The Cardigans

Schweden steht Kopf!

21.09.2005, 17:19, Text: Christian Wessels, Christian Wessels
[4 Kommentare]

\"Super Extra Gravity\" schleicht sich langsam an. Zu einem gefälligen Gitarren-Picking singt Nina Persson die passende Cardigans-Zeile: \"You're losing a friend.\" Eine lässig abgehangene Eröffnung, die eine Fortsetzung des grandiosen Vorgängers vermuten lässt. Vor gut zweieinhalb Jahren hatten die Cardigans mit \"Long Gone Before Daylight\" ihren Popentwurf in Stein gemeißelt: ihr überdurchschnittlich gutes Songwriting, ihr untrügliches Gefühl für Dramaturgie, ihren unwiderstehlichen Understatement-Rockismus, verpackt in ein Album aus einem Guss, umarmt von Perssons unnachahmlicher Stimme. Und jetzt wird nach den ersten zehn Sekunden im Crescendo-Nebel deutlich, dass Schweden Kopf steht.

Mit einem ebenso hirnverbrannt banalen wie hinreißenden Schlagzeugbeat definieren die Cardigans ihren Kontext neu und setzen damit einen Standard, der die folgenden 40 Minuten bestimmt.

\"'Long Gone ...' war sehr homogen, sehr poetisch\", resümiert Gitarrist und Songschreiber Peter Svensson. Er lässt keinen Zweifel daran, wie zwingend und richtig er das findet. Aber: \"Diesmal sollte es anders sein.\" Die Band hat wieder mit Tore Johansson gearbeitet, der die ersten vier Alben produziert und seine Arbeit während der Produktion von \"Long Gone ...\" hingeworfen hatte. Laut Band sagt Johansson Sachen wie: \"Oh, ihr habt ein Lied geschrieben. Es ist ziemlich langweilig. Lasst uns etwas ausprobieren.\" Dann bringt er Sachen, Arrangements, Songs durcheinander. Kein schlechter Ansatz, klingen doch alle Cardigans-Songs im Prinzip gleich (schön). Nicht identisch natürlich, aber sie haben eben diese eigene Stimmung. Entwicklungen sind eher eine Frage der Produktion, der Betonung von Details, der Arrangements. Und der Attitüde, mit der man Musik macht, auf Songs zugeht. In diesem Fall: Rebellion. Rebellion gegen die Perfektion der letzten Platte. \"Wenn man etwas erreicht hat, muss man weitergehen\", sinniert Persson. \"Wir sind nicht die tighteste Band der Welt, davon sind wir weit entfernt. Aber wir waren nie besser als heute. Und nun versuchen wir, eine gewisse Naivität zurückzugewinnen.\" Ein Höchstmaß kindlicher Freude vermittelt bereits die Single mit dem tollsten Titel seit langem: \"I Need Some Fine Wine And You, You Need To Be Nicer\". Ein krudes Gitarren-Intro im Call-and-response-Stil streitet mit einer Cowbell, die man so prominent seit Guns 'N Roses' \"Appetite For Destruction\" nicht mehr gehört hat. Nina Persson peitscht dazu vierbeinig: \"Sit, good dog, down, bad dog, roll over!\"

\"Naive, einfache Gitarrenriffs sind für uns fast etwas Experimentelles\", erklärt Peter Svensson die Revolution. \"Wir haben im Studio sogar etwas improvisiert, einfach, um zu sehen, was passiert. Das war früher undenkbar.\" \"Wie Teenager\" fühlen sich die Anfang- bis Mitt-Dreißiger. Als ob sie nicht seit zehn Jahren im Geschäft wären, nicht in den vergangenen Monaten zu drei Fünfteln Vater geworden wären. Dieses neu gefundene Teenagerfeeling offenbart sich auch in Aussagen wie dieser: \"Eine Sache, die wahrscheinlich niemandem auf der Welt etwas bedeutet, wahrscheinlich nicht einmal mir, die aber lustig ist\", gluckst Nina Persson wie zum Beweis: \"Die erste und letzte Zeile des Albums reimen sich. 'You're losing a friend' und 'Happy End'. Über diese Dinge denke ich nach, wenn ich nichts zu tun habe.\"

Hier das komplette Interview:

Ist der Albumtitel ein Gefühl, ein Bedürfnis oder eine Forderung?



