Mark Stewart

Der Ein-Mann-Schmelztiegel

19.07.2005, 11:45, Text: Klaus Walter, Klaus Walter

Mit der Popgroup hat der Sänger-Autodidakt Mark Stewart Ende der 70er bahnbrechende Platten gemacht, die sich heute besser verkaufen als je zuvor, meist an Leute, die damals noch gar nicht auf der Welt waren. Die stoßen über das New Yorker Punkfunk-Revival auf die britischen Pioniere, über Radio 4 zur Gang Of Four, über LCD und DFA zur Popgroup. Als Mark & The Maffia spielte Stewart mit der Sugarhill Gang und erfand aus Versehen Industrial und TripHop, so, wie die Teflonpfanne von der Raumfahrt abfiel. Jetzt liegt die überfällige Mark-Stewart-Retrospektive vor, nicht ohne zwei neue Tracks, denn: \"Ich mag keine Retrophilie.\"

Das Album heißt \"Kiss The Future\", also küssen wir die Vergangenheit: Welche Rolle spielte Punk für dich?
Wir wollten keinen Punk spielen, weil das schon passiert war.

In Bristol bin ich aufgewachsen in Funk- und Reggaeclubs, also versuchten wir uns an Funk. Aber weil wir nicht gut spielen konnten, meinten ältere Journalisten, wir klängen so experimentell, während wir glaubten, funky zu sein.

Stewart unterscheidet zwischen Punk als Musikstil und Punk als Lizenz zur Aktion: \"Ich habe schon vor Punk zu Platten von I-Roy und Big Youth mitgesungen, war Fan von Iggy Pop und den New York Dolls. Punk war für uns die Selbstermächtigung, Musik zu machen. Vorher musste man ein großes Studio haben und so sein wie Emerson, Lake & Palmer oder aufs Gymnasium gehen wie Genesis. Dann habe ich Paul Simonon von The Clash auf der Bühne gesehen, wie er mit seinem Bass auf der Bühne steht und nicht weiß, was er tun soll. Das hat mich und meine Mates in Bristol inspiriert. Man spricht ja immer von der Arroganz der Macht, aber Punk gab uns die Macht der Arroganz.\"

Wie oft hat man solche Initiationsgeschichten schon gehört? Und ist Genesis-Bashing nicht seit 25 Jahren passé? Komischerweise finde ich Mark Stewarts Erweckungserlebnis überzeugend und bin ich fast gerührt, als er sich nach einer Stunde am Telefon mit einem \"Thanx Mate\" verabschiedet. Die Essentials der Initiation haben für ihn bis heute Bestand, sein Fünf-Worte-pro-Sekunde-Stakkato ist voll von Begriffen wie Mate, Working Class oder Rebellion. Wenn er von seinen Freunden nicht als Mates redet, dann sind es Boys und Girls.

\"Ich bin gerade im Studio und arbeite mit einer Toningenieurin, wir haben immer gerne mit Girls gearbeitet, gerade mache ich ein Duett mit Ari. In allen Bands in Bristol waren genauso viele Girls wie Boys.\" Das war seine Antwort auf die Frauenfrage: Slits, Raincoats, Delta 5, Snatch, all die Bands von 79 bis 81, die jetzt wieder entdeckt werden, hatten Frauen in entscheidenden Rollen. Ob es eine besonders günstige Zeit gewesen sei, will ich wissen, aber Stewart antwortet, als sei das Ganze erst gestern gewesen. Und ja, Ari Up von den Slits ist wieder da, und mit Girls hat er immer gern gearbeitet.

Wie alt bist du? \"44.\" Für Mark Stewart ist die Zeit nicht stehen geblieben. Er ist bloß imprägniert durch seine Initiationsjahre und hält mit einer robusten Emphase - andere würden es Naivität nennen - fest an seiner Idee von Musik als sozialer und politischer Praxis. Punk sprach zum jungen Mark und sagte: \"You can do it!\" Diese Chance will sich der Mittvierziger nicht nehmen lassen, auch nicht von Nike: \"Durch Punk habe ich gelernt, die Leute dazu zu bringen, mein Geschrei zu goutieren. Sie denken, ich könnte singen. [lacht] Es war die Arroganz, sich auf die Bühne zu stellen und zu schreien. Wir hielten das für politisch, weil: vorher war alles so weit weg. Man musste nach London fahren, Beziehungen haben.\"

Du hattest immer sehr politische Texte. Wie sah eure Soundpolitik aus?
Am Anfang dachten wir: Wenn wir die Gesellschaft mit Worten kritisieren, dann können wir keinen Pubrock spielen. Wir wollten elektronische Sachen machen wie Pierre Henry, Cut-up-Sound-Poems.

