In Concert

Das Museum als Tanzsaal

26.09.2005, 15:56, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Seit Anbruch der Moderne, von Kandinskys \"Klang Der Farben\" bis zu Kurt Schwitters \"Ursonate\", haben bildende Künstler eine starke Affinität zur Musik. Vor allem der Dadaismus und mit ihm die neodadaistischen Strömungen nach dem Zweiten Weltkrieg setzten auf die Musik als ein flüchtiges Ereignis, das sich nicht musealisieren ließ und deshalb geeignetes Ausdrucksmittel gegen eine \"Kunst der Meisterwerke\" war. Die

Fluxus zeichnete sich durch absurden Humor aus, bekämpfte eine Trennung der Künste und wollte selbst keine großen musealen Werke hinterlassen - der Name kündigte dies schon an: Alles sollte im Fluss sein. Ein weiterer wichtiger Fluxus-Vertreter war Al Hansen, der Großvater von Beck.', FULLHTML, STICKY, MOUSEOFF)\" onmouseout=\"return nd();\">Fluxus-Bewegung startete diesbezüglich in den 1950er- und 1960er-Jahren gleich einen doppelten Angriff - zum einen auf den saturierten Kunstmarkt, zum anderen auf die andächtige Verehrung der Neuen Musik. Man zersägte Klaviere, hämmerte und schabte mit allem, was Geräusche von sich gab. Emmett Williams schrieb dazu in seiner Autobiografie: \"'Wenn ihr eure Hausaufgaben nicht macht', pflegte meine Frau unseren Kindern zu drohen, 'werdet ihr, wenn ihr mal groß seid, nichts Besseres zu tun wissen, als Steine in Klaviere zu schmeißen - wie euer Vater.'\"

Künstler wie Milan Knizac oder Christian Marclay zerschnitten Schallplatten und setzten sie neu zusammen, Jean Dubuffet nahm beherzt auf selbst gebastelten Instrumenten dilettantische Dada-Folklore auf. Der Zugang bildender Künstler zur Musik wurde meist von einem konzeptuellen Ansatz bestimmt, dem es nicht um spieltechnisches Können ging, sondern um die Verwirklichung von Ideen, das Ausloten von Grenzen. Deshalb sind Künstler vor allem in zwei Phasen der Popgeschichte besonders aktiv aufgetreten, im Punk und im Techno. Denn sowohl Punk wie auch die elektronische Musik stellten nicht Können, sondern Ausdruck in den Mittelpunkt. Und beide haben ein altes Prinzip der künstlerischen Moderne aufgegriffen, das der Collage: Techno im Sinne einer akustischen Neuverwertung von Zweitmaterial, Punk im Sinne des Zertrümmerns und Neu-Zusammenfügens von Sinnzusammenhängen.

Erste Bemühungen, die musikalischen Aktivitäten von Künstlern zu bündeln und in einen historischen Zusammenhang zu stellen, fanden bereits 1988 statt: Ursula Block (\"Gelbe Musik\") und Michael Glasmeier präsentierten in Berlin unter dem Titel \"Broken Music\" das ganze Spektrum von Laurie Anderson und Hans Arp über Laibach und Yoko Ono bis zu Dieter Roth und La Monte Young. Die Grenzen zwischen den Künsten sind dabei oft fließend: Die Frage, ob man Die Tödliche Doris nun als Band im herkömmlichen Sinne definiert oder als Konzeptkünstler, die sich der Musik lediglich als eines Ausdrucksmittels unter vielen bedienen, ist müßig.

Vom 26. September bis zum 2. Oktober veranstaltet die Frankfurter Kunsthalle Schirn nun eine Konzertreihe mit dem schlichten Titel \"In Concert\", die laut Ankündigung verdeutlichen soll, \"dass sich Künstler wieder verstärkt in professionellen Bands organisieren\". Die Betonung muss auf dem \"professionell\" liegen, denn die sechs eingeladenen Künstler - mal als Solisten, mal mit Band - haben nur noch wenig mit dem Konzept des \"genialen Dilletantismus\" (Wolfgang Müller / Die Tödliche Doris) oder sonstigen musikalischen Extremspielarten gemeinsam. Sie klingen alle mehr oder weniger wie Profis - mit Ausnahme von Martin Creed, dessen Konzert am 26.09. den Auftakt der Reihe bildet. Im Trio mit Keiko Owada (Bass) und Karen Hutt (Schlagzeug) bevorzugt der Turner-Preisträger simple Songs mit simplen Botschaften wie \"I Like Things A Lot\". Seine Stücke erinnern wahlweise an Trio (ja, die Großenkneten-Trio) oder an Pop-Minimalisten wie die Young Marble Giants und macht noch einmal deutlich, wie nahe sich New Wave und die ebenfalls Schlichtheit propagierende Concept Art doch gewesen sind.

Stephen Prina aus Los Angeles (live 01.10.) und der kanadische Künstler Rodney Graham (live 30.09.) klingen dagegen geradezu traditionalistisch: Ihr Countryfolk könnte locker im Vorprogramm von Ryan Adams durchlaufen, ohne dass es zu Aufständen käme. Geradezu schmalzig wird es, wenn der in Berlin lebende Martin Eder am 28.09. mit seiner Band Richard Ruin auftritt: Die schmachtenden Balladen zur Begleitung von Vibraphon und Orgel erinnern verblüffend an Nick Cave - ein bisschen zu verblüffend, um wirklich als eigenständige Leistung durchzugehen. Auch Sergej Jensen und Michaela Meise (live am 27.09.) knüpfen an ein morbides Vorbild an und planen ein musikalisches Projekt über Leben und Werk von Nico. Einen Höhepunkt bildet Janine Gordon a.k.a. Jah-Jah aus New York (live am 29.09.) - deren humoristischer HipHop wirbelt nicht nur das männliche Genre, sondern auch die fast ausschließlich mit Männern besetzte Konzertreihe in Frankfurt auf.

Etwas Wesentliches hat sich seit den Tagen von Fluxus geändert: Mit Ausnahme von Martin Creed hört man diesen Musikern nicht mehr an, dass sie eigentlich der bildenden Kunst entstammen. Das, was Künstlermusik einmal auszeichnete - Provokation, Schrägheit, Hang zum absurden Witz, freiwillig in Kauf genommene Blamage -, ist einer Professionalisierung gewichen, die auf dem Musikmarkt souverän mithalten kann. Dadurch bleiben einem katastrophale Ofenschüsse wie \"Sonne Statt Reagan\" von Joseph Beuys wohl künftig erspart, ein wenig mehr Wagnis wäre in dem einen oder anderen Fall dennoch angebracht, sofern Künstlermusik nicht zur dezenten Vernissage-Begleitung verkommen möchte.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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