P: Im wesentlichen ging es darum, das Album in wenigen Worten zusammenzufassen. Es ist wahrscheinlich eher was ich fühle. Ich fühle das Album und hoffe es ist \"super extra\". Der Titel sollte klarmachen, dass das Album nicht die Fotzsetzung von \"Long Gone Before Daylight\" ist, sondern etwas neues. \"Super Extra Gravity\" hätte als Titel nicht zur letzten Platte gepasst, es hätte kein Teil der Platte sein können.

Wegen \"Super\", \"Extra\" oder \"Gravity\"?



N: Es ist ein Titel, der sich für nichts entschuldigt. Und außerdem ist er nicht traurig oder melancholisch. Er ist grell und unlogisch. Das erklärt die Platte ganz gut. \"Long Gone Before Daylight\"ist sehr poetisch. Es war uns wichtig, dazu einen Gegensatz zu finden.
P: Den Titel zu finden war das Schwierigste, für uns ist das immer furchtbar.

Die Reihenfolge der Songs ist der andere Klassiker, der in der Schlussredaktion oft große Probleme bereitet.



N: Das ist nicht annähernd so schwierig. Da gibt es immer etwas Logik, etwas was man fühlen oder hören kann.
P: Spätestens wenn man die Hälfte der Platte zusammen hat, spürt man etwas wie \"Das ist der perfekte Opener\". \"Losing A Friend\" etwa war einer der ersten drei oder vier Songs, die wir probiert haben. Noch bevor das Arrangement und der Text fertig waren war mir klar, dass das ein perfekter Opener ist. Ich weiß nicht genau warum... Es war wohl diese einfache Art des Gitarrenspiels, diese Akkord-Wendung im Refrain...
N: Es ist außerdem typisch für die Cardigans eine Platte mit den Worten \"You're losing a friend\" zu beginnen.
P: Es generiert Aufmerksamkeit. Und erst später kam das weirde Schlagzeug dazu, dass die Aufmerksamkeit noch verstärkt.
N: Eine Sache, die wahrscheinlich niemandem auf der Welt etwas bedeutet. Wahrscheinlich nicht einmal mir... die aber lustig ist: Die erste und letzte Zeile des Albums reimen sich. \"You're losing a friend\" und \"Happy End\". Über diese Dinge denke ich nach, wenn ich nichts zu tun habe...

Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, halten das Album für sehr edgy und widerspenstig ist. Den Sound und die Arrangements betreffend stimmt das, finde ich. Das Songwriting und die Melodien sind aber genauso schön und lieblich wie immer.

P: Das ist ein nettes Kompliment, ich bräuchte eigentlich nur \"Ja\" zu sagen. Du hast recht... Eigentlich waren wir mehr oder weniger auf dem Weg den zweiten Teil von \"Long Gone Before Daylight\" aufzunehmen. Die Songs kommen vom gleichen Planeten... genauso wie die Songs von \"Gran Turismo\". Wie Du sagst, es ist eher eine Frage der Produktion und der Arrangements. Und der Attitüde mit der man auf Songs zugeht.

Ihr hattet die Idee, dass jeder Song etwas \"Stranges\", ein merkwürdiges Element haben soll.