Hörst du Politik im Sound der Gegenwart?
Die wichtigste politische Musik kommt von den Indian-Ragga-Soundsystems aus London und Manchester. Sie heißt Desi, was in Indien \"Homeland\" bedeutet. Früher wurde das nur in indischen Läden auf Kassetten vertrieben, jetzt gibt es eine Compilation, \"Urban Flavour\", die ist auf Nummer drei in den Supermarkt-Compilation-Charts. Aber die englische Musikpresse nimmt das überhaupt nicht zur Kenntnis.

Die ist weiß, Rock und Retro.
Ja, es ist ein fantastischer Mix aus Indian, Ragga und HipHop, du hörst das aus den Autos mit den riesigen Bassboxen, Punjabi MC oder die Punjabi Hit Squad. Sogar Jay Z und Busta Rhymes besorgen sich Desi-Remixe. Das Politische an Desi ist, dass es Working Class Kids sind, die erste wirkliche Street Culture. Ich meine, Punk war ein bisschen Art School, aber das ist eine richtige Mixtur, proper England.

Proper England! Für Mark Stewart repräsentiert der Mix aus Desi und Ragga das eigentliche (proper) postkoloniale England, während die Musikpresse solche Phänomene ignoriert und ein eigentliches weißes England (re)konstruiert.

Gab es Hautfarbengrenzen in Bristol?
Als die Popgroup anfing, war alles ziemlich weiß. Die Indie-Presse, der NME usw. Bei uns war das anders. Ich ging zu Reggae-Konzerten und zu den Soundsystems, da war es gemischt. Ich bin froh, dass ich Tricky oder Massive Attack beeinflusst habe. Wenn die sagen, mit Mark kann man was machen, dann hat das nichts mit Hautfarbe zu tun.

Einer deiner Songs heißt \"Anger Is Holy\". Zorn und Wut sind treibende Kräfte deiner Arbeit, wie hältst du anger am Leben?
Ich wache morgens auf und öffne meine Augen.

Wie geht's weiter?
Jetzt mache ich Mash-ups aus Ragga, Death Metal und heavy Gabba-Zeug. I pick & mix things. Vielleicht will ich eine Trompete über eine Death-Metal-Single legen oder einen Muezzin-Sound über einen Carl-Craig-Beat. Wenn ich einen Ragga-Track haben will, dann bekomme ich den von The Bug, gerade arbeite ich mit Keith Levine von PIL. Spoken Word Poetry bekomme ich von Jalal von den Last Poets. Die nächste Platte ist voll von solchen Leuten, der feuchte Traum eines Musikjournalisten.

Mark Stewart kombiniert zwei eigentlich gegensätzliche Künstlermodelle: hier der berserkerhafte, fundamental-oppositionelle Auteur, dort der postmoderne, durchlässige Bricoleur; hier der Fels in der Brandung, dort der vielseitige Kollaborateur.

Bist du ein Ein-Mann-Melting-Pot?
Hahaha, Darling, höhöhö ...

Sugarhill Gang
Als Hausband des New Yorker Sugarhill-Labels spielten Skip McDonald, Keith Leblanc und Doug Wimbish auf historischen Tracks wie \"Rapper's Delight\", \"The Message\" oder \"White Lines\" (letztere für Grandmaster Flash & The Furious Five). Mit Adrian Sherwood, Gründer des On-U-Sound-Labels, bildeten sie später Tackhead und Fats Comet und waren Mark Stewarts Maffia. In den 90ern gründeten sie die Blues-Dub-Band Little Axe.

The Bug
Hinter The Bug steckt Marks Freund Kevin Martin, der einen der neuen Tracks auf \"Kissing The Future\" produzierte und mit dem Stewart gerade eine Coverversion von T.Rex' \"Children Of The Revolution\" aufnahm. Bevor er mit dem hervorragenden Album \"Pressure\" als The Bug in Richtung Ragga abbog, gab Kevin Martin als Techno Animal den wilden Mann des Industrial-Electro-Funk. Idealer Partner für Stewart.



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aus Intro #130 (August 2005)
 
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