Stars

Feuer in der Plattensammlung

19.07.2005, 12:14, Text: Gregor Buchkremer, Gregor Buchkremer
[18 Kommentare]

"Set Yourself On Fire" ist das dritte und zweifellos beste Album des Quintetts aus Toronto. Tatsächlich habe ich schon nach dem ersten Hören direkt 13 Gründe gefunden, sowohl mich als auch meine Plattensammlung einfach auf der Stelle anzuzünden. Dieses Album kann alles, wovon andere Acts nur träumen: Die Songs strotzen vor Größe, Pathos, Witz und Sex-Appeal und schaffen dabei einen so eleganten Spagat zwischen Kunst und Pop, dass man zu keiner Sekunde ein ungelenkes Knacken hört. Fantastisch also, dass ich die letzten Sekunden ihres europäischen Geheimtipp-Status' genießen darf und der Frau begegne, deren Stimme mich ohnehin seit Jahren nervös genug macht: Amy Millan, neben Torquil Campbell das Herzstück der Gruppe.

Als 2000 euer erstes Album "Nightsongs" erschien, kannte euch noch kaum jemand. Nach drei Alben habt ihr es endlich geschafft, in eurer Heimat renommierte Preise und ausnahmslos euphorische Kritiken zu bekommen. Was ist passiert?
Als ich Chris und Torquil vor fünf Jahren kennen lernte, habe ich mich direkt wie zu Hause gefühlt. "Nightsongs" war schon im Kasten, und Emily hat mich den beiden vorgestellt. Als sie mich fragten, ob ich für sie singen will, hatte ich zuerst Bedenken, weil ich mich nie als Sängerin, sondern immer als Songschreiberin gesehen hatte. Also haben wir uns zusammengesetzt und "Toxic Holiday" geschrieben. Der Song kam direkt als Bonus-Track auf das Album, und keiner sagte: "Hey, das Album ist ganz allein unser Ding, da hat dein Song nichts drauf zu suchen." Ich denke, dass die Qualität unserer Lieder viel damit zu tun hat, dass wir die Songs nach wie vor füreinander schreiben. Als ich zum Beispiel "Ageless Beauty" schrieb, wollte ich einfach, dass meine Bandkollegen diesen Song genauso lieben wie ich.

Dann bist du also zum zweiten Mal für den Gassenhauer eines Stars-Albums verantwortlich. "Elevator Love Letter" vom letzten Album war schließlich so etwas wie euer erster Radio-Hit.
Das stimmt. Es ist nach wie vor der Song, in dem ich unser größtes Charts-Potenzial sehe. Ich war damals wirklich überzeugt davon, dass wir mit diesem Song Millionen verdienen würden. Leider hat das dann doch nicht so ganz hingehauen.

Dafür haben The Postal Service, die vor allem eure frühen Songs ganz offensichtlich kopieren, im letzten Jahr eine ganze Menge Platten verkauft.
Ben Gibbard ist tatsächlich ein großer Fan von uns. Nach einem Konzert ist er auf Torquil zugegangen und hat ihm gesagt, wie sehr er "On Peak Hill" liebt. Okay, ich gebe zu, dass uns die Parallelen zwischen "Give Up" und "Nightsongs" auch aufgefallen sind, aber für uns ist es in erster Linie immer ein Kompliment, wenn sich jemand von unserer Arbeit inspirieren lässt. Außerdem gehen wir bald mit Death Cab For Cutie auf Tour [lacht], dann werden wir Ben einfach ein paar Songs widmen.

Als ich euch letztes Jahr in Köln als Support eurer Labelkollegen Broken Social Scene live gesehen habe, konnte ich mich nicht entscheiden, welche Stars ich besser finden soll. Ihr wart auf einmal so laut.
Genau so muss das auch sein. Es gibt nichts Langweiligeres als Bands, die ihre Lieder eins zu eins auf die Bühne bringen. Ich selbst kann mich auch nicht entscheiden, was ich wirklich lieber mag. Es ist ein bisschen so wie die Frage, ob man ficken oder kuscheln will. Das eine geht nicht, ohne dass man zusätzlich noch das andere will.

