Death Cab For Cutie

Vom Suchen und Finden der Liebe

23.09.2005, 17:06, Text: Peter Flore, Peter Flore

Wie eine Klassenfahrt fühlt sich das an, wenn man sich \"Drive Well, Sleep Carefully\", die neue und erste Death-Cab-For-Cutie-DVD, anschaut. Der Filmemacher Justin Mitchell packte anlässlich der letzten US-Tour seine Sachen und die Gelegenheit beim Schopf, die Band Abend für Abend zu begleiten, auf und hinter der Bühne, unterwegs. Ein Reisetagebuch mit geschmackvollem Soundtrack - und man fühlt, dass die Reise noch viel weiter gehen wird, als man so gemeinhin dachte, damals 1997, als mit \"You Can Play These Songs With Chords\" das erste Tape (!) der Band in dem kleinen Nest Bellington im US-Staat Washington weitergereicht wurde. Acht Jahre später nun also das Major-Debüt.

Indie is over, zumindest auf dem Papier.

Benjamin Gibbard muss ein glücklicher Mensch sein. Zusammen mit Bassist Nick Harmer befindet sich der gemütlich wirkende Songwriter auf der Promo-Tour für das neue Death-Cab-For-Cutie-Album \"Plans\", das mittlerweile fünfte seiner kleinen Band. Nach dem beachtlichen Erfolg des Vorgängers \"Transatlanticism\", der die Band dies- und jenseits des großen Teichs im seltsamen Raum zwischen gut gehütetem Geheimnis und angehaltenem Atem etablierte, folgte eine ausgedehnte Tour durch aller Herren Länder. Die Macher der TV-Serie \"The O.C.\" ließen - wohl auch aus eigener Vorliebe - einen ihrer Charaktere zum bekennenden DCFC-Fan werden, und letztendlich nahm sich das Major-Label Atlantic des Quartetts an. Auf Gitarrist und Sänger Gibbard muss das doch wirken wie das leidlich bekannte Familientreffen, bei dem die Tante kopftätschelnd bemerkt: \"Kind, was bist du groß geworden ...\"

\"Ohne jetzt die etwas abgedroschenen Vokabeln 'erwachsen' und 'reif' zu benutzen, glaube ich doch, dass das neue Album wesentlich selbstsicherer und direkter ausgefallen ist als irgendeines zuvor\", konstatiert Gibbard, der das Interview ohne seinen im Nebenzimmer sanft entschlummerten Bassisten bewerkstelligen muss. \"Gewissermaßen ist es ein Coming-of-age-Album geworden, wobei natürlich jedes Album so bezeichnet werden könnte, im Hinblick auf die Zeit, in der es geschrieben und aufgenommen wurde.\" Jedoch fällt gerade beim neuen Werk diese Thematik schon explizit ins Auge. Ein Gros der Songs handelt vom Suchen und Finden, gleichsam vom Verlieren der Liebe. Die erste Single \"Soul Meets Body\" ist eine wunderbar melancholische Standortbestimmung geworden, in der Träume und Ziele in Siebenmeilenstiefeln vorauseilen, während man selbst schwitzend bemüht ist, Schritt zu halten: \"'Cause in my head there's a greyhound station / Where I send my thoughts to far-off destinations.\"

Doch auch wenn ständiges Pläneschmieden ein nützlicher Motor sein kann, auf der Überholspur sollte man nicht vergessen, hin und wieder aus dem Fenster zu schauen - sonst zieht das Leben bisweilen unbemerkt an einem vorbei. \"Genau! Pläne zu machen ist eigentlich ziemlich zwecklos, als ob man versuchte, die Zukunft vorauszusagen. Es gibt da diese Redensart: 'Wie bringst du Gott zum Lachen? Du schmiedest einen Plan!' Gleichzeitig hat es aber auch etwas Optimistisches. Ähnlich verhält es sich mit den Songs, die vom Verlust handeln. Um etwas - oder jemanden - zu verlieren, musst du es ja zunächst mal haben. Viele Leute vergessen bei einem Song wie beispielsweise 'What Sarah Said', in dem es heißt: 'Love is watching someone die', dass dahinter ja zunächst mal der positive Aspekt steckt, mit jemandem bis ans Lebensende zusammen sein zu wollen.\" Das ist das Bemerkenswerte: Hinter der scheinbar düsteren und morbiden Fassade von Songs wie \"What Sarah Said\", \"Your Heart Is An Empty Room\" oder der Trost spendenden Folk-Nummer \"I Will Follow You Into The Dark\" stirbt die Hoffnung als Letztes.

