
Sean Paul
Hesperus hat Damenwahl
26.09.2005, 15:11, Text:
Sebastian Ingenhoff,
Sebastian Ingenhoff
Die Bayern haben ja so ihren Witz. Als ich nach meiner Ankunft in München mit einer mittelalten Einheimischen ins Gespräch komme und nach dem Zweck meines Besuches befragt werde, ernte ich nur amüsierte Blicke: \"
Sean Paul ist ein sehr herzlicher Mensch, die Journalisten begrüßt und verabschiedet er mit festem Handschlag und einer angedeuteten Umarmung. Er redet gerne über seine Platte. Wie ein Wasserfall, um genau zu sein. Und über Frauen. Denn Frauen sind so eine fixe Idee im Kosmos des dreißigjährigen Jamaikaners, der sowohl chinesische als auch afrikanische Wurzeln hat und sich selbstironisch \"copper color chinee boy\" nennt. Eine Vielzahl seiner Stücke sind so genannte \"ladies tracks\", also Songs, zu denen rassige Schönheiten ihre Bootys schütteln. Das entspricht natürlich dem gängigen Klischee, wonach Frauen im Dancehall mehr als Accessoires fungieren denn als eigenständige respektierte Künstlerinnen in Erscheinung treten. Es gibt wenige Ausnahmen wie die Nina-Sky-Schwestern beispielsweise, mit denen er einen Track für das neue Album \"The Trinity\" aufgenommen hat. Ansonsten sind weibliche DJs bzw. MCs in Jamaika nach wie vor Mangelware. Dancehall ist eine Männerdomäne und obendrein in weiten Teilen, ähnlich wie HipHop, ziemlich heterosexistisch.
KanYe West hat unlängst in einem Interview gefordert, die gängige Homophobie im HipHop mal zu überwinden und schwulen Rappern endlich eine Chance zu geben. Glaubst du, dass mittlerweile ein Homosexueller in der Dancehall-Szene reüssieren würde?
Nein, das glaube ich nicht, zumindest nicht in Jamaika.
Warum ist das so?
Die Menschen in Jamaika sind homophob. Die Leute hier wurden jahrhundertelang unterdrückt, dementsprechend hat sich auch eine sehr raue Kultur etabliert. Dancehall reflektiert unser gesellschaftliches Leben, ist die musikalische Entsprechung unserer Kultur. Es ist ein rough game, in dem es schwer ist, sich einen Namen zu machen und dauerhaft Erfolg zu haben. Deshalb sind die Texte der Künstler oftmals sehr krass und beleidigen manchmal Leute, die nicht in dieses Bild passen, zum Beispiel Homosexuelle. Es ist natürlich ein schmaler Grat zwischen künstlerischem Ausdruck und persönlichen Beleidigungen. Das kann man bedauern, aber ich liebe Dancehall in erster Linie für das, was er hier geleistet hat. Er holt die Kids von der Straße. Die Leute würden niemanden tätlich angreifen, nur weil er homosexuell ist. Ich habe gehört, dass letztens ein Homosexueller in Kingston umgebracht wurde. Aber von seinem Lover.
Die letzten beiden Sätze sagt er mit einer Ernsthaftigkeit, die einen stocken lässt angesichts der Tatsache, dass in Jamaika auch in den letzten Jahren noch immer wieder Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung umgebracht wurden. Überhaupt hinterlässt der Mann einen markanten Eindruck. Die Antworten toastet er mehr herunter, als dass er spricht, in seiner sonoren Stimme schwingt eine so unglaubliche Musikalität mit, dass ich kurzzeitig überlege, das Interview einem Soundsystem zur Produktion von Dubplates zur Verfügung zu stellen. Stakkatohaft heftet er Satz an Satz und erzeugt einen Sprechrhythmus, der es einem nahezu unmöglich macht, Zwischenfragen zu stellen. Wir sitzen beide auf derselben Couch, ich unten, er auf der Lehne, sodass er mich im Sitzen trotz seiner geringen Körpergröße um gut einen Kopf überragt. Er achtet penibel darauf, das Gespräch zu führen, Fragen, die er nicht beantworten möchte, weicht er aus, indem er wieder über die Arbeit an seinem Album spricht oder gar nicht erst drauf eingeht. Immerhin bleibt schon mal festzuhalten, dass Sean Paul die Homophobie vieler seiner Kollegen nicht wirklich zu teilen scheint. Er betrachtet sie lediglich als ein Übel, das dieser Kultur nun mal per se anhafte, eine Tatsache, die leider nicht zu ändern sei. Dabei ist Dancehall nicht deckungsgleich mit einer sehr durch die (homophobe) Rastafari-Religion geprägten jamaikanischen Kultur, sondern gilt als eine eher säkulare und hedonistische Fortführung des Roots-Reggae. So will auch Sean Paul den Albumtitel \"The Trinity\" nicht als Anspielung auf die Dreifaltigkeit Gottes verstanden wissen, der Titel verweise vielmehr darauf, dass die Platte mehrere Themenkomplexe behandele.
