Dogmas\" für die Abkehr vom Zwang des Möglichen gesorgt. \"Mit der modernen Produktionstechnologie kann man praktisch alles machen\", sagt Kasper. \"Wichtig ist nur, dass man weiß, was man machen will. Tony hat dafür gesorgt, dass wir nicht bei jedem einzelnen Gitarrenakkord die Effektbelegung geändert haben.\" Ferner hat er Kasper mit David Bowie bekannt gemacht und so dafür gesorgt, dass die beiden auf \"The Cynic\" ein Duett singen. Ferner wurde noch Lou Reed für die Spoken-Words-Collage \"Black Building\" hinzugebeten.
Im Ergebnis ist so ein inkommensurables Album entstanden, das klingt, als würde die Band zu einem Sonic-Youth-Noiseprint im Hintergrund musizieren, während Lou Reed Gedichte vorliest und Drummer Asger Techau neue Taktarten ausprobiert. Man müsse Bücher eben manchmal auch zweimal lesen, empfiehlt Kasper. \"No Balance Palace\" muss man nicht zweimal hören, um zu verstehen. Man hört auch bereits von fern die Brandung des Seichten, die auf der Insel aufschlägt und dann ins umgebende Meer des Vergessens zurückgezogen wird. Kashmir sind diese Insel.
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