Nicht nur textlich indes, auch songwriterisch ist \"Plans\", verglichen mit seinen Vorgängern, ein komplexeres Vergnügen geworden. Die Mosaiksteinchen, die Gitarrist und Stammproduzent Chris Walla da zusammenlegt, ergeben ein Bild, das unter dem Kopfhörer erst recht seine volle Pracht entfaltet. Der deutlich pianolastigere und breit angelegte Sound wirkt manchmal wie eine Schutzhülle, um allzu Intimes nicht dem grellen Tageslicht und den Augen der Öffentlichkeit auszusetzen. Was Death Cab For Cutie zuweilen schon als Referenz an die neue Plattenfirma ausgelegt wird, weg vom Indie-Purismus hin zum kinoleinwandgroßen Pop. Die kleine Band aus Seattle als die neuen Coldplay (die ja bekanntlich die neuen U2 sind)? \"Der Vergleich tut nicht nur uns Unrecht, sondern auch Coldplay. Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen - ich mag ihre Musik wirklich sehr -, glaube ich doch, dass unsere Musik eine ganz andere Tiefe besitzt. Obwohl sie zugegeben die attraktivere Band sind\", lacht Gibbard. \"I don't get to date a movie star!\"

Doch nicht nur oberflächlich gesehen hinkt der Vergleich, obgleich der leicht aufpolierte Sound des neuen Albums der Band ganz gut zu Gesicht steht. Einem Masterplan folgen Ben Gibbard und seine Band da aber nicht. Vielmehr hängen das neue Selbstverständnis und das gewachsene Selbstvertrauen nicht gerade wenig von der nunmehr gefestigten Bandkonstellation ab. \"Plans\" markiert das erste DCFC-Album, das mit demselben Line-up wie das Vorgängeralbum, in Deutschland über die findigen Talentscouts vom Grand Hotel Van Cleef veröffentlicht, aufgenommen wurde: Drummer Jason McGerr firmiert mittlerweile als festes Mitglied der Band, Chris Walla hat mit \"Brothers On A Hotel Bed\" ebenfalls den ersten Nicht-Gibbard-Song zu einem Album beigesteuert - ein Umstand, der von Gibbard gleichzeitig als Potenzial für die Zukunft ausgelobt wird. Die Aufnahmen, die auf einer abgelegenen Farm in Massachusetts stattfanden, vermitteln eben genau die Intimität, die die nicht zuletzt am intensiven Touren gewachsene Band schon immer auszeichnete. Vielleicht sogar mehr.

\"Natürlich gab es bei uns lange Diskussionen, ob wir einen Major-Vertrag unterschreiben sollen. Es gab genügend Beispiele von Bands, die entweder zu früh oder zu spät diesen Schritt gewagt haben. Letztendlich zählt doch der Spirit, mit dem du ein Album aufnimmst. Und mal ehrlich: Wenn wir ein Hit-Album hätten abliefern wollen, hätten wir mit dieser intimen, ruhigen Platte ja einen richtig schlechten Job gemacht.\" Nicht gerade Wasser auf die Mühlen unverbesserlicher Indie-Puristen, die in jedem Videodreh den Sell-out und in einem Major-Debüt nicht weniger als den finalen Kniefall vor der Industrie wittern. \"In den USA sind wir mittlerweile schon so erfolgreich, dass es eigentlich keinen Unterschied mehr macht, ob wir auf einem Indie oder Major veröffentlichen. Solche Leute mögen uns ja per se schon nicht, eben weil wir kein Geheimnis mehr sind. Aber Meinungen von Leuten, die Musik aus den falschen Gründen hören, interessieren mich eh nicht.\"

Mittlerweile ist auch Bassist Nick zu uns gestoßen. Der Kölsch-Test am gestrigen Abend hat seine Spuren hinterlassen. In ein paar Stunden geht es schon weiter nach Berlin. \"Auf Berlin heute Abend freue ich mich besonders, ich liebe die Stadt\", sagt Gibbard. \"Überhaupt liebe ich es, zu reisen und unterwegs zu sein. Es lässt dich Dinge und Menschen, die wirklich wichtig sind, klarer sehen.\"

Benjamin Gibbard muss ein glücklicher Mensch sein.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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