
International Friendship Society
You Have A New Message
23.09.2005, 17:03, Text:
Christian Steinbrink,
Christian Steinbrink
In den Rockmusikzeitschriften meiner Teenagerzeit wurde immer wieder vehement proklamiert, wie öde und überambitioniert Konzeptalben seien. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie diese Ansicht begründet wurde, jedenfalls fehlten mir Reflexionsebenen und Mut, um mich diesem rigorosen Urteil ernsthaft zu widersetzen. Wie öde und stumpf es war, merkte ich erst viel später - und ein Kollektiv wie die International Friendship Society bestärkt mich auch heute in der Ansicht, wie spannend Konzepte und ihre auditiven Resultate oft sind. Denn die Geschichte dieser Platte bedient auf verschiedenen emotionalen und intellektuellen Ebenen, und das viel gehaltvoller als der Großteil des sonstigen monatlichen Releaseplanes.
Ihren Ursprung nahm die Band 1998, als Fred Groborsch mit seiner damaligen Hardcoreband Leary in Japan tourte. Die begleitende heimische Band waren damals die großartigen Envy, und deren Gitarrist Masahiro Tobita war ein ums andere Mal Groborschs Gastgeber in seiner kleinen 12-Quadratmeter-Wohnung. Es entstand eine enge Freundschaft, bald auch mit Tobitas Frau Sakiyo. In den folgenden Jahren schickten sich Groborsch und Sakiyo regelmäßig kleine Soundskizzen neuer Werke zu - an eine gemeinsame Platte dachte damals noch niemand. Erst als Guido Lucas, Mogul des Troisdorfer BluNoise/BluBox-Konglomerates, die akustischen Briefe hörte, wurde aus dem folgenlosen Austausch von Skizzen eine konkrete Idee. Er bündelte die kreative Kraft, indem er einige der Vierspuraufnahmen in Zusammenarbeit mit Groborsch digitalisierte, sie teilweise aufeinander schichtete und mit Overdubs versah. Weitere Reisen der beiden nach Tokio folgten, auf denen die Arbeiten an der International Friendship Society mit Aufnahmen von Sakiyos Gesang fortgeführt wurden. Entstanden ist dabei eine Platte, die man fast schon ein Hörspiel mit vielerlei Bedeutungsebenen nennen kann: Sakiyo singt, spricht und improvisiert in radebrechendem Englisch und Japanisch von einer klassischen, heterosexuellen Liebesgeschichte, gleichzeitig ist die Platte aber auch Dokument einer innigen, transkontinentalen Freundschaft und der für die deutschen Beteiligten sehr inspirierenden Klangwelt Japans. Auch, weil auf den benutzten Vierspuraufnahmen hin und wieder Klänge der Stadt rauszuhören sind. Im weiteren Verlauf der Arbeit nahm noch eine Vielzahl von anderen Künstlern an dem Projekt teil, sodass Lucas über die Society als von einem \"fast schon hippiesken Kollektiv\" spricht. U. a. steuerte der kurz darauf verstorbene Freejazz-Bassist Peter Kowald in einer Session Musik zu den Aufnahmen bei. Und auch wenn Groborsch und Lucas aufgrund vielfältiger weiterer Arbeit nicht gerade mit freier Zeit gesegnet sind - beide sind sich sicher, dass dieses Kollektiv auch über die Platte hinaus fortgeführt werden soll. In welcher Art, wissen sie selbst noch nicht so genau. Aber ein so einzigartiges Konzept wie das der International Friendship Society lässt sich in so viele verschiedene Richtungen weiterdenken, dass Spannung auch für den weiteren Weg garantiert werden darf.
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