
Songs Of Green Pheasant
Abendrot im Küchenfenster
23.09.2005, 17:19, Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
Fat Cat ist ein sympathisches Label. Zumindest eines, das sich noch die Mühe macht, in unverlangt eingesandte Demos zu hören. Und es ist ein hartnäckiges Label, denn einem dieser Demo-Künstler musste Fat Cat mehr als zwei Jahre nachspüren, bis es endlich zu einer Veröffentlichung kam. \"Wenn alles glatt gelaufen wäre\", erzählt Duncan Sumpner über sein Debüt, \"wäre die Platte schon vor drei Jahren erschienen. Aber ich hatte Fat Cat in meinem Brief eine E-Mail-Adresse angegeben, die nicht richtig funktionierte und die ich deshalb überhaupt nicht mehr abgerufen habe.\" Es bedurfte also einiger detektivischer Arbeit seitens
Zum Glück gab es da noch eine Postadresse. Und die führte nach Sheffield, wo Duncan als Lehrer arbeitet. Das, was jetzt als CD unter dem Titel \"Songs Of Green Pheasant\" vorliegt, hatte er im Sommer 2002 an Feierabenden in seiner Küche aufgenommen. Alleine, mit altem 4-Spur-Recorder. Den Glauben an einen Plattenvertrag hatte er, als Fat Cat sich schließlich doch noch meldete, längst begraben. \"Ich habe die Aufnahmen damals an zwei oder drei Labels geschickt. Fat Cat war mir vor allem wegen Sigur Rós aufgefallen. Die hatte ich live gesehen, und sie haben mich in allem überzeugt, wegen ihrer Musik und wegen ihres Auftretens. Erst später habe ich mich dann auch noch mit anderen Veröffentlichungen des Labels beschäftigt, die mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen sind, vor allem David Grubbs und Sylvian Chaveaux.\"
Als der Vertrag abgeschlossen war, wurde \"Songs Of Green Pheasant\" so veröffentlicht, wie es entstanden war, als 4-Track-Demo-Version. \"Ursprünglich hatte ich schon daran gedacht, mir für die endgültigen CD-Aufnahmen eine Band zu suchen und die Stücke noch einmal neu aufzunehmen. Aber eigentlich bin ich jetzt auch ganz froh, es nicht getan zu haben. Inzwischen habe ich geradezu eine Liebesbeziehung zu diesen alten Aufnahmen entwickelt. Sie wirken völlig weit weg, so, als ob sie ein ganz anderer Mensch aufgenommen hätte.\"
Aber was hören wir da überhaupt? Was hat Fat Cat dazu bewogen, einem völlig Unbekannten über zwei Jahre auf den Fersen zu bleiben? Es ist zarte Musik, romantische Musik, ein wenig verklärt und vernebelt. Ein weicher, fließender Gesang, 12-saitige Akustikgitarre, Bass, manchmal elektronische Tupfer, Flöte, Tamburin und Xylophon. Und trotzdem hört sich \"Songs Of Green Pheasant\" nicht nach Lo-Fi an, entwickelt einen warmen, weichen Flow ganz ohne Kanten oder trotzig in Kauf genommene Störgeräusche. \"Die Aufnahmen hatten einen faszinierend verrauschten Klang, alles schien ganz weit weg\", erinnern sich Fat Cat. \"Erst, als Duncan die Masterbänder schickte, hörten wir die ganzen Details und wussten, dass das genau die Version war, die wir als Platte veröffentlichen wollten.\" Keine Studiokosten also und doch ein Ergebnis, wie es im Studio nicht besser hätte gelingen können. Im Gegenteil - dass \"Songs Of Green Pheasant\" nicht überproduziert wurde, macht gerade den Charme des Albums aus.
