
Greil Marcus
Neues Wissen unter alten Steinen (Extended Version)
19.07.2005, 11:45, Text:
Klaus Walter,
Klaus Walter
Seit über dreißig Jahren gilt der Kalifornier Greil Marcus als bedeutender Analytiker der Popmusik. Gerne macht er Momentaufnahmen der Popgeschichte zum Ausgangspunkt seines spekulativen Schreibens. In \"Lipstick Traces\" verknüpft er den gleichnamigen Popsong über verräterische Lippenstiftspuren mit der Suche nach Spuren des Dadaismus und Situationismus im 20. Jahrhundert. In \"Basement Blues - Bob Dylan Und Das Alte, Unheimliche Amerika\" gräbt er in der Vergangenheit und benutzt Dylan-Songs quasi als Spaten. Sein neues Buch ist die Biografie des berühmten Dylan-Songs, der kürzlich gar zum besten Rocksong aller Zeiten gekürt wurde.
Was würde heute geschehen, wenn ein unbekannter Künstler einen Song wie 'Like a rolling stone' einer Plattenfirma zuschicken würde? Hätte er eine Chance?
Kommt auf die Plattenfirma an. Ich denke, es würde Firmen geben, die fragen: Was in aller Welt ist das? Was sollen wir damit anfangen? Ich habe noch nie sowas gehört und spiele das unaufhörlich, aber wir wissen nicht, was wir damit tun sollen, also lasst uns einen Weg finden, das rauszubringen, damit die Leute das hören können. Aber es ist eben nicht so, dass der Song 'Like a rolling stone' wie wir ihn kennen einfach so auf einer Cassette eingeschickt wurde. Bob Dylan war einer der wichtigsten Künstler bei Columbia Records, er ging ins Studio und versuchte, den Durchbruch ins Top 40-Radio zu schaffen. Er war schon da! Dennoch, als er rauskam aus dem Studio mit dieser 6-Minuten-Single, war das Letzte, das sie tun wollten, das zu veröffentlichen. Sie wollten keine 6-Minuten-Single veröffentlichen. Sie wollten es nicht verkaufen, weil sie keine Idee hatten, wie sie das tun sollten. Das sieht man schon daran, dass sie die Single in der Mitte teilten, also ein Teil auf der A-Seite und ein Teil auf der B-Seite, damit die Radiostationen nicht den ganzen Song spielen mussten. Ausserdem hatten sie Angst, dass, wenn Bob Dylan, zu diesem Zeitpunkt der renommierteste Künstler mit dem größten Prestige in der populären Musik, einer, den alle bewunderten und beneideten, wenn also Dylan eine 6-Minutensingle rausbringen würde und einen Hit damit hätte, dann würden das plötzlich alle wollen... Oder 7-Minuten-Singles oder 8-Minuten-Singles, vielleicht eine 9-Minuten-Single.
Was würde heute passieren, wenn eine Plattenfirma diesen Song herausbrächte. Würde er im Radio gespielt werden?
Das kann man nicht wissen. Es wäre leicht zu sagen, dass das Radio heutzutage extrem formatiert ist, zumindest in den USA. Es ist zerschnitten durch demografische Daten: es gibt dieses Radio für junge, weisse Männer von 18-34, jenes ist für junge schwarze Hörer, dieses ist für schwarze Hörer mittleren Alters, jenes Radio ist für Leute in ihren Vierzigern, das ist Classic Rock, was bedeutet: nichts früher als 1980. Alles ist organisiert, sogar die Countrymusik hat \"young country\", \"new country\" und \"hard country\". Also wäre die erste Frage: in welches Format passt dieser Song, und schon wäre man verloren. Andererseits: vor ein paar Jahren brachten Outkast 'Hey ya' raus, einen ziemlich langen Song, fast 6 Minuten lang. Aber durch die Art, wie der Chorus funktioniert scheint es geradezu endlos zu sein, ohne langweilig zu werden. Er scheint im Kreis zu verlaufen, scheint kein Ende zu haben. Und was ist dieser grossartigen Platte passiert? Sie rutscht von Format zu Format, sie wandert bis heute immer noch durch die Formate, sie ist immer noch im Radio. Nicht mehr in den Formaten, wo sie gestartet war, also HipHop und R&B, dafür auf Adult Contemporary, und wenn Leute es hören, dann sagen sie: \"Right, ich weiss was das ist, das ist die Musik, die ich hören will. Auch wenn sie nicht wissen, was es ist.\" Ich glaube, da liegt etwas Mystisches in der Art wie der Chorus funktioniert, zuerst singen sie Hey-Ya (betont auf Hey) und (weicher, betont auf dem ya) Hey-Yaaa. Als wollten sie sagen: Was wissen wir? Es ist ja nicht mal wirklich HipHop, es ist ein Rocknrollsong.
Nächste fiktive Frage: Heute gibt es keine Single ohne Video. Wie würde das Video zu 'Like a rolling stone' aussehen?
Wow! Daran habe ich nie dran gedacht!
Wir können später drüber reden.
Nein, diese Frage muss ich sofort beantworten, lass mich kurz nachdenken. Ich würde es eröffnen mit dem Moment in \"Jäger des verlorenen Schatzes\" als Harrison Ford in der Höhle die Statue vom Sockel entfernt und dann kommt dieser riesige runde Felsblock auf ihn zugerollt und verfolgt ihn durch den Tunnel. Damit würde ich anfangen: du glaubst zu wissen, was ein Rolling Stone ist? Hier kommt ein Rolling Stone! Das würde die Leute irritieren.
Du beschreibst die Erfahrungen von Leuten mit dem Song. Haben sie dich überrascht?
Ich habe viele Leute getroffen, die mir davon erzählten, wie es war als sie zum ersten Mal diesen Song gehört haben und das Komische daran ist: sie sprechen so, als ob sie ihn 1965 gehört hätten, als er neu rauskam. Später sagen sie dann sowas wie: ich war 6 Jahre alt und es war 1982 oder ich war 12. Der Punkt ist: jeder, der die Story erzählt, spricht von der Wirkung, die der Song auf ihn hatte. Und nicht etwa: meine Eltern haben das immer gespielt und ich habe erst mit 23 gemerkt dass das interessant ist.
Was ist so einzigartig an 'Like a rolling stone'?
Ein Song, über den die Leute wirklich reden, muss etwas ungewöhnlich Dramatisches am Anfang haben. 'Rolling stone' hat diesen Donnerschlag von einem Drumbeat, der sagt: passt auf, hier passiert gleich was! Wenn das passiert, dann drehst du dich um und sagst: was war das?
Welche anderen Songs hatten so einen Stellenwert? Oder: kann ein Song heutztage in Zeiten des formatierten Radios und des Videozwangs noch so eine Wirkung haben?
Ich glaube, da gibt es eine Menge. 'Smells like teen spirit' von Nirvana war so ein Song mit diesen schimmernden, soften Akkorden, die dennoch sehr herausfordernd und düster sind. Sie sagen: hier wird etwas passieren und du wirst es nicht mögen! Ich hörte 'Teen Spirit' im Radio, bevor ich das Video sah und es hat mich nicht sehr beeindruckt. Erst das Video. Meine jüngere Tochter sah das Video und ich sagte: Was ist das? Und ich meinte mehr noch als die Musik, das, was da auf dem Bildschirm vor sich ging. Ich schaute auf diese Cheerleader, die sich da in Zeitlupe bewegten und eine von ihnen trug ein Anarchie-Symbol auf dem Arm, oder vielleicht ein Tattoo. Also fragte ich mich, was zur Hölle geht da vor sich, bevor ich anfing, die Musik wahrzunehmen. Also hatte für mich das erste Hören nicht diese Wirkung, aber ich weiss, dass das für viele Leute anders war. Für mich hat das Video den Song übersetzt, immer noch eine unglaubliche Arbeit. Ein weiterer Song, der so wirkt, wenn auch auf andere Art, ist 'American pie' von Don MacLean. Nicht weil er musikalisch so dramatisch wäre, sondern weil er offensichtlich vom ersten Moment an eine verschlüsselte Geschichte erzählt und dich dazu auffordert, rauszufinden, wer denn die Leute in dieser Geschichte sind. Und prompt hielten die Leute inne und versuchten genau das rauszufinden.
