Brian Eno

Zu viel Musik

19.07.2005, 12:10, Text: Wolf Kampmann, Wolf Kampmann
[4 Kommentare]

Fast wöchentlich werden wir mit Klangpionieren und deren neuen, meist unerhörten Sounds konfrontiert. Wunderbar, denn ohne diese Abenteurer würde die Musik, welchen Genres auch immer, über lange Strecken stagnieren. Doch - und das ist die Tragödie - die meisten dieser Klangforscher verstummen relativ schnell und beginnen ihre eben noch brandneuen Sounds, deren Halbwertszeit oft erstaunlich kurz ist, unablässig zu akkumulieren. Es geht jedoch auch anders. Brian Eno ist ein Synonym für kontinuierliche Klangforschung über die letzten 30 Jahre. Er ist niemals einen Schritt zurück gegangen, hat sich zu keinem Zeitpunkt auf Errungenem ausgeruht.

Absurd, ihn mit der anstehenden Roxy-Music-Reunion in Verbindung zu bringen. Allerdings beruft auch Eno sich auf alte Tugenden, wenn er mit seinem neuen Album \"Another Day On Earth\" zum guten alten Song zurückkehrt. \"Komisch\", lacht er, \"als ich vor 25 Jahren 'Music For Airports' machte, wurde ich ständig gefragt, warum ich keine Songs mehr schreibe. Kaum mache ich wieder ein Songalbum, scheint es zu befremden, dass es keine instrumentale Platte ist.\"

Eno geht es um musikalische Landschaften. Am liebsten würde er überhaupt nur Sounds und keine Texte singen. Nichts sei schwerer, als den vokalen Nonsens, mit dem man einen Song entwirft, in Sprache zu übersetzen. \"Solange man Unsinn singt, bleibt der Song so groß wie deine eigene oder des Hörers Imagination. Aber sowie es in einem Lied um etwas Konkretes geht, ist seine Größe genau messbar.\" Um diese Klippe künftig zu umschiffen, arbeitet Eno derzeit an einem Computer, der ihm Texte erstellt. Und dass er selbst lange keine Songs veröffentlicht habe, heiße ja nicht, dass er nicht gern singen würde. Mit anderen Musikern habe er in der Zwischenzeit an unzähligen Songalben gearbeitet. \"Ich wollte nur nicht mehr das Zentrum dieser Songs sein. Eins der größten Missverständnisse unserer Zeit besteht ja darin, dass man den Sänger immer mit seinem Song identifiziert. Diese blutig romantische Idee finde ich unerträglich. Ich habe die Stimme mit einem anderen Design versehen. Da ist eine Welt, und in dieser Welt ist eine Figur. Diese Figur bin nicht ich. Es ist jemand, den ich entworfen habe, wie eine Rolle in einem Shakespeare-Stück. Es gibt Sänger, die diese Technik schon vor mir beherrscht haben. Einer von ihnen ist David Bowie.\"

Um deutlich zu machen, was er meint, verlässt Eno die Musik und begibt sich auf ein Feld, an dem er mindestens ebenso viel Interesse hat: die bildende Kunst. \"Vergleiche es mit einem Landschaftsgemälde. Das Auge betrachtet dieses ganz unterschiedlich mit oder ohne eine Figur darin. Ich habe das Vertrauen zu Songs verloren, weil ich den Eindruck habe, sie lenken die ganze Konzentration des Hörers auf dieses stupide Rock'n'Roll-Image von Persönlichkeit.\" Enos experimentellen, im konsequenten Verzicht auf Samplings jedoch auch stoisch anmutenden Keyboard-Sounds bauen ihm eine Kulisse, die an die maritimen Eisfantasien eines Caspar David Friedrich erinnert. Spannung und Faszination des kurzen Albums beruhen jedoch vor allem auf der latenten Gegensätzlichkeit zwischen spiritueller Distanz und physischer Nähe. Oder in Enos Worten auf \"Verlust und Triumph\". Ein Prinzip, das sich erst im Prozess herauskristallisiert. \"Normalerweise beginne ich sehr mechanisch. Ich probiere verschiedene Sounds und Beats aus. Das ist ein ganz langweiliger mechanischer Prozess. Doch irgendwann passiert etwas. Da erhalte ich ein Gefühl zurück, das ich der Musik selbst nicht gegeben habe. Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben. Oft sind es Kombinationen von Gefühlen, die nicht rein, sondern widersprüchlich sind. Von diesen emotionalen Hybriden ausgehend, verfolge ich die Richtung des Songs. Finde ich heraus, worum es in dem Song geht, schreibe ich dazu einen Text. Aber selbst dann weiß ich oft noch nicht, worüber ich singe. Ich singe einfach lieber über etwas als über nichts. Wenn mich die Story am Ende nicht fesselt, dann lasse ich sie fallen.\"

Um seine Geschichten zu erzählen, braucht Eno nur recht wenige Utensilien. Er muss sich nicht mit einer LKW-Ladung von Keyboards umgeben, sondern bleibt in jeder Hinsicht Minimalist. \"Ich muss das Arsenal meiner Wahlmöglichkeiten nicht unablässig erweitern. Lieber arbeite ich mit wenigen Instrumenten, zu denen ich eine Beziehung habe. Deshalb interessiert mich auch noch die Gitarre. Sie ist auf sechs dumme Klänge limitiert, hat aber eine Geschichte. Sie kann erzählen. Jemand sitzt da über Jahre, um eine Beziehung aufzubauen. Die Beziehung eines Musikers zu seinem Instrument macht das Instrument selbst interessant. Deshalb hören wir heute noch Gitarren und Geigen. Die meisten Synthesizer-Spieler haben nicht die Tiefe dieser Beziehung zu ihrem Instrument erlangt.\"

