Turner

Ein feuchter Herbstwald

23.09.2005, 17:13, Text: Thomas Venker, Thomas Venker

Wir erinnern uns: Vor drei Jahren trat Paul Kominek, der Turner, endgültig aus dem Minimal-Techno-Schatten seiner frühen Produktionen und legte mit

Passend dazu folgendes Zitat aus der Eurythmics-Coverversion *Right By Your Side*: *There is nothing left to fear when love comes in town.*', FULLHTML, STICKY, MOUSEOFF)\" onmouseout=\"return nd();\">\"A Pack Of Lies\" die bis dato poetischste Verdichtung von Elektro-Pop-Entwürfen vor. Melancholie ja, aber eine, bei der die Hoffnung eben noch nicht begraben war. Mit \"Slow Abuse\" dreht sich die Spirale der Tristesse nun weiter, zieht ihn und uns hinab in ein Universum aus Kraut und Depression, aus Free Alles und Schwermut. Die Referenzen dabei: späte Talk Talk, das Solowerk deren Frontmanns Mark Hollis, Robert Wyatt oder auch aktuelle Künstler wie Coco Rosie und Devendra Banhart.

Es kommt nicht von irgendwo, dass Turner den Elektro-Pop hinter sich gelassen hat. Zum einen hat das Genre durch seine erlittene Überfrachtung mit (deutschsprachigen) Nonsens-Slogans viel von seinem Esprit verloren, zum anderen, und das wiegt viel schwerer, hat es die schon auf Turners Vorgängeralbum offensichtlich gewordene Dynamik seiner künstlerischen Entwicklung nicht anders zugelassen: Er sah wenig reizvollen Gestaltungsfreiraum in diesem Segment, spürte dafür umso vehementer den Reiz, auch den letzten Schritt zu vollziehen. Den zum Musiker-Musiker. Denn der Junge, der einst wie so viele andere in Cubase seine Beats und HiHats setzte und die Einfachheit des Minimals als ideales Experimentierpflaster für sich entdeckte und schätzte, ist zu etwas gereift, was man - bei aller bürgerlichen Schwere des Begriffs und im Bewusstsein, dass das nicht nach Punk klingt - als \"richtigen Musiker\" benennen kann. Wenn ich gerade schreibe, dass es nicht nach Punk klingt, so ist es doch als Prozess das Ergebnis ebenjenes DIY-Ethos', das die Lebenshaltung (und nicht das Genre) prägt: Jeder kann alles machen, wenn er nur damit anfängt. Wobei sich Turner selbst durchaus zwicken muss, wenn er seinen aktuellen Sound mit den Ergebnissen des anfänglichen Tastens abgleicht: \"Ich habe ja von Anfang an auch sehr viel Bands gehört - parallel zum In-Clubs-Gehen. Die Produktionen waren allerdings ganz klar Techno, ich konnte damals ja auch noch keine Songs schreiben. Der Reiz war dann jedoch sehr schnell da, die Struktur und die Stimmung von Songs mit House und Techno sinnvoll zusammenzubringen. Wobei ich klassisches Muckertum nie mochte, insofern ging es darum, das anders anzugehen.\"

Was er mit \"anders angehen\" meint, wird deutlich, wenn man \"Slow Abuse\" hört. Unter dem Songhaften der Stücke steckt noch immer das Elektronische. Verändert wurde, im Längsschnitt gesehen auf eine sehr radikale Art und Weise, allerdings die Mischung. Das dominante Elektronische früherer Tage ist heute nur noch als dezente Restspur des Prozesses zu erkennen, wie eine Ablagerung unter einer Gletscherzunge. Auf der Strecke geblieben sind jedoch die Drum- und Synthesizersounds, die \"es ja auch ausmachten, dass das letzte Album nach 80s klang. Die habe ich diesmal vermieden, mir generell den Beat erst mal verboten, um nicht wieder die Songs in ihrer Wirkung zu bremsen.\"

Sein privater Entwicklungsprozess traf neben der Krise des Elektro-Pop, ja, von Elektronik an sich, bedingt durch die Rückkehr des Rock-Rocks mit seinen omnipräsenten konservativen Zügen, vor allem auf das fruchtbare Klima des sperrigen Lo-Fi-Folk (von Characters wie Coco Rosie und Devendra Banhart). Was sich in dieser (noch) Nische derzeit tut, könnte letztlich das Ereignis der Epoche werden - und Turner kommt dabei mit \"Slow Abuse\" hierzulande die Vorreiterrolle zu.

Dass er für sein viertes Album mehr als drei Jahre brauchte, ist ein deutliches Indiz für seine Probleme mit dem Loslassen. Diese sind aber nicht nur geerdet in Schwäche, sondern auch das Resultat des komplexen Gewebes, das Turners Musik mittlerweile darstellt: \"Es ist nicht mehr nur eine Frage des Programmierens. Es gibt jetzt so Unterebenen wie Gesang und persönliche Texte. Außerdem ist bei Songs die Gefahr viel größer, dass sich Referenzräume durch die Harmonien und Melodien ergeben.\"

Das Album ist wegen all dem Skizzierten deutlich ruhiger, weniger offensichtlich als der Vorgänger ausgefallen. Verfrickelte Folk-Electronica, die durch die Vielfalt der benutzten Instrumente (Akustikgitarre, Piano, Gitarre, Bass ...) und die das Analoge betonende Abmischung deutlich in Richtung Band zeigt - live vorgestellt werden soll das Material auch mit einer solchen. Turners Gesang ist diesmal weniger akzentuiert als auf \"A Pack Of Lies\", wo es noch deutlich mehr um das Hervorheben einzelner Momente ging, das Setzen von Aufmerksamkeitsreizen. \"Slow Abuse\" ist geprägt von einem in sich ruhenden, aufgewühlten und dennoch gefassten Sänger. Einem Sänger, der sein Timbre gefunden zu haben scheint. (Einigen der Stücke merkt man dennoch ihr Alter an - vor allem der Gesang erinnert bei ihnen noch an die \"A Pack Of Lies\"-Phase, jedoch wurden sie so lange immer wieder bearbeitet, dass sie sich nun bestens in das sehr homogene Album einpassen).

Inhaltlicher Schwerpunkt des Albums ist eine vor zwei Jahren unglücklich zu Ende gegangene Beziehung Turners - mittlerweile ist er freilich wieder glücklich liiert und das Album somit der Delay seiner Gefühlswelt. Natürlich hat er sehr lange überlegt, ob er das Album \"so ungeschützt, ohne moderne Sounds und mit diesen Texten veröffentlich will.\" Nicht wegen rechtlicher Bedenken (man denke an Maxim Biller und seine Beziehungsaufarbeitung \"Esra\", die letztlich ja verboten wurde), dafür sind die Texte zu abstrakt gehalten, hat er nie die eine Geschichte erzählt, immer mehrere Ereignisse miteinander verflochten, das Ganze multiperspektivisch angelegt. Sondern wegen ihrer Bedeutung für ihn. Er musste es erst mal simpel, aber tief gehend \"selbst verdauen, bevor ich damit rausgehen konnte.\" Außerdem war es anders auch gar nicht möglich: Zwar hätte er gerne dem Drang nachgegeben, die neue, glückliche Phase zum Gegenstand zu machen, \"aber ich schreibe ja nicht jeden Tag einen Song.\"

\"Slow Abuse\" ist nicht zuletzt wegen der textlichen Ebene ein sehr eindringliches Album geworden, das seine Stärke aus der Tiefenschärfe gewinnt. War der Vorgänger noch zweidimensional, so ist Turner diesmal ein tiefer dreidimensionaler Raum gelungen. Und um bei dem Bild zu bleiben: Das Album klingt wie der Blick aus einem kahlen Raum (in dem man mit einigen Metern Abstand zum großen, den Raum in ein fahles Licht legenden Fenster steht), hinaus auf einen feucht-herbstlichen Wald. Es ist still wie nach einem Schuss; der andere Mensch, der gerade noch da war, ist nur noch als Schwingung anwesend - und doch ist die Stimmung nicht resignativ, obwohl man das eigentlich während des ersten Hörens denkt, sondern letztlich doch wieder lebensbejahend. Oder anders gesagt: Man spürt, dass das Schicksal heute positiv gewendet wird.

Passend zur Brechung zum Guten sind die Anekdoten rund um den Aufnahmeprozess: Aufgenommen wurde \"Slow Abuse\" nämlich in Turners Hamburger Studio, das in den gleichen Räumlichkeiten liegt wie der Click-Club, in dem so ziemlich jeder (Minimal-) Techno-Act, der was auf sich gibt, in den letzten drei Jahren aufgetreten ist. Und so kam es mehrfach zu seltsamen Konfrontationen von (noch immer rockenden) Ravern und dem mit Zahnbürste und Handtuch durch den Club torkelnden Turner - wenn er allerdings nicht an den ganz \"gehauchten Feinheiten\" gearbeitet, sondern clubbigere Stellen bearbeitet hat, dann ist er nach Feierabend auch mal in die Click-Welt eingetaucht.

Artwork
Für das Artwork zeichnet wie beim Vorgänger Redesign Deutschland verantwortlich, diesmal kommen die Fotos allerdings nicht von Turners Bruder, sondern der langjährigen Intro-Fotografin Claudia Rorarius. Zu sehen ist der Künstler selbst mit nacktem Oberkörper - fotografiert im Schlaf. \"Während die letzte Platte ganz hell und weiß war, ist das Cover diesmal - als ziemlicher Kontrast - dunkel und schwarz angelegt, passend zur musikalischen Entwicklung.\"



Artikel kommentieren
aus Intro #133 (November 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Gruppen


Gegen 0,33l-Bierflaschen in Münchner Clubs

Gegen 0,33l-Bierflaschen in Münchner Clubs

Ein plumes Plagiat der gleichnamigen Facebook-Gruppe. Aber ich bin nicht bei Facebook und wollte auch mal in einer Gruppe sein.

» Mehr Gruppen