Dein Denken und Schreiben kreist immer wieder um magische Momente, kathartische Augenblicke, die schlagartig Türen öffnen, neue Erkenntnisse freisetzen.
Das hat nichts mit meinem Denken zu tun, das ist die Art, wie ich Musik erlebe. Ich höre ein Stück Musik, und das war schon so als ich sehr jung war, und ich verstehe nicht, wie etwas so gut sein kann! So perfekt! So richtig! Ich verstehe nicht, wie jemand etwas so Brilliantes konzipieren kann, sich so etwas ausdenken kann, diese Elemente so zusammenzusetzen, dass dieser Moment entsteht. Es gibt Leute, die behaupten, die Evolution könnte es nicht geben weil das Leben auf der Erde so kompliziert ist. Dass es so nicht einfach sein kann, dass da ein allwissender Gott sein muss, der für alles einen Plan hat. Und auch wenn wir uns nicht vorstellen können, dass es jemanden gibt, der so viel weiss, wie so ein Gott dann eben wissen müsste, halten wir das für möglich. Ich glaube daran nicht, aber durch Musik und nicht durch Filme oder Romane begegnen mir oder erlebe ich Momente, die mich verblüfft und sprachlos hinterlassen. Und dann frage ich mich: wie kann ein Mensch nur etwas erschaffen, das so perfekt ist, so richtig? Das ist kein theoretischer Ansatz, kein Nachdenken, nicht die Vorstellung, das könnte ein guter Weg sein, meine Ideen zu kommunizieren. Diese Dinge passieren mir und sie bringen mich dazu, über Musik zu schreiben.
Suchst du solche Momente oder passieren sie einfach?
Es kommt einfach. Manchmal gibt es Momente in einem Stück Musik, die ich identifiziere als die Momente, wo es passiert und dann will ich diese Platte wieder und wieder hören, um diesen Moment wieder und wieder zu erleben. Ich erzähle dir was dazu: Ich habe mir den Eminem Film '8 Mile' angeschaut und ich dachte, was für ein grossartiger Film, ein emotionaler, wahrhaftiger Film, gute Schauspieler, die Art wie Rap gebraucht wurde als Lingua Franca, die von allen gesprochen wurde. All das war so rau und böse wie es sein sollte, also ich dachte: richtig gut. Also, der Film ist vorbei, ich sitze im Kino und der Abspann läuft. Und wenn der Abspann beginnt in '8 Mile', das ist der Moment, wenn Eminem kommt mit 'Lose yourself'. Dieser unglaubliche Song. Und ich war fassunglos, ich konnte es nicht glauben. Ich wusste nicht, was ich da hörte. Ich fühlte, dass ich niemals Panik, Verzweiflung und Furcht gehört hatte auf eine emotional so aufregende Art. Ich war einfach platt. Und dieser Moment, dieser Song, verwandelte den Film, den ich eben noch für wirklich gut gehalten hatte, in ein Nichts. Es löschte den Film regelrecht aus. Also ich höre den Song, weiss nicht wie er heisst, wo ich ihn herkriege. Also gehe ich am nächsten Tag los, um den Soundtrack zu kaufen. Ich gehe in den Plattenladen, und gehe unverrichteter Dinge wieder raus. Und dann kostete mich das mehrere Tage, den Mut aufzubringen, das Album doch zu kaufen, weil ich Angst davor hatte, dass dieser magische Moment sich als trügerisch erweisen würde, dass es eben nicht dasselbe sein würde wie im Kino. Dass die Erfahrung, im Kino zu sein, den Song erst zu dem gemacht hat, was er in diesem Augenblick für mich war. Und das wollte ich nicht wahrhaben, ich wollte mich nicht auf diese Art getäuscht haben. Am Ende bin ich dann doch in den Laden gegangen, habe das Album gekauft, habe es aufgelegt und alles war noch da. It was there!
Was magst du an Eminem?
