Broken Social Scene

Ein Enigma, das Zeit braucht

23.09.2005, 17:38, Text: Jan Kedves, Jan Kedves
[12 Kommentare]

Kevin Drew zu treffen ist dieser Tage eine durchaus interessante Erfahrung. Anders als erwartet, tritt einem der Quasi-Chef von Broken Social Scene nämlich keineswegs als der siegessichere, selbstzufriedene Indierock-Strahlemann entgegen, der er doch eigentlich sein müsste. Bevor er etwas sagt, fragt sein Blick bereits: \"Ich hoffe, du findest unsere neue Platte gut?\" Und wenn sich sein Mund öffnet, kommen da keine Smalltalk-Floskeln, stattdessen möchte er wissen: \"Brauchtest du auch ein bisschen, um reinzukommen?\"

Man würde es wohl als \"die klassische Zweite-LP-Krise\" bezeichnen: \"You Forgot It In People\", das letzte Album von Broken Social Scene, war ein großer Wurf, der Nachfolger musste also ein noch größerer Wurf werden.

Da dieser Nachfolger, das selbst betitelte \"Broken Social Scene\", aber natürlich schon die dritte LP des Band-Kollektivs aus Toronto und Montreal ist und der Erfolg, der dieses Album nun zum Prüfstein werden lässt, erst mit \"You Forgot It In People\" kam, ist es nun eben eine Dritte-LP-Krise. Was an der Problematik nichts ändert.

Als \"You Forgot It In People\" 2002 veröffentlicht wurde, waren Broken Social Scene an vorderster Front dessen, was später als \"kanadische Pop-Invasion\" bezeichnet wurde - mit einem durchweg brillanten Album, das einen perfekten Schulterschluss zwischen röhrendem Indierock und raffiniertem Ohrwurm-Pop enthielt. So glänzte die Band als frisch vom Erfolg überraschter Haufen Genies aus dem sympathischen Kanada. Nach einem Juno-Award für \"das beste Alternative-Album 2002\" in ihrer Heimat, hunderttausend verkauften Platten sowie Einladungen zu zig Festivals und als Opener für Dinosaur Jr. scheint die Unbeschwertheit allerdings erst mal verflogen: \"Einige meiner besten Freunde haben mir gesagt, dass sie das neue Album nicht gut finden\", klagt Kevin Drew, kritzelt dabei auf einem Notizblock herum und saugt lang und tief an seiner Zigarette - als wolle er das Vakuum, in dem sich seine Band drei Jahre lang gewissermaßen befand, wieder herstellen.

Was natürlich nicht geht. Nicht nur in Internet-Foren und in der Musikpresse ist um den Nachfolger \"Broken Social Scene\" längst ein mittelschwerer Sturm losgebrochen - auch auf der Platte selbst ist schon einiges Tosen zu vernehmen. Schon auf dem ersten Stück beispielsweise, \"Our Faces Split The Coast In Half\", einem sich zusammenbrauenden Soundgewitter, das im Grunde nicht ein, sondern zwei Songs enthält. Ganze 170 Tonspuren seien auf diesem Stück zu hören, verrät Drew mit etwas amüsiertem Gesichtsausdruck. Eine Fülle, die den Grundgedanken von Broken Social Scene verdeutlicht. Denn die Truppe mit Drew und seinen Kumpels Brendan Caning und Justin Peroff im Zentrum und wechselnd vielen Mitgliedern verschiedener anderer kanadischer Bands (Stars, Apostle Of Hustle, Metric, Do Make Say Think) im Orbit baut darauf, so viele individuell beigesteuerte Stimmen und Songfragmente wie möglich zu integrieren. Ungefiltert und unzensiert.

Im Falle der neuen LP wurde dies stellenweise derart unübersichtlich, dass Dave Newfeld, ihr Produzent, über der Aufgabe, sämtliche Beiträge in eine hörbare Form zu mischen, depressiv wurde. So sehr, dass die Produktion im vergangenen Winter für eine Weile unterbrochen werden musste. Dem Album hört man keine Schwermut mehr an - dass es um einiges schwerer zugänglich ausgefallen ist als sein Vorgänger, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Zumindest die bisweilen luftig-jazzige Leichtigkeit von \"You Forgot It In People\" ist verflogen. \"Es war einfach zu früh, uns zu wiederholen\", meint Kevin Drew.

So passiert es dann, dass man bei einigen Songs auf \"Broken Social Scene\" von einer ungestümen Spielwut mitgerissen wird, dabei aber Schwierigkeiten hat zu identifizieren, von welcher der drei am Album beteiligten Sängerinnen - Emily Haines von Metric, Amy Milan von Stars und Leslie Feist - das Geschrei, das da grade um Oberwasser kämpft, eigentlich stammt. Zumindest Leslie Feist lernt man so noch mal von einer ganz anderen Seite kennen.

