Goldfrapp

Ein Engel an meiner Tafel

16.08.2005, 16:39, Text: Kerstin Grether, Kerstin Grether

Die Protagonisten im neuen Nick-Hornby-Roman \" A Long Way Down\" - sie haben sich gerade wechselseitig davor gerettet, vom Dach eines Londoner Hochhauses zu springen - denken sich gemeinsam einen Engel aus. \"Da war dieser Engel, sehr hübsch, aber ohne Flügel, der uns vor dem Selbstmord bewahrt hat\", erzählen sie (teilweise) der Boulevardpresse. Der Engel, der im Übrigen aussah wie ein Hollywood-Schauspieler, habe ihnen sogar eine Message mitgegeben: Springt nicht, denn Krieg ist dumm oder so was in der Art. Das macht Eindruck. Nur synchron wiedergeben können die geretteten Selbstmörder ihre erfundene Geschichte nicht. \"Welcher Engel? Ich hab keinen gesehen\", poltert Jess in die Kamera eines Kabelsenders.

An Engel glauben, so was macht man nicht, wenn man gerettet ist und ein cooler Teenager. Für solche Fälle gibt es schließlich Goldfrapp.

Das britische Duo um die goldgelockte Alison Goldfrapp veröffentlicht in diesen Tagen sein drittes Album \"Supernatural\". Das scheint irgendwo im Himmel entstanden zu sein, um sich von dort mit den bunten Sternen der Nachtclubs zu paaren. Es ist wieder diese sanfte, einlullende Mischung aus Electro-Pop und Glam-Rock. Ein Sound voller luzider Geheimnisse, die man gar nicht genauer ergründen will. Im Goldfrapp-Himmel gibt es keine Kriege.

\"Time Out Of The World\" zum Beispiel ist ein endloser Schmachtbrocken, nimmt sich eine schöne After-Work-Auszeit von der Welt. Wie Alisons ätherische Stimme darauf das Pathos aller Erdenbürger verschluckt hat, um sogleich von schwebenden Computer-Harfen zerpflückt zu werden und in pathetische Dreiklang-Dimensionen fortzuschweben, ist überirdisch. Ein Song wie ein Turmbau zu Babel. Kontrastiert vom Planeten des Glam-Rocks. \"Ooh La La\", die Single, kommt sehr discosexy daher. Wenn Goldfrapp \"Ooh La La\" singen, dann eher wie ausgefuchste Romantiker, die von Glam-Rock weniger die Ekstase wollen als vielmehr die detailverliebte Extravaganz und dabei die Patina dieses geschichtsträchtigen Phänomens polieren. Die Oberfläche von der Oberfläche. Denn dieses hölzern-französelnde \"Ooh La La\" ist Programm: Goldfrapp geben lieber den großen Connaisseur als den kleinen Verschwörer, die Geste triumphiert über das Gestern. \"Das Stück ist maßgeblich von T.Rex beeinflusst\", sagen sie. Und fürwahr, diese T.Rex-Nummer klingt wie eine verdammt gute Idee, auf die man erst mal kommen muss. Man will da gar keine Geheimnisse mehr lüften. Das ist einfach gut gemachte Tanzmusik und bestimmt auch Musik für Elevators. Man verliert angesichts dieses Stücks gar ganz den Abscheu vor den Spielarten des Easy Listening. Fahrstuhl-Musik. Und warum eigentlich nicht? Musik für Orte, wo's so schnell rauf und so schnell runter geht, kann nicht so grundfalsch sein. Oder man nimmt doch das Treppenhaus. Gerade wenn man die Nick-Hornby-Lektüre noch im Kopf hat - und mit ihr diese 11.-September-Assoziation. Weit hergeholt? Klar. Aber man muss beim Goldfrapp-Hören hin und wieder auch mal an die wirkliche Welt denken dürfen. Sonst fühlt man sich so schlaflos in Saus und Braus, wenn ihr versteht, was ich meine.

