Morane

Dogmen gibt es woanders

23.06.2005, 11:43, Text: Thomas Venker, Thomas Venker

Markus Nikolai vereint die beiden Eckpunkte Konstanz und Wandel mit seinem neuen Projekt Morane aufs Konsequenteste. Wer das aktuelle Debütalbum \"Everyone Is Like You\" hört, ist vielleicht zunächst verstört, so stark ist die Veränderung zu seinen früheren Arbeiten. (Wir erinnern uns: Mit Minimal-House-Hits wie \"Passion\" und \"Bushes\" prägte er nicht nur das Genre, sondern etablierte sich und das Label Perlon als Marke.) Gemeinsam mit Theo Krieger und Annika De Vries leistet er nun poppig-spaßige Imagearbeit für die andere Seite des 80er-Comebacks, sperriges 80er-Indierock-No-Wave-Electro-Geschrammel im Geiste des frühen Rough-Trade-Sounds.

Doch während man die meisten Bands/Projekte recht schnell kategorisieren kann, so will das mit Morane einfach nicht gelingen. Im einen Moment muss man an US-Indiebands wie Death Cab For Cutie denken, im nächsten erinnern sie - nicht zuletzt wegen des Gesangs von De Vries (wobei auch Nikolai als Sänger agiert) - an den lieblichen, extrem kodierten Sound von Stereolab (wobei Moranes Texte weniger politisch-bildungsbürgerlich als eher gaga wirken - gaga mit cleverem doppelten Boden -, so hassen sie einerseits z. B. Autos und haben deswegen, so ihre Logikkette, keine Freundinnen, kritisieren andererseits aber über das Bild von Haifischzähnen in einem Karpfenmund die soziale Gefräßigkeit vieler Leute) und im nächsten an sperrigere Indie-Pop-Bands.

So schwierig das Album zu Beginn anmutet, so sehr schätzt man nach der richtigen Ankunft in selbigem seine nonchalante, undogmatische Herangehensweise - auf den begleitenden EPs verführt das Trio zudem mit Dance-Versionen. Fast alle Songs des Albums gibt es nämlich in komplett überarbeiteter Version. In Tradition der beiden Morane-EPs auf Perlon im letzten Jahr, \"The Trick\" und \"The Beach\", stehend, führen diese uns direkt auf die Tanzfläche, schließen an Nikolais Backkatalog an und zeigen uns, warum auf ihn immer Verlass ist (erscheinen wie das Album auf dem neu gegründeten Label More Down Than Out).

Die Zweisoundigkeit ist, so Nikolai, den unterschiedlichen musikalischen Schwerpunkten von Nikolai (fing zwar sehr früh mit Bandgeschichten an, u. a. mit der Industrialband Pile, ist aber derzeit eher der elektronische Mann bei Morane) und Krieger (Multiinstrumentalist und klassischer Bandverfechter) geschuldet. Wobei beide heute an einem Punkt angekommen sind, wo sie auch die jeweils andere Seite sehr schätzen.

Als nächste Herausforderung steht die Liveumsetzung an. Neben scheinbar überraschenden Booking-Anfragen wie jener des Cocoon-Clubs soll es generell eher in die Konzertvenues gehen. Wer sich noch an Nikolais grandiose Sets früher Tage, oft an der Seite Thomas Brinkmanns, erinnern kann, der freut sich jetzt schon (wie ich) mit einem dicken Grinsen im Gesicht drauf. Denn eins ist sicher: Dogmen werden auch hier nicht ausgelebt. Alles ist möglich.



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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