N: Es ist ganz einfach: Alle Cardigans-Songs klingen im Prinzip gleich wenn sie geschrieben werden. Sie sind natürlich nicht identisch, aber sie haben diese bestimmte Stimmung. Alle Cardigans-Songs könnten also auf irgendeiner der drei letzen Platten sein. \"Long Gone Before Daylight\" war sehr homogen, sehr poetisch. Das sollte diesmal anders sein. Wir haben wieder mit Tore Johansson gearbeitet, der die ersten viereinhalb Alben produziert hat. Er sagt Sachen wie: \"Oh, Ihr habt ein Lied geschrieben. Es ist ziemlich langweilig. Lasst uns etwas ausprobieren.\" Dann stellt er Sachen auf den Kopf oder macht etwas weniger drastische Sachen. Es ist so: Wenn wir einen Song spielen ist alles sehr organisch. Dann kommt er dazu und bringt etwas Unordnung. Genau das wollten wir diesmal. Dinge tun, die nicht unbedingt offensichtlich sind. Wir wollten etwas gegen unsere Natur arbeiten. Auf der letzten Platte ging es um das genaue Gegenteil: Nämlich darum Homogenität zu erzeugen.

Das \"strange\" Element wäre also, Songs zu überdenken, aus einer neuen Perspektive zu betrachten, neue Sounds zu benutzen?

P: Bei \"Losing A Friend\" z.B. hat Bengt zuerst einen 08/15-Beat gespielt. Das haben wir geändert. Und jetzt ist es der Song mit dem Affen hinter dem Schlagzeug, der eine Minute lang durchdreht. Dadurch entsteht eine neue Spannung.
N: Ich singe mittlerweile sehr gerne tief, ich liebe das. Tore hat mich in die Höhe getrieben, Tonarten geändert. Ich habe oft am Limit gesungen. Ich wollte das eigentlich nicht, aber es hatte einen Effekt.

Spannung zu erzeugen war diesmal also ein wichtiger Aspekt?

P: Als Mitglied einer Band tendiert man dazu, sich auf die Dinge zu beschränken, von denen man weiß, dass man sie bewältigen kann, dass sie funktionieren. Das klingt auch super. Man nimmt eine Tonart und ein Tempo, mit dem alle gut klarkommen. Als Produzent denkst du anders: \"Lass uns das Tempo verdoppeln. Ich weiß, das versaut die Basslinie. Aber der Song dreht sich nicht um die Basslinie.\"
Nimm einen anderen Song: \"Don't Blame You Daughter\", die \"große Ballade des Albums\". Schön produziert hätte er prima auf das letzte Album gepasst. Es ist ein schöner Song, der Text ist sehr ernst. Aber um es nicht zu einer weiteren Cardigans-Ballade zu machen haben alle so laut gespielt wie man es in einer Ballade gerade noch machen kann. Das Schlagzeug ist sehr laut, ich habe den größten Verstärker benutzt, den wir finden konnten, statt auf einer Akustik-Gitarre zu spielen. Produktion und Performance erzählen sozusagen eine andere Geschichte als die schöne Melodie, die am Anfang stand und immer noch da ist. Es ist ein bisschen strange - auf eine positive Art.

Würdet Ihr die Prozesse, die Ihr als Band vollzieht, eher als konstante Entwicklung oder als ständige Neuerfindung charakterisieren?

N: Entwicklung. Man erreicht etwas und dann ist das auf eine Art erledigt und man muss etwas neues machen. Man muss weitergehen, das haben wir gelernt. Wir sind nicht die tighteste Band der Welt, davon sind wir weit entfernt. Aber wir waren spielerisch nie besser als heute. Und dann tun wir eben etwas dagegen, um nicht die neuen Toto zu werden. Man muss etwas Naivität zurückgewinnen.

Ist das eine Art Gegenreaktion zu Eurem mittlerweile eher geordneten (Familien)leben? Es gibt Kinder, die Aufnahmen mussten sehr gut geplant werden...

N: Ich glaube man kann das auch 30er-Krise nennen. Die Band wird wieder 13, wir sind wieder Teenager. Die Rebellion dieser Platte richtet sich gegen die vorherige Platte, nicht gegen unsere Familiensituation.

Wie kam es zur erneuten Zusammenarbeit mit Produzent Tore Johansson? An \"Long Gone Before Daylight\" seid Ihr als Team ja gescheitert.