Goldfrapp wollen nicht mit der wirklichen Welt zusammenfallen und suchen sich gerade deshalb die schönsten Flächen auf der Landkarte aus. \"Wir haben eine Art elektronische Glam-Verbindung zwischen Berlin, New York und dem nordöstlichen Sommerset geschaffen\", lassen sie stolz in der Info verkünden. Alison und Will Gregory wohnen zusammen in einem romantischen Häuschen auf dem Lande, wo sie ein eigenes Studio haben und jeden Einfall sofort aufnehmen. Und das heißt in ihrem Fall: Sie sliden in, sie steigen ein, sie fliegen los, sie experimentieren. Im Moment also am liebsten mit Glam-Rock.

Warum Glam-Rock?
Alison: Was mich an Glam-Rock interessiert, ist der spezielle Umgang mit Vocals und Drumsound.
Glam-Rock steht ja auch für einen bestimmen Lifestyle.
Mhm. Also mir geht's mehr darum, dass deren Art zu schreiben mit unserer korrespondierte.
Aber Glam-Rock hat doch auch ein bestimmtes Image.
Ich mag den spielerischen und fantasievollen Umgang mit Sounds. Euer gesamtes Art-Konzept - z. B. die traumhaft schöne Website, aber auch Albumcover und Videos - geizt ja nicht mit Extravaganz, Farbenfreude, kitschiger Überladenheit.
Ja, genau. Darum geht's. Es muß colourful sein. Überall Glitter und so.

Die Musik von Goldfrapp ist offenbar goldener, als sie glänzt. Konfrontiert mit Alison, dämmert einem auf den ersten Blick eine altbekannte Weisheit: Künstler machen in der Kunst genau das, was sie im wirklichen Leben gerade nicht sind. Der Engel trug schwarz. Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt und war überhaupt so verschlossen und unenergetisch, dass ich zuerst dachte, sie sei eine Promoterin und wir warteten jetzt gemeinsam auf die Sängerin von Goldfrapp. Dazu kam ihre verstörend große Sonnenbrille, die sicherlich mehr Distanz schaffte, als nötig gewesen wäre an einem langen Interviewtag. Den Spuren von etwaiger Übernächtigung hätte man ja auch mit etwas spannendem Make-up beikommen können. Für mich hatte es zugegebenermaßen etwas Beklemmendes, ihr beim Gespräch nicht in die Augen schauen zu können. Das war nicht die Aura einer Diva. Oder wenn, dann die einer sehr englisch-exzentrischen oder einer sehr internationalen Super-Diva, der schon alles komplett egal ist. Mit Björk wird sie ja gerne verglichen, sogar mit Madonna. Aber wahrscheinlich ist sie einfach nur ein sympathischer Nerd, und sympathische Nerds sind so campy wie Gespenster.

Auffallend jedenfalls, dass Alison ständig davon redete, wie extrem wichtig das visuelle Image sei, ihre Person aber komplett heraushielt. \"Aber schau dir mal das neue Video an!\" sagte sie. Und ich komme plötzlich ins Grübeln: Vielleicht ist das ja die feine englische Art (die auch Shirley Manson in Interviews so gut beherrscht), die Differenz zwischen dem eigenen Medienbild und dem Menschen, der man ist, klar zu machen. Oder um in den Metaphern von Nick Hornby zu bleiben: Da war gar kein Engel. Denn Engel sehen nicht aus wie Hollywood-Schauspieler. Aber sie können fliegen. Und lebensmüde Leute vorm Absprung bewahren.

Discography
Zuvor erschienen bereits die Alben \"Felt Mountain\" (2001, nominiert für den Mercury Prize) und \"Black Cherry\" (2003, nominiert für den Brit Award). Alle Goldfrapp-Alben wurden ausschließlich geschrieben und produziert von Alison und Will.



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aus Intro #131 (September 2005)
 
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