Du hast die Atmosphäre während der Arbeit am neuen Album in einem abgelegenen Landhaus mit Stephen Kings "The Shining" verglichen. So kuschelig hört sich das aber gar nicht an.
Die Arbeit an "Set Yourself On Fire" war eine regelrechte Geburt. Es gibt diese höllischen Schmerzen, aber danach fließt eine Droge durch deinen Körper, die dich alle Qualen vergessen lässt, und du denkst einfach nur noch: "Ach ja, wir haben viel Wein getrunken, viel geredet, viel gestritten, ein Album gemacht ..."

... und "Calendar Girl" geschrieben, das traurigste Lied, das ich seit langem gehört habe. Geht es wirklich um ein Mädchen, das in einem Kalender gefangen ist und am Ende des Jahres sterben wird?
Das wäre auf jeden Fall eine gute Idee für ein Musikvideo. Torquil hat den Song für eine ehemalige Mitbewohnerin geschrieben, eine sehr schöne, erotische Frau, die sich immer in die falschen Männer verliebt und eine tiefe Trauer in ihrem Herzen trägt. Torquil zieht eine große Inspiration aus Frauen, deshalb wollte er auch immer eine Frau in der Band haben. Vor den Stars hatte ich noch nie ein Duett geschrieben. Du hast immer zwei Standpunkte, und das verdichtet die Aussage des Liedes enorm.

So wie im Opener "Your Ex-Lover Is Dead", wo du mit Torquil in die Rolle des unglücklichen, verhinderten Traumpaars schlüpfst.
Als Torquil mir die Lyrics zeigte und ich schon in den ersten Zeilen den Satz "And all of that time you thought I was sad, I was trying to remember your name" las, dachte ich nur: "Oh Gott, was kommt als Nächstes?" Aber wie in "Calendar Girl" geht es auch in diesem Song um das sichere Wissen, dass man sein gebrochenes Herz immer wieder überleben wird. Es ist das "I will survive"-Gefühl, das uns als Band sehr wichtig ist und das wir an unsere Fans weitergeben möchten.

Zu euren Fans baut ihr schon rein formal ein sehr persönliches Verhältnis auf, weil es am Anfang von jedem eurer drei Alben diese kurzen gesprochenen Intros gibt.
Torquil ist ein sehr konzeptioneller Mensch - das mit den Intros war seine Idee. Auf "Nightsongs" ist es seine erste Frau, die den französischen Text spricht, und auf "Heart" haben wir vier alle der Reihe nach auf denselben Anrufbeantworter gesprochen. Aber dieses Mal hab ich das in die Hand genommen und Torquils Vater angerufen, einen alten Shakespeare-Schauspieler. Er war gerade dabei zu frühstücken, und ich habe ihn ganz zaghaft gefragt, ob er vielleicht das Intro für unser neues Album sprechen würde. Ich hatte die Frage kaum zu Ende formuliert, da hatte ich seinen Satz schon auf meinem Voice-Recorder. Und es war auf Anhieb perfekt, genau der Einstieg, den wir haben wollten.

"Heart" ist ein Album übers Verlieben gewesen, jetzt geht es auf "Set Yourself On Fire" um Trennungen und Neuanfänge. Diese Themen haben aber nichts mit eurer aktuellen Bandsituation zu tun, will ich hoffen.
Nein, natürlich nicht. Obwohl jeder von uns bestimmt schon einmal an einem Punkt war, wo er nicht mehr konnte. Der Song "The Big Fight" ist tatsächlich an einen großen Krach angelehnt, den ich mit Torquil hatte. Ich hoffe sehr, dass es weiterhin Fans gibt, die irgendwann auch unser zehntes Album kaufen. Wir tun jedenfalls unser Bestes, dass es dieses Album irgendwann geben wird.

Wir verlosen jeweils 3 Packages bestehend aus einem 'Set Yourself on Fire'-Poster und der 'Ageless Beauty' Single von den Stars. Zur Teilnahme an der Verlosung schickt einfach eine Mail mit dem Betreff 'Stars Package' an verlosung@intro.de.

