
Mr. Oizo
Unschuld und Sünde
26.09.2005, 15:37, Text:
arno raffeiner,
arno raffeiner
Es ist die alte Geschichte vom Sündenfall der Popmusik: die Geschichte vom Überdrüber-Hit, der mit seinem ebenso unerwarteten wie unglaublichen Erfolg die Zufälligkeiten und Abgründe des Systems Pop und nicht zuletzt die eigene Verletzlichkeit offenbart. 1999 war es, als plötzlich ein gelbes Plüschding namens Flat Eric auf allen Kanälen durch die Fernsehlandschaft headbangte. Quentin Dupieux, ein junger französischer Filmemacher, hatte nicht nur die Puppe erfunden, mit ihr einen Videoclip und einen Werbespot für ein Textilunternehmen gedreht, sondern auch noch den krank eiernden Monsterbeat produziert, der Flat Erics Rübe so gnadenlos wackeln ließ.
Mr. Oizo hätte damals ganz einfach zu einer Art Benassi Brother werden können oder zum tausendundersten Remix-Rausklopper - mit dem irgendwann unweigerlich folgenden Burn-out nicht nur beim Publikum, sondern letztlich auch bei sich selbst. Quentin Dupieux war damals gerade 24 Jahre alt, aber zum Glück hatte er dieses Irritationsmoment, das Gefühl, dass da irgendetwas nicht ganz im Lot war, sofort, als der Riesenerfolg sich einstellte. \"Ich hab den Beat gemacht, den Bass - und das war's! Es wurde ein Hit. Es ist ziemlich hart, wenn du darüber nachdenkst; ich hab das in bloß zwei Stunden gemacht, und die Leute liebten es. Das war echt verstörend. In diesem Moment habe ich etwas von meiner Unschuld verloren, und deshalb habe ich seit dem Jahr 2000 auch nur Scheißmusik gemacht. Aber jetzt bin ich wieder happy, ich bin verliebt, und mit diesem neuen Leben habe ich meine Frische und Unschuld wieder gefunden. Ich finde, du musst unschuldig sein, um Musik zu machen. Sie muss aus dem Herzen kommen, nicht aus dem Kopf.\"
Auch die schwierigen Zeiten mit Flat Eric sind überwunden. Nach einer angespannten Phase, so etwa ein Jahr lang nach \"Flat Beat\", lieben sich die beiden wieder innig und schreiben derzeit sogar am Drehbuch für einen gemeinsamen Film. Auch für die Musik seines zweiten Albums \"Moustache (Half A Scissor)\" hat Mr. Oizo wieder den perfekten Impersonator gecastet: Er nennt sich Nurse Bob, ist aus Gummi und versucht trotz massiven Doppelkinns und Schnauzbarts vom Cover von \"Moustache\" zu lächeln. \"Für mich ist er ein toter Mann, aber es ist, als ob sein Verstand immer noch mit irgendwelchen Zahlen herumrechnen würde, ohne je zu einem Ergebnis zu kommen. Er ist verloren in einem Zeitloch und rechnet einfach immer und immer weiter. Und er hat auch ein bisschen was mit Liebe zu tun, sehr einfacher Liebe. Ich habe ihn auf das Album-Cover genommen, weil es in meiner Musik um Spaß geht, aber um eine komische Form von Spaß, die Nurse Bob ganz gut verkörpert. Er sieht aus wie ein Spielzeug, das du vielleicht kaufen möchtest, aber das zu seltsam ist, um es wirklich zu kaufen.\" Mit seiner Unförmigkeit und Schmierigkeit ist Nurse Bob also wohl nicht dazu prädestiniert, den Sündenfall von Flat Eric zu wiederholen. Und selbst wenn: Quentin Dupieux ist inzwischen zu einem Meister der Absolution geworden.
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