P: Wir haben Tore einfach eingeladen die Platte zu produzieren. Wir wollten unbedingt, das er es macht, das er die Dinge ein bisschen durcheinander bringt.
N: Die Art wie wir ihn gefragt haben war sehr typisch für uns: Wir haben im Proberaum von Freunden geprobt. Dort gab es keine Toilette. Und wir mussten zum pinkeln in das Studio wo Tore arbeitete. Wir hatten ihn lange nicht gesehen und fragten: \"Könne wir mal auf die Toilette und willst du unsere nächste Platte produzieren?\" Er sagte \"Ja und ja\". Wir hatten natürlich darüber gesprochen ihn zu fragen. Aber wir wussten nicht, dass er dort im Studio war.
P: Wir waren uns auf keinen Fall sicher, dass wir die Platte mit ihm machen wollten. Wir hatten die ersten Aufnahmen zu \"Long Gone Before Daylight\" so sehr vor die Wand gefahren... Das hat allen eine Menge Ärger bereitet, wir mussten im Prinzip alles neu machen. Aber wir waren sicher, dass wir auf ihn zugehen wollten, um zu sehen wie er reagiert. Der Plan war, ihn zwei Songs produzieren zu lassen. Quasi als Test. \"Little Black Cloud\" und \"Losing A Friend\"... Das war eine Art Revolution, es hat den Standard für die Platte gesetzt und hat andere Songs beeinflusst. Wir hatten die Lieder, wussten aber nicht so genau wohin damit. Ab diesem Moment wussten wir es.

Eure Attitüde scheint sich auch geändert haben. Du hast z.B. auch früher schon Rockriffs gespielt. Allerdings versteckt und mit viel Understatement. Jetzt ist es mehr ein Statement, ohne das \"Under\"...

P: Naive, einfache Gitarrenriffs sind für uns das fast etwas Experimentelles. Wir haben im Studio z.T. sogar etwas improvisiert und einfach gesehen was passiert. Das war bisher noch nie vorgekommen.

Ihr habt eine Fortsetzung zu \"And Then You Kissed Me\" von \"Long Gone Before Daylight\" gemacht. Warum?

P: Ich hatte dieses kleine Stück Musik, das irgendwie verwandt war mit \"And Then You Kissed Me\". Ich dachte: Warum nicht einen zweiten Teil machen? Die Melodien sind ähnlich, aber doch anders. Die Musik ist dunkler als der erste Teil.

Ihr habt Euch quasi selbst remixt.

P: Könnte man sagen. Irgendwann wird bestimmt mal jemand einen Artikel über die Ähnlichkeiten der beiden Lieder schreiben. Es ist interessant wie sich zueinander verhalten. Manchmal ist die Akkord-Struktur ähnlich, dann treffen sich einige Worte. Sie sind parallell aber nicht wirklich.
N: \"And Then You Kissed Me\" war eines meiner absoluten Lieblingslieder auf \"Long Gone Before Daylight\". Ich fand die Idee einer Fortsetzung interessant. Ich habe mich gefragt: Was ist aus dieser Beziehung geworden, nachdem diese furchtbare Geschichte erzählt war? Die Antwort: Sie ist noch trostloser geworden.

Ihr habt Euch beide die Pixies als Inspirationsquelle des Albums genannt. Was ist für Euch das Besondere an ihnen?

N: Es ist doch toll wie man mit einfachen Mitteln so großartige Musik machen kann, die klingt wie nichts anderes sonst. Diese Art ein bisschen respektlos zu sein, toll.
P: Ihr Mix: Große Ernsthaftigkeit, Humor und verrückte Sachen.



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aus Intro #133 (November 2005)
 
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  • User: Legalman
  • Legalman 22.09.2005 | 01:32:25
    Rotweintrinker
    Hat das schon jemadn gehört, das Album?
    Ist das alles so Alt-Herren-Rockmusik wie die Single?

  • buenaventura 22.09.2005 | 08:49:48
    hashomer
    bestimmt.

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