Nun ist Eno jedoch nicht Gitarrist, sondern Keyboarder. Doch mit seiner elektronischen Ambient Music hat er eine ganz eigene Welt errichtet, von deren heutigen Auswüchsen er sich jedoch vehement distanziert. \"Kürzlich hörte ich mir eine der frühen Ambient-Platten an, die ich mit Harold Budd aufgenommen hatte. Ich hatte völlig vergessen, wie gut diese Platte ist. Dann hörte ich mir eine russische Band an, von der mein Assistent sagte, es wären die neuen Portishead. Aber niemand war je besser als Portishead selbst. Alles wurde immer schlechter. Dasselbe trifft auf jene Platte zu, die ich mit Harold Budd gemacht hatte. Ich höre andere Ambient-Platten, aber sie werden nicht besser. Manche Kunstformen beginnen auf ihrem Höhepunkt und lassen dann nach. Ambient ist eine von ihnen.\"

Inzwischen ist ja Ambient nicht mehr nur Musik, sondern Teil unserer alltäglichen Umgebung von U-Bahn über Kaufhaus bis zum Zähneputzen. Eno, der stets im größeren sozialen Kontext denkt, hat dieses Problem längst verinnerlicht. \"Wir werden mit zu vielen Informationen gefüttert. Es gibt keine Stille mehr. Wir hören niemals auf zu konsumieren. Ich will nicht mehr so viel Musik. Gerade meine Lieblingsplatten will ich nur ganz selten hören, damit sie besonders bleiben und eben nicht meinem Alltag angehören. Aus diesem Grund bewege ich mich gerade durch eine Art Anti-Ambient-Areal.\"

Wir verlosen 3x 'Another Day on Earth' von Brian Eno auf CD. Zur Teilnahme an der Verlosung schickt einfach eine Mail mit dem Betreff 'Brian Eno Album' an verlosung@intro.de.

Ambient
Brian Eno war stets gleichermaßen an akustischen und visuellen Prinzipien von Kunst interessiert. In seiner Reihe \"Ambient #1-4\" (1978-1984) fand er die Möglichkeit einer Musik, die man wie ein visuelles Kunstwerk betrachten kann. Die Entscheidung, ob er die Musik bewusst hören oder unbewusst als Klangumgebung wahrnehmen wolle, sollte allein beim Hörer liegen. Enos Ambient-Forschungen haben bis heute große Relevanz, können als Inspirationsquelle für spätere Ambient-Musiker wie The Orb und die Kölner Pop-Ambientschule rund um Kompakt gesehen werden.

Illbient
Unter dem Logo Illbient modifizierten einige DJs aus Brooklyn Ende der Neunziger das Ambient-Prinzip, indem sie die ästhetischen Aspekte von Ambient mit sozialen Inhalten anreicherten. Neben DJ Spooky und DJ Olive gehörten vor allem Skiz Fernando, Professor Shehab, Scarab und das Crooklyn Dub Consortium zu den Protagonisten des Illbient, der sein Mutterschiff auf dem kurzlebigen Label Word Sound fand.



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aus Intro #130 (August 2005)
 
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  • User: interzeptor
  • interzeptor 27.07.2005 | 15:08:34

    danke. sehr lesenswerter
    beitrag!
    und recht hat herr eno. dieses
    in inflationärster art und weise
    ständig und überall musik
    konsumieren (und auch das
    konsumieren müssen - in mehr
    oder weniger öffentlichen
    räumen) lehne ich auch absolut
    entschieden ab. der echte &
    wahre genuß des musikhörens
    bleibt sonst wirklich irgendwann
    auf der strecke.

  • User: Vlad
  • Vlad 27.07.2005 | 16:15:44
    losing my edge
    Ständig und überall konsumieren _können_ ist doch in Ordnung, solange es noch bewusste Wahrnehmung zulässt. Schlimmer finde ich die unfreiwillige Berieselung, zu der aber zwei Seiten gehören.

    Gemeinhin pflegte ich bei Besuch oder sonstwelchen Gelegenheiten stets Musik aufzulegen und entsprechend lange auszuwählen, aber das relative Desintresse sowie Berieselungshaltung der meisten meiner Mitmenschen ist für mich so unerträglich, dass ich dazu kaum noch Lust habe. Wofür zehn Minuten vor dem Regal verweilen, wenn eh' keine Sau zuhört oder sich höchstens beschwert, was das wieder für seltsame Mukke ist?

    Im übrigen ist es doch nicht schlecht, die Musik nicht immer am selben Ort hören zu können. Die passende Umgebung ist nicht notwendig, kann aber im Zusammenspiel ein enormer emotionaler Verstärker sein.

  • User: Kizmiaz
  • Kizmiaz 27.07.2005 | 16:30:38

    Eno hält es da wohl wie Konrad Adenauer, den auch sein Geschwätz von gestern nichts mehr anging.
    Was hat er Ende der 70er seine "Klangtapeten zum Nebenbeihören" über den grünen Klee gelobt.
    Originell war das aber schon (entgegen seinem heutigen Getrommel von wegen klasse Musik mit Mr. Budd) damals nicht, sondern zu 100 % von deutschen Pionieren wie Kluster, Neu und Harmonia gestohlen.
    Macht seit "Taking Tiger Mountain By Strategy" und "Here Come The Warm Jets" nur noch langweilige Musik :
    Zum Beweis z.B. die 1980 exzessiv gehypte "My Life In The Bush Of Ghosts" mit David Byrne nochmal anhören.
    Sein Prinzip des (allerdings ebenfalls von Holger Czukay kopierten) alle Nebengeräusche im Studio als Produzent drinlassen, bleibt schön. Da muß ich mir doch glatt nochmal die "Wah Wah" von James anhören...

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