
Colder
Rock Artