
Chikinki
Sehen und gesehen werden
19.07.2005, 11:21, Text:
arno raffeiner,
arno raffeiner
\"Wir mögen die Idee, dass alle, die vor dem Fernseher sitzen, von der anderen Seite aus auch selbst beobachtet werden. Dieses Observe-the-observer-Ding. Das ist doch irgendwie auch das, was du machst, wenn du einen Song schreibst: Du beobachtest einen Ausschnitt der Welt und machst ihn in einer anderen Perspektive sichtbar.\" So erklärt Trevor Wensley, Keyboarder bei Chikinki, die offensichtliche Obsession seiner Band mit dem Thema TV. Der Partyalltag der fünf Jungs aus Bristol scheint sich tatsächlich fast ausschließlich vor dem Fernseher abzuspielen - das ist zumindest von unserer Seite der Mattscheibe aus im Video zur Single \"All Eyes\" zu sehen, die das bunte Treiben konsequent rückwärts abspult.
Mit dem Wort \"rückwärts\" wären wir auch schon bei der zentralen Frage: An welche Rocktradition aus dem derzeit komplett verfügbaren Repertoire von Sixties bis Eighties schließen Chikinki an? Die sonst so gut geölte Referenzmaschinerie rotiert zunächst seltsam im Leerlauf, bis sie schließlich komplett durchdreht und mit einem Ächzen abschmiert. Auch wenn sich das erst beim zweiten Hinhören offenbaren mag: Die rockende Basis, die die Chikinki-Jungs anrühren, ist elektronisch. Die Besetzung mit Schlagzeug, Gitarre, Gesang und zwei Keyboardern, für die im Ausgleich der Bassist eingespart wird, ist zwar ein klares Statement gegen Gitarrenpurismus, trotzdem rockt das Album an allen Ecken und Enden. Der Einsatz von Synthesizern ließ die britische Presse in elektrisierter Erregung und offensichtlichem Beschreibungsnotstand ziemlich weit hergeholte Krautrockvergleiche ziehen. Aber wo sonst ansetzen? Der Workshop in Sixties-Geschrammel war offensichtlich schon zu überlaufen, und beim White-Funk-Diktat haben Chikinki einfach geschwänzt. Ihre Songs sind verwinkelter und aggressiver, sanfter und lauter als das, was im gegenwärtigen Retroprogramm so zu hören ist. Also widersprüchlicher, und das ist bei den voraussehbaren Parametern der nächsten Brit-Hype-Welle schon eine Wohltat.
Wensley: \"Für den Markt oder das Radio scheint unser Sound etwas schwierig zu sein. So in der Art: 'Hm, in welche Kategorie passt das rein? Äh, keine Ahnung.' Aber wir denken überhaupt nicht, dass wir seltsam klingen, für uns ist alles ziemlich klar und direkt. Es geht um gute Songs, interessante Arrangements und eine super Live-Show. Sollte eigentlich nicht so schwer zu verstehen sein.\" Doch ausgerechnet Chikinkis Plattenfirma Island schien etwas ratlos. Mit dem Ergebnis, dass das Album \"Lick Your Ticket\", in England bereits vor knapp einem Jahr veröffentlicht, dem deutschen Publikum beinahe vorenthalten worden wäre. Zum Glück zappte man bei Kitty-Yo in Berlin genau im richtigen Moment zum Chikinki-Kanal und sorgte via Lizenzierung dafür, dass Trevor Wensley mit seiner Band nun auch in deutsche Wohnzimmer gucken darf.
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