Emily Haines ...
... sang auf dem ersten Stars-Album und ist Frontfrau der cleveren Gitarrencombo Metric. Amy und sie kennen sich seit ihrer Zeit auf der Kunsthochschule und hatten eine kleine Band zusammen. Überhaupt haben die Mitglieder von Broken Social Scene und Metric immer ihre Finger mit im Spiel, sobald es um Artwork, Videos, Produktion oder Live-Auftritte der Stars geht. Kanadische Familienbande eben.

Traumpaar
Amy und Torquil sind weder verheiratet, noch waren sie einmal zusammen. Trotzdem gelingt es ihnen wie keiner anderen heterogenen Fusion, aberwitzigen Trennungsschmerz und kopflastige Liebesbekenntnisse in leidenschaftliche Popsongs zu packen. In "One More Night" singen sie zum Beispiel über zwei Menschen, die dem Ende ihrer Affäre mit einem letzten versauten Schäferstündchen Tribut zollen.



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aus Intro #130 (August 2005)
 
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  • honigritter 03.08.2005 | 22:53:17

    Schade zu sehen, wie eine meiner Lieblingsband in belangloses Indiegeschredder abdriftet. Ich liebe "Nightsongs". War für mich wegen seiner Frische und charmanten Poppigkeit damals das Album des Jahres. Beim Nachfolger war ich schon leicht verstimmt wegen der nun mehr im Vordergrund stehenden Gitarren - dennoch ein durchschnittliches Album. Doch jetzt gibt's statt catchy Pop leider nur noch selbstgefälliges Indiegerocke, wie man es von fast jeder beliebigen Band in dieser für Popfans harten Zeit abgeliefert bekommt.
    Erinnert mich irgendwie an die Entwicklung von "power, corruption and lies" über "brotherhood" bis hin zu "get ready".

  • buenaventura 04.08.2005 | 09:02:34
    hashomer
    indiege_rock_e?

  • User: strickliesel
  • strickliesel 04.08.2005 | 11:14:25

    tja schon doof wenn plötzlich mehr als 10 leute auf meine persönliche und nur mir gehörende geheime lieblingsband aufmerksam werden, die natürlich jetzt - da auch die stumpfe unwürdige masse zuhört - nur noch schrottmusik verzapft.
    schon klar.

  • honigritter 04.08.2005 | 11:53:48

    Da hast du mich wohl falsch verstanden. Ich habe ein Plädoyer FÜR Pop-Musik ausgesprochen. Pop = populär. Ich will meine Lieblingsmusik in den Charts sehen und sie nicht immer nur alleine zu Hause hören. (Es gab Zeiten, da war dies sogar möglich - ABC the lexicon of love, ORANGE JUICE rip it up...) Leider ist es hier genau andersherum als du es beschreibst bzw. mir ironisierend vorwirfst. Denn die von dir zitierte "stumpfe (...) Masse" (bislang übrigens nur Journalisten) springt ja nun jetzt erst darauf an, NACHDEM die Band ihren Stil zum meiner Meinung nach schlechteren geändert hat.
    Merkwürdig für mich übrigens auch, dass der Begriff Rock, gegen den anzukämpfen die Indiewelt einst auszog, spätestens seit dissonant musizierenden Rauschgiftsüchtigen wie Nirvana in Indiekreisen wieder salonfähig geworden ist. Selbst zeitgenössischen Post-Punk-Bands gelingt es nicht, den Charme der damaligen von ihnen hochgelobten Zeit aufzugreifen. Musikalisch ist's für mich nach wie vor Brit-Rock, nur mit besseren Frisuren und Sakkos anstelle der Skijacken.
    Ich geh' schon mal in die Hocke ob der Schläge, die ich nun gleich kassieren werde ;)

  • buenaventura 04.08.2005 | 12:47:00
    hashomer
    bla. blabla.

    die frage, die sich mir stellte: wo "rocken" denn die stars auf der neuen platte? und seitwann zog "die indiewelt" (wer?) aus, den "begriff rock" (also nicht die musik?) zu bekaempfen?

    wat is n nu schon wieder brit-rock?

