
Editors
Immer wieder Interpol
19.07.2005, 12:10, Text:
Heiko Behr & Christian Steinbrink,
Heiko Behr & Christian Steinbrink
Text: Heiko Behr (London) / Christian Steinbrink (Köln)
02.02.2005 London, The Barfly
Erwartungsvoll drängelnd geht es die steile, enge Treppe hinauf in den ersten Stock. In der Londoner Niederlassung der Minikette Barfly spielen die Editors, nicht nur vom veranstaltenden Radiosender als \"next big thing\" angepriesen. Man kennt die heiß laufende Hysteriemaschinerie ja gerade im UK. Immer mehr junge Londoner - nicht zu szenig, nicht zu durchschnittlich - schieben sich in den stickigen, düsteren Bauch des Rockschuppens. Hier spielen Abend für Abend die hoffnungsvollen Newcomer, die Möchtegerns, die gepushten Schülerbands.
11.05.2005 Köln, Hotel Kristall
Wie unterschiedlich die Eindrücke doch sein können. Ein paar Minuten, nachdem ich gegenüber von Tom Smith und dem Gitarristen Chris Urbanowicz Platz genommen habe, kann ich den Eindruck szeniger Hibbeligkeit nicht mehr nachvollziehen. Vielmehr sind die Editors charmant, vornehm und interessiert. Das passt auch zu ihrer Biografie, die als Herkunft Countryside statt London, als Ausbildung Music- statt Art-School aufweist. Ihre Ausbildung zu Toningenieuren haben sie abgeschlossen und nicht abgebrochen. Zwar nicht enorm ambitioniert, schließlich seien sie \"die einzigen Studenten der Schule gewesen, die auch mal abends ausgegangen sind\", aber immerhin. Trotzdem weisen sie meine Vermutung, dass sie mit diesem Background doch eigentlich ihre Platte auch allein hätten aufnehmen können, lachend zurück. Das Engagement von Jim Abiss, so was wie der Produzent der Stunde, war absolut notwendig. Die Wahl fiel auf ihn, weil er bisher nur tolle Arbeiten mit guten Bands abgeliefert habe, \"bis auf eine frühe Produktion mit Apache Indian\".
Als Heimat gibt die ganze Band mittlerweile Birmingham an - weil ihr Management von dort kommt. Vorbei ist das Leben quer über die Peripherie Mittelenglands verstreut. Trotzdem ist Birmingham, obwohl eine der größten Städte Englands, weit davon entfernt, der nächste place to be des UK zu werden. Zu wenig Bands, zu wenig Interessierte, um Infrastruktur aufzubauen, wie Tom erzählt. Aber der perfekte Ort, um die Dinge langsam wachsen zu lassen und sich darauf zu konzentrieren, Songs zu schreiben.
Alles scheint so einfach, doch auch in der Geschichte der Editors existiert ein Pferdefuß: der stete Interpol-Vergleich. Tom und Chris zucken leicht, als ich sie vorsichtig darauf anspreche. Wie das denn wäre, wenn so eine Band, der man sich stilistisch nahe fühlt, plötzlich derart groß wird. Chris' Antwort überrascht: \"Das ist eine Band, die wir alle mögen. Aber wir finden nicht, dass wir ähnlich klingen. Unser Songwriting ist direkter, unser Gesang ist anders. Während es ihnen eher darum geht, dynamische Platten zu machen, achten wir eher auf den Popsong. Aber so ist es ja immer mit den Vergleichen. Als sie aufkamen, hieß es doch überall, sie wären wie Joy Division oder die Smiths.\" Vor allem live werden die Unterschiede zwischen den beiden Bands deutlich. Die Platte allerdings bietet doch eine Menge Déjà-vu-Potenzial in Bezug auf die unterkühlten New Yorker. Andererseits - wieso sollte man nicht noch eine Band vertragen, die ähnlich gut ist wie Interpol?
Ein anders Kuriosum im Zusammenhang mit den Editors ist ihr Label: Kitchenware Records war vor ca. 20 Jahren mal ein bedeutendes Label für britische Popmusik, das aus dem Club The Soul Kitchen entstand. Bands wie New Order bewegten sich in diesem Umfeld, und Prefab Sprout oder The Fatima Mansions veröffentlichten dort vor allem Singles. Mitte der Neunziger schien das Label am Ende. Tom erklärt dieses außergewöhnliche Comeback: \"Keith Armstrong, der Chef von Kitchenware, hatte sich nach ein paar Jahren aus der Arbeit herausgezogen und sich anderen Dingen gewidmet. Nun hatte er wieder Lust an der Labelarbeit, er hatte seine alte Euphorie wieder gespürt. Das ist ihm wichtig - in allererster Linie liebt er Musik, er denkt nicht zuerst ans Geldverdienen.\" Überdies seien die Kitchenware-Verantwortlichen einfach diejenigen gewesen, die der Band am glaubhaftesten versicherten, dass sie langfristig mit der Band arbeiten wollen. \"Wir haben jetzt die Sicherheit, dass unser Label unsere Vorstellungen teilt, wir haben völlige Kontrolle über unseren Output, und alle Leute, mit denen wir arbeiten, sind unsere Fans.\" Beneidenswert für eine Band in diesem Stadium.
Bleibt nur das Problem mit dem Bandnamen, der nach dem unvermeidlichen Artikel geradezu schreit. Und auch Tom und Chris haben einschlägige Erfahrungen gemacht: \"Eigentlich sagen fast alle 'The Editors'. Kürzlich gab es auf MTV diese Sendung 'Die 101 Größten Bands, Die Mit Einem The Beginnen'. Wir sahen die Sendung mit unserem Manager, und der scherzte, dass wir bestimmt dabei wären. Wir haben noch gesagt, dass er spinnt, dann kam aber Platz 23: Editors, ohne 'The'.\"
The Back Room
Tom Smith über den Titel seiner Platte: \"Der Back Room ist ein Raum, in dem man am liebsten niemanden treffen würde. In dem man gerne für sich wäre und Zeit hätte, um zur Ruhe zu kommen. Es ist dabei egal, ob er physisch existent ist oder nur imaginär.\"
Birmingham
... ist nach London die zweitgrößte Stadt im UK und liegt in der Region West Midlands. Es leben rund eine Million Menschen dort. Die dortige Musikszene brachte in den 60ern und 80ern ihre größten Namen hervor: Black Sabbath, Judas Priest, Duran Duran, Dexy's Midnight Runners, Phil Lynott von Thin Lizzy und Robert Plant von Led Zeppelin.
Kitchenware
1982 von u. a. Keith Armstrong gegründetes Label aus Newcastle. Entsprang einem Verbund von Leuten, die den überwiegend von Künstlern besuchten Club The Soul Kitchen betrieben. Bekannteste Acts auf dem Label waren Prefab Sprout und The Kane Gang, die dem Label auch den ersten Top-Ten-Entry bescherten. 1995 wurde die letzte Single releast, bis Armstrong 2004 das Label wieder belebte.
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