Es ist die Langsamkeit der Stücke, die einen in Bann zieht. Ein permanentes Driften, das einem das Gefühl vermittelt, plötzlich alle Zeit der Welt zu haben. Ein letztes Glühen der untergehenden Sonne durchs Küchenfenster, das stundenlang anzuhalten scheint. Ein Gefühl von Verliebtheit - nicht in einen bestimmten Menschen, sondern in die Situation selbst, die Freude, auf der Welt zu sein. Aber kein Kitsch. Kein Kitsch, obwohl Duncan ein großer Fan von Hermann Hesse ist und einen Song nach dessen Buch \"Knulp\" benannt hat. Musik funktioniert bei Duncan in Zeitlupe, ist episch aufgebaut, akzeptiert keine kleinen Häppchen und deshalb auch keine eingängige, konventionelle Songstruktur. Die Vorliebe für Sigur Rós ist durchaus hörbar. Mal sehen, was Kritiker in den nächsten Monaten noch so an Vergleichen anführen werden. Nick Drake? Tim Buckley? Simon & Garfunkel? Low? - \"Ich bin sehr stark von Sachen beeinflusst, die gar nichts mit Musik zu tun haben. In die Songs sind viele Elemente der magischen Realisten eingeflossen, deren Bücher ich mag, Autoren wie Hesse, Cower-Powys, Pasternak und Golding. Und Tarkowskijs Film 'Andrej Rubljow' hat Spuren hinterlassen. Es sind aber auch sehr private Dinge, die dazu geführt haben, dass diese Platte überhaupt zustande kam, vor allem die Tatsache, dass meinem Vater damals diagnostiziert wurde, dass er Leukämie hat. Die Auseinandersetzung mit Tod und Verfall ist überall auf der Platte präsent, vielleicht das wichtigste Element.\"
Das klingt morbide und scheint so ganz dem versöhnlichen, milden Eindruck zu widersprechen, den diese Musik hinterlässt. Aber vielleicht ist es ja gerade der Schmerz, der hier zur Sanftheit geführt hat und gleichzeitig verhindert, dass diese Sanftheit glatt, also ohne Brüche durchläuft. Was die Intensität dieser Aufnahmen ausmacht, warum es sich nicht einfach nur um ein weiteres Songwriter-Homerecording-Album unter vielen handelt, weiß Duncan selbst kaum in Worte zu fassen. Es hat für ihn etwas mit der Verarbeitung persönlicher Erfahrungen zu tun - dies muss stimmig sein, unabhängig von der Frage nach einem bestimmten Stil. Auf meine Frage, ob er das von den Kings Of Convenience vor Jahren proklamierte \"quiet is the new loud\" unterschreiben würde, antwortet er daher eher ausweichend: \"Wenn sie damit sagen wollten, dass ruhige Musik so bewegend, so verstörend oder so vital wie laute Musik sein kann, dann würde ich zustimmen. Wenn es aber darum geht, das eine gegen das andere auszuspielen, dann macht es für mich keinen Sinn, denn ob eine Musik tatsächlich ergreifend ist, hängt von ganz anderen Faktoren ab, die sich nicht in Kategorien wie laut oder leise ausdrücken lassen.\"
Eines zumindest steht fest: Nach einem halben Jahr der aus Großbritannien herübergespülten Hypes gehört dieser Herbst den introvertierten britischen Songwritern, so wenig sie sich auch für Hypes eignen mögen. Neben Duncan Sumpners großartigem Debüt ist auf Kranky gerade ein ähnlich eindringliches Album unter dem Projektnamen Boduf Songs erschienen. Dahinter steckt ein gewisser Mat Sweet aus Southampton, dessen Geschichte sich ganz ähnlich liest: Minimal instrumentierte, zu Hause aufgenommene Musik, die Kranky sofort veranlasst hat, diesen Unbekannten unter Vertrag zu nehmen. In beiden Fällen ein verschnörkeltes, altmodisches, an Volkskunst orientiertes Cover. In beiden Fällen ein starker Bezug zu Nick Drake. Die Karten müssen also neu gemischt werden: Zu Will Oldham und Smog, den beiden großen, unangefochtenen Leisetretern aus den USA, haben sich zwei britische Künstler gesellt, deren Musik keine geringere Intensität besitzt. Hier kommt Musik zu sich selbst, umgeben von jener Aura, die es schwer macht, das blöde Wort Authentizität nicht zu gebrauchen. Doch Authentizität meint hier vor allem den Ausdruck von Verletzlichkeit, der diese Musik so einnehmend macht. Diese Künstler erzählen nicht wirklich von sich selbst und schaffen doch ein Gefühl entwaffnender Vertrautheit. Von diesen Platten wird noch die Rede sein, wenn so manche Titelstory aus diesem Jahr längst verblasst ist.
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...
Gruppen
Mixcity-Radio
http://www.mixcity-radio.com/radio
direkt rein hören (Winamp)... http://85.214.118.150:12240/listen.pls
hier kommt ihr direkt in den Chat ... http://www.mixcity-radio.com/radio/index.php?page=MibbitChat