Kevin Drew seufzt und meint, manchmal wünsche er sich einfach in die Zeit zurück, in der es Musikern und Bands noch erlaubt war, unberechenbar zu sein. In die Zeit, in der man - ohne gleich groß seine Fans zu verschrecken - mal ein leichtfüßig poppiges, mal ein kryptisches und größenwahnsinniges Album abliefern durfte. \"So wie Sonic Youth\", meint er - und schiebt dann gleich hinterher, er wolle sich natürlich keineswegs anmaßen, Broken Social Scene mit Thurston Moore und Konsorten zu vergleichen. Auch wenn der vor ein paar Monaten verworfene Arbeitstitel des neuen Albums, \"Windsurfing Nation\", durchaus als Anspielung auf Sonic Youths Opus magnum \"Daydream Nation\" zu verstehen sei.

\"Broken Social Scene\" wird in Europa nun im Schulterschluss mit City Slang in die Läden kommen - was eine durchaus hübsche Parallele ist. Denn City Slang, das Label des erfahrenen Berliner Indie-Hasen Christof Ellinghaus, agiert seit kurzem wieder unabhängig vom Major Virgin. So wie Broken Social Scene nach einem kurzen Major-Intermezzo wieder von Mercury gedroppt wurden. Über die Gründe schweigt sich Kevin Drew lieber aus. Nur so viel will er verraten: \"Die Art und Weise, wie in London über Musik gesprochen wurde, hat uns schockiert. Dort hieß es heute 'Toll!', morgen schon 'Nein, scheiße!'. Seitdem der Vertrag geplatzt ist, sind wir dort nicht mehr hingefahren.\" In Berlin fühlt sich die Band nun weit besser verstanden. \"Der Erste, der uns gesagt hat, dass das Album richtig gut ist, war Christof\", erzählt Drew.

Freunden der Band, denen das neue Album dennoch etwas zu sperrig geraten ist, dürfte derweil entgegenkommen, dass im Grunde schon ein weiteres Broken-Social-Scene-Album auf seine Veröffentlichung wartet - aufgenommen mit Ohad Benchetrit von Do Make Say Think im letzten Winter, während Dave Newfeld seinen Kopf neu sortierte. Dieses Material sei eine Nummer weniger enigmatisch ausgefallen als das nun erscheinende Album, verrät Drew, und man wolle es bald nachschieben. Vielleicht schon nächsten Sommer.

Bis dahin sollte allerdings auch Drews andere Rechnung aufgegangen sein: dass echte Fans der Band nämlich bereit sind, \"Broken Social Scene\" nicht nur anhand von 30-Sekunden-Samples aus dem Internet zu beurteilen, sondern ihm vier oder fünf komplette Durchgänge zu widmen - so viele also, bis nicht mehr zu überhören ist, dass sich aus diesen Soundgewittern irgendwann Ohrwürmer herausschälen, die den Songs von \"You Forgot It In People\" durchaus ebenbürtig sind. Sie tösen eben nur ein bisschen lauter.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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  • peroxid 23.09.2005 | 19:13:06

    Ich möchte hier nur festhalten, dass ich nach ungefähr 20 maligem Durchlauf des neuen Albums fest davon überzeugt bin, dass es Yfiip in vielen Belangen übertrifft! Das mit der schwierigeren Zugänglichkeit kann ich auch nur teilweise bejahen... Meines Erachtens das großartigste Popalbum seit Jahren!

  • User: emoinferno
  • emoinferno 23.09.2005 | 20:06:31

    sehe ich mindestens genauso. ganz gross ist das.

  • User: Faun
  • Faun 23.09.2005 | 22:17:06

    da schließ ich mich doch mit Freuden,rückhaltlos an ....
    http://www.intro.de/index.php?&con=/community/forum2&nav=63&feinzel=1125343434&

  • User: Gandalf
  • Gandalf 23.09.2005 | 22:22:50
    Graue Eminenz
    das ist schön, das letzte album zu überbieten hätte ich jetzt zugegebenermassen sogar erwartet, weil ich finde, wer die mal live gesehen hat, merkt schnell welch grosse lücke da noch zwischen deren potential und dem album steckt. ist die neue platte denn nun auch offiziell erschienen?

  • User: Reverend
  • Reverend 24.09.2005 | 15:38:56
    war immer aufrichtig
    Das neue Album erscheint am 4.10. Und ist in der Tat großartig. Ob es besser ist als das Debüt, weiß ich nicht. Die schenken sich gegenseitig nicht viel.

  • User: Gandalf
  • Gandalf 25.09.2005 | 00:59:58
    Graue Eminenz
    das debut keene ich erhrlich gesagt gar nicht, yfiip war doch glaube ich nummer zwei, oder ?

  • User: lamb
  • lamb 25.09.2005 | 12:34:58
    schreibt
    du meinst die vorletzte, rev.

    *feel good lost - (2001)
    *you forgot it in people - (2002)
    *bee hives - (2004)
    *broken social scene - (2005)

  • User: lamb
  • lamb 25.09.2005 | 12:39:34
    schreibt
    auf der 'bee hives' sind b-seiten und 'raritäten' drauf. und 'lover's spit' (hier gesungen von feist) ist wohl eins der schönsten lieder von 2004.

  • User: Reverend
  • Reverend 25.09.2005 | 12:46:35
    war immer aufrichtig
    Ah verstehe...ich finde die neue übrigens noch ein bisschen irrer als die, äh, VORletzte. Manche Songs klingen, als hätten sie 3 in 1 gemixt.

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