  • getupkid 04.08.2005 | 12:56:29
    i wanna see movies of my dream
    honigritter: dass die stars endlich ein bisschen presseecho bekommen, hat nicht damit zu tun, dass sie sich en bisschen weiterentwickelt haben, sondern daran, dass sie ein label haben, das sich kümmert.

  • honigritter 04.08.2005 | 12:59:15

    Mit der Indiewelt, die auszog Rock den Garaus zu machen, meine ich alles zwischen Punk und C86. Hat jemand "Verschende deine Jugend" gelesen? Da ist auf den ersten Seiten genau das beschrieben, was ich meine. Der Hass auf lange Gitarrensoli, Kiffer, Rumlungern im Weihrauch, Poserei mit Flying V-Gitarren und und und. Der Garagenpunk der 60ziger und Psychedelia war zu einem selbstgefälligen nicht mehr enden wollendem Bluesrockmonster mutiert. Doch dann kamen Punk und später Post-Punk als die Retter, um endlich wieder Frische auf die musikalische Landkarte zu bringen.
    Mit Brit-Rock meine ich Oasis und Konsorten mit ihren drögen geNOELten (sic!)Melodien, die mich eher an langsam im Treibsand versinkende Walrösser denn an die Frische von Pop erinnern.

  • User: strickliesel
  • strickliesel 04.08.2005 | 13:10:19

    eben. ich wage zu behaupten die stars hätten auch bereits 2001 mit nightsongs hierzulande viele freunde gewonnen, hätten sie ein dt./europ. label und 1-2 Touren im Rücken gehabt. bislang war die musik ja lediglich über mp3-piraterie oder teure importe zugänglich.

  • buenaventura 04.08.2005 | 13:15:16
    hashomer
    das konzert in ms (zugegeben vor deutschland-veroeffentlichung von "set yourself on fire") fand ohne nennenswerte anteilnahme der oertlichen oeffentlichkeit statt. sehr schade, sehr schoenes konzert. ziemlich "rockfrei".

    mir egal, wenn man als alter fan (ich mochte aber schon die nightsongs seinerzeit sehr, mag aber die heart lieber) nu die neue platte doof findet. call it geschmackssache, don't call it indiegerocke, wenn's nicht passt. da was ideologisches (selbstgefaellig? hae?) draus zu machen, sorgt zwar bestimmt fuer distinktionsgewinn. aber. wenn's nicht gefaellt, gefaellt's nicht. und?

  • User: Sören
  • Sören 04.08.2005 | 13:19:03

    @buena: ich mußte halt arbeiten! menno.

    wo war die heart eigentlich rock? das ist doch ein absolut fantastisches popalbum.

  • User: TweeRex
  • TweeRex 27.08.2005 | 10:17:03

    Da bekennt mal jemand, der tatsächlich weiß, wovon er redet, seine persönliche Meinung, ohne dabei polemisch oder bewußt provokant zu werden und da ist es schon niedlich zu sehen, wie es sogleich Keile von der vermeintlich allwissenden „Indie“ Plebs gibt.

    Keep on R!O!C!K!I!N!'!

  • User: naadine
  • naadine 27.08.2005 | 10:32:47

    Hab ich auch grad gedacht...
    Meiner Freundin wars beim ersten Hören auch zu rockig.Ich mags, finde aber die Meinung von Honigritter durchaus nachvollziehbar.

  • buenaventura 27.08.2005 | 12:52:42
    hashomer
    tweerex - setzen, 6.

  • buenaventura 27.08.2005 | 15:24:30
    hashomer
    obwohl, vielleicht hab ich auch tweerex falsch verstanden. also: vorsichtshalber auch: buenaventura - setzen, 6.

  • User: Eser
  • Eser 27.08.2005 | 21:32:38
    see my vest!
    ich finde die neue platte gut. seltsam, wenn man sich mit einer band nicht entwickeln darf. ist euer geschmack denn statisch?

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