Neben den erwähnten \"ladies tracks\" gibt es auf dem Album vermehrt ernsthafte Stücke, die sich um Krankheit, Mord oder Politik drehen. Sean hat in den letzten Jahren einige seiner besten Freunde verloren. Daddygone, ehemaliger Mitmusiker in seiner früheren Band Dutty Cup Crew, wurde zuletzt auf offener Straße in Kingston erschossen. Ihm widmet er auf dem Album den Song \"Never Gonna Be The Same\", ein Stück, dessen Party-Atmosphäre von einer klagenden Violine konterkariert wird. Überhaupt thematisiert er auf \"The Trinity\" mehr denn je seine Heimat, sowohl ihre Malaise als auch die großartigen Seiten. Trotz seiner Umtriebigkeit und der vielen Aufenthalte in den USA lebt er nach wie vor mit seiner Familie auf Jamaika. Hier könne er besser chillen und in Ruhe arbeiten, sagt er. Er betont mehrmals, wie stolz er sei, dass das Album in der dritten Welt vorwiegend mit einheimischen Künstlern produziert wurde.
Arbeitete er zuletzt noch mit u. a. Beyoncé, den Neptunes oder Busta Rhymes, so heißen die Gäste auf dem neuen Album Wayne Marshall oder Kid Kurupt, Namen, die hierzulande eher ungeläufig sind. Auf prominente Unterstützung aus der internationalen R'n'B- und HipHop-Szene verzichtet er bewusst: \"Ich habe mit sehr vielen jungen Leuten aus der Kingston-Szene gearbeitet, weil ich zuletzt das Gefühl hatte, dass dort wieder etwas passiert. Es gibt da so viele talentierte Menschen, die mich in den letzten Jahren inspiriert haben, und ich wollte ihnen jetzt etwas zurückgeben. In Jamaika hat mich so ziemlich jeder gefragt, ob ich einen Song mit ihm machen würde. Also habe ich mir von denen einfach die Besten ausgesucht und mit auf die Platte genommen.\"
Das Album wurde vorsorglich schon mal auf Hits produziert, es gibt zwei, drei Stomper, die nahtlos an \"Like Glue\" oder \"Get Busy\" anknüpfen. Reggaeton, das derzeit wohl heißblütigste und chartssicherste musikalische Genre, bleibt erstaunlicherweise außen vor, auch wenn bei einem Stück Daddy Yankee gastrappt. Sean Paul hat es nicht mehr nötig, sich an irgendwen anzubiedern. Weder an musikalische Trends noch an Menschen. Die Trends setzt er selbst, und die Leute kommen automatisch zu ihm.
In seinem aktuellen Video \"We Be Burning\" scharwenzeln neben grotesk aussehenden Neontrucks vor allem viele aparte Frauen um ihn herum. Der Song handelt von Weed. Das Zeug muss irre gut sein, denn alle Beteiligten schütteln wie von Sinnen den Arsch. Sean Paul genießt derweil den Anblick. Er ist so weit glücklich. Nur einen Wunsch hat er noch: irgendwann mal einen Track zu machen mit Alicia Keys. Denn die sei wunderschön und sehr sexy. Und obendrein auch noch ziemlich talentiert.
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