Es ist doch beängstigend, wenn du ein Hirn hast, das so schnell arbeitet wie seines. Dann muss die Herausforderung doch darin bestehen, etwas herzustellen in einer Form, die mit deinem schnellen Hirn mithält. Mein Gott, es gibt da einen Song, ich weiss den Titel nicht mehr, er kommt in einem Sturm der Wörter daher und mittendrin kommt etwas über Sonny Bono, wie er bei einem Skiunfall zu Tode kommt und du denkst, was ist das jetzt? Was habe ich da gehört? Er ist…nun, wie beschreibst du wirkliches Talent? Wie bekommst du es hin, dass du etwas so häßliches wie den Song 'Stan', etwas so beängstigendes, dass du so etwas immer wieder hören willst?
Du schreibst nicht über dein erstes Mal. Wo, wann und wie hast du zum ersten Mal 'Like a rolling stone' gehört?
Weil ich mich nicht erinnere. Ich erinnere die Zeit, dass es in Kalifornien im August 1965 dauernd imRadio lief und ich erinnere mich sehr gut, wie die DJs sagten: Well that was Part One of Bob Dylan´s great new single 'Like a rolling stone', stay tuned and next hour we´ll play Part Two, das erinnere ich genau und ich war so unglaublich frustriert als sie den Song mittendrin stoppten. Sie haben es nicht einfach ausgeblendet, anstatt es nach dem zweiten Refrain auszublenden, was man annehmen sollte, stoppen sie es ziemlich abrupt, direkt nach dem Beginn der dritten Strophe.
Wie ein Cliffhanger?
Genau! Um dir zu sagen: Hey, da kommt noch mehr!
Der zweite Refrain endet mit \"a complete unknown, like a rolling stone\" und dann hörst du Dylan \"Ah, you..\" und dann halten sie´s an.
Also funktioniert das auch im Sinne des Radioformats und der Werbepausen?
Entweder war´s ein Fehler oder es war brilliant!
Du zitierst einen Kritiker, der über das Besondere an Bob Dylans Stimme schreibt. Worin besteht dieses Besondere?
Das war Robert Ray, Professor für Englisch und Film an der Universität von Florida und Leader der Vulgar Boatmen, eine wundervolle Band. Er ist einer der Sänger und Gitarristen. Das ist ein profundes Statement. Er sagte: Bob Dylans Stimme hat mehr an der Vorstellung der Menschen von der Welt verändert als seine politischen Botschaften. Anders gesagt: wenn eine Stimme wie diese im Radio auftauchen kann, was sagt das über unsere Gesellschaft? Dass eine Menge Leute, die bis dato kein Gehör fanden, jetzt gehört werden! Bis dahin musste man auf eine bestimmte Art reden, damit einem jemand zuhörte. Das für sich genommen ist schon eine politische Botschaft und eine tiefere politische Botschaft als jede Zeile in einem Protestsong. So ähnlich wie die Tatsache, dass Barbra Streisand ein Star werden konnte ohne einen Nosejob.
Ist das ein Grund für die Widmung in deinem Buch: \"Für das Radio\", das Radio als demokratisches Medium?
Ich dachte, wem könnte ich wohl das Buch widmen und dachte an alle möglichen Leute, Leute die ich kenne, Leute die ich nicht kenne, Leute die mich inspirierten, Leute, die etwas beitrugen zu diesem Buch. Aber keiner schien der Richtige zu sein. Und dann schoss es mir in den Kopf: dieses Buch ist fürs Radio! Und dieser Gedanke schien mir sofort der richtige zu sein. Warum? Weil das der Ort war, wo ich 'Like a rolling stone' gehört habe. Nicht nur 1965, nicht nur in diesem Jahr als das Radio dieses grosse demokratische Instrument zu sein schien und ein Feld der Überraschungen. Wann immer du das Radio eingeschaltet hast, hörtest du etwas, worauf du nicht vorbereitet warst, das du nicht erwartet hattest. Also nicht nur damals sondern 40 Jahre lang war das Radio der Ort, wo ich 'Like a rolling stone' gehört habe. Wenn ich es eben nicht erwarte! Egal ob ich mittenrein schalte oder ich es von Anfang an höre passiert es: egal was ich gerade tue oder denke, es verschwindet und ich bin in der Welt von diesem Song.
Was verstehst du unter dem demokratischen Charakter des Radios?
Als Rock´n´Roll aufkam in den 50ern, da wurde das Top 40 Radio erfunden, als Container für all die neue Musik, die aufkam und die nicht reinpasste in die existierenden Formate. Also nicht in die Popradios, die vor allem Sinatra und Swing spielten. Im Unterschied dazu konnte man im Top 40-Radio alle Sorten Musik hören. Mit den Worten des grossen englischen Kritikers Nik Cohn: \"It didnt matter if youre black, white, diseased, moronic, purple or sick, if you carried excitement you could get on the radio and you could clean up.\" Und das ist wahr. Aber 1955 war das ein bisschen anders. Plötzlich kamen diese seltsamen Stimmen aus dem Radio und glaub´ mir, wenn du das erste Mal Little Richard hörst, dann ist das wirklich seltsam, und es ist egal ob du schwarz oder weiss bist aus dem Süden oder aus dem Norden. Wenn du erwas zu sagen hattest und du sagtest es auf deine eigene Art, dann konntest du Gehör finden, egal ob du schwarz oder weiss warst, Mann oder Frau, aus dem Süden oder Norden, American oder britisch. Und, aber: zur selben Zeit, als du all diese neuen Stimmen hörst, hörst du auch horrible gibberish, das ist die Natur von Popradio. Ich meine, du kannst nicht von 1965 reden ohne 'A change is gonna come', 'Stop! In the name of love', 'Like a rolling stone, klar, aber dann musst du auch reden von 'I´m telling you now' von Freddie and The Dreamers oder 'This diamond ring' von Gary Lewis and The Playboys und fünf weiteren Top Ten Hits von Gary Lewis and The Playboys.
Das Top 40-Radio war also in den Sechzigern ein kultureller Schmelztiegel, während im richtigen Leben, vor allem im Süden der USA, die Rassentrennung noch lange nicht überwunden war. Ist es nicht paradox, dass wir heute, wo die Segregation zumindest auf dem Papier aufgehoben ist, eine kulturelle und mediale Segregation erleben. Nach den gängigen Zuschreibungen hören Weiße Rock und Country, Schwarze hören R&B und HipHop, entsprechend eindimensional ist das Programm der Radiostationen
In einigen Bereichen ist die US-Gesellschaft heute viel weniger segregiert als vor 40 Jahren. 1965 beschäftigte die Bank of America generell keine Schwarzen, mit Ausnahme der Hausmeister. Es gab keine schwarzen Menschen in öffentlich sichtbaren Funktionen. Keinen einzigen schwarzen Kassierer bei der Bank of America und das war das größte Unternehmen in ganz Kalifornien. Das war keine Frage des Gesetzes, das war ihre Vorstellung davon, wie man gute Geschäfte macht. Heute ist die Vorstellung einer rein weißen Belegschaft bei der Bank of America geradezu absurd. In Fragen kultureller Sichtbarkeit hat sich viel verändert. Werbespots im Fernsehen sind weniger segregiert als das wirkliche amerikanische Leben. Sie zeigen immer eine attraktive schwarze Person neben einer attraktiven weißen Person. An anderen Punkten ist das amerikanische Leben sehr viel segregierter als etwa vor 20 Jahren, öffentliche und private Schulen etwa. Die schiere Vorstellung von Integration klingt antik, das Wort selbst wird nicht mehr verwendet. Schwarze Kultur in ihrer sichtbarsten Form - HipHop - sagt: wir wollen mit weisser Kultur nichts zu tun haben, wir wollen bloss euer Geld. Die Ideologie des HipHop will das so. Dann gibt es die Theorie, dass schwarze Schüler in rein schwarzen Schulen mehr lernen. Die Re-Segregation hat bereits stattgefunden. In den meisten großen Städten sind die öffentlichen Schulen wenn nicht ganz schwarz so doch überwiegend schwarz. Die Klassenunterschiede in den USA sind viel größer als früher. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Heute ist es für viele Leute akzeptabel, nicht in öffentliche Schulen zu gehen. Als ich in den 1950er Jahren aufwuchs, da schickte in Kalifornien niemand seine Kinder nicht in öffentliche Schulen, egal, wieviel Geld man hatte. Alle gingen in die öffentliche Schule. Nur wenn du nicht mit den Leuten zu Recht kamst, oder gravierende Lernprobleme hattest, dann kamst du auf eine Privatschule. Ich ging vier Jahre lang auf eine private Quäkerschule, auf die uns unsere Eltern schickten, weil sie dachten, wir lernen mehr in einer anderen Umgebung. Wir haben uns immer gefragt: was stimmt nicht mit uns? Warum sind wir hier? Das gilt heute nicht mehr. Es war mal gesellschaftlich geächtet, seine Kinder nicht in eine öffentliche Schule zu schicken, heute ist es gesellschaftlich geächtet, seine Kinder in eine öffentliche Schule zu schicken, wenn man es sich erlauben kann, sie nicht hinzuschicken.
Zurück zum Buch: Wie waren die Reaktionen auf deine Liebeserklärung für die Pet Shop Boys?
Was Leute am meisten verärgert hat ist nicht die Annahme, dass ich versuche, eine müde alte Kultur für die Gegenwart auszuschlachten, sondern die Tatsache, dass ich es gewagt habe zu behaupten, dass der Geist von 'Like a rolling stone' eine Heimat gefunden hat in 'Go West' von den Pet Shop Boys.
Das ist meine Lieblingsstelle. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Ich habe überlegt, wohin 'Like a rolling stone' gegangen ist, wo sein Geist und seine Vehemenz hingekomen sind, seine Erhabenheit, sein Suchen, sein Sinn für Gefahren und für Möglichkeiten. Zuerst dachte ich an Dylans eigene Songs, an 'Tangled up in blue' und 'Idiot wind' von 'Blood on the tracks'. Aber, verglichen mit 'Like a rolling stone' sind beide unvollständig. Dann dachte ich an 'Highlands', dieser ungeheuer lange Song von 'Time out of mind'. Ich fand den Sinn für Verlust so zwingend, jemand spricht sein Leben so in den Tag hinein, eine alte Person, der es nicht mehr wichtig ist, ihr Leben ändern. Dahin ist 'Like a rolling stone' gegangen, dachte ich, dort wird der Song sterben. Etwa zur selben Zeit hörte ich im Autoradio 'Go West' von den Pet Shop Boys. Es war immer mein Lieblingssong von den Pet Shop Boys. Ich hatte ihn eine Weile nicht gehört und da war er im Radio und plötzlich war mir klar: Das ist 'Like a rolling stone'! Das ist die selbe Geschichte: wir lassen unser altes Leben hinter uns, wir beginnen ein neues, wir gehen ins gelobte Land, das ist unser Schicksal! Und dann gibt es die Zweifel und diese Furcht in Neil Tennants Stimme, das Zögern: Bin ich stark genug? Was passiert, wenn der Traum sich nicht verwirklichen läßt? Alles, was 'Like a rolling stone' der Welt erzählen wollte, dass es da draussen ein anderes Land gibt, dass es da ein anderes Leben zu leben gibt, wenn du die Nerven dafür hast, all das ist in diesem Song enthalten. Natürlich war mir klar, dass er von Schwulen handelt, die 1979 in den New Yorker Castro-Bezirk gehen, um dort in einem schwulen Utopia zu leben, wo sie akzeptiert sind, Freunde finden und Liebe finden, ganz egal wie sie in ihrer Heimat behandelt wurden. Aus dieser Stimmung heraus wurde 'Go West' geschrieben. Natürlich war das nicht mehr die Stimmung, als Neil Tennant den Song aufnahm.
Die Pet Shop Boys nahmen den Song 1993 auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte die AIDS-Krise das gelobte Land im Westen Manhattans in einen Friedhof verwandelt, eine City of the walking dead. Das Original von 'Go West' stammt von den Village People und war 1979 eine optimistische Hymne auf die homosexuell befreiten Zonen im Greenwich Village, nach dem sich die Village People benannt hatten.
Tennant nahm 'Go West' auf als heroische Suche nach einem Ort, der nicht mehr existierte. Und das gibt ihm seine Tragik und seine Schönheit. Dieser Song hat die Herausforderung angenommen, die 'Like a rolling stone' an die Popmusik gestellt hatte. Das kann Popmusik erreichen!
Schönes Beispiel für das spekulative Hören und Denken des Popliebhabers Greil Marcus. Aber, nicht alle waren begeistert von seiner Fortschreibung des heiligen Dylansongs.
Sie halten mich für verrückt: Wie kannst du es wagen, die Pet Shop Boys mit Bob Dylan zu vergleichen? Es ist eine homophobe Reaktion, eindeutig. Wie kannst du unseren Helden mit diesen flennenden Schwuchteln vergleichen? Es ist bescheuert.
'Go West' ist einer von vielen Songs, die du mit 'Like a rolling stone' vergleichst.\"
Ich versuche über eine Welt zu reden, in der 'Like a rolling stone' gelandet ist. Was waren die Standards in der Popmusik? Wahrscheinlich hat Sam Cooke mit 'A change is gonna come' die Latte am höchsten gelegt. Viele haben gar nicht erkannt, wie grossartig der Song ist, wie tragisch. Tragisch nicht wegen Sam Cookes Tod, tragisch, weil das Land das Versprechen dieses Songs nicht erkannt hat.\"
War es wirklich eine Hymne der Bürgerrechtsbewegung?
Es war eine Hymne der Bürgerrechtsbewegung, aber heute spielt es nicht mehr diese Rolle. Ich schreibe auch darüber, wie ein Song zum nächsten führt. 'Blowin´ in the wind' war inspiriert von der Bürgerrechtsbewegung, 'A change is gonna come' war inspiriert von 'Blowin´ in the wind'. Für Sam Cooke war das eine Beleidigung: warum schreibt ein weißer Typ einen Song wie 'Blowin´ in the wind', ich hätte so einen Song schreiben müssen, aber ich habe es nicht getan, weil ich Angst hatte, etwas politisches zu schreiben, weil ich nicht die Vision hatte. Dann geht er hin und schreibt 'A change is gonna come' und das ist natürlich ein viel größerer Song als 'Blowin´ in the wind' jemals sein wollte und sein konnte. Als das Buch fertig war, hatte ich das Glück, dass Dylan beim 70.Geburtstag des Apollo Theatre in Harlem auftritt, und was singt er? 'A change is gonna come'! Und ich dachte, oh ja, das wird eine schöne Fussnote.\"
Begreifst du \"Papa was a rolling stone\" von den Temptations als eine dystopische Antwort auf \"Like a rolling stone\"?
Unbedingt. Es gab viele Motown-Platten in den frühen 70ern, die sagten: während du da draußen demonstrierst für eine bessere Gesellschaft, da läßt du deine Leute, die Leute in deiner Umgebung verrotten. 'Papa was a rolling stone' war die effektivste und erschütterndste Version dieser Geschichte.\"
Das leuchtet ein, mehr jedenfalls als \"Mac Arthur Park\", diese Richard Harris-Schmonzette von 1968.
Ich glaube es ist ein Versuch, 'Like a rolling stone' zu kopieren. Sie machen diese lange Single, ohne 'Like a rolling stone' hätten sie niemals diese lange Single gemacht, es ist über 7 Minuten lang.
Ich musste das als Kind immer im Radio hören. Mit 12 war ich Fan von Bands wie Steppenwolf und The Doors und dann kam im Top 40-Radio der American Forces Network immer diese - für meine damaligen Begriffe - Schnulze, und ich wusste, jetzt dauert es über sieben Minuten, bis was besseres kommt. Dafür habe ich´s gehasst.
It´s the bad rolling stone, der böse Zwilling von 'Like a rolling stone', es ist lang, es ist grandios, es ist pompös, es ist überorchestriert, aber es ist, davon bin ich überzeugt, der Sprößling von 'Like a rolling stone'.
Greil Marcus
Like A Rolling Stone - Die Biographie Eines Songs
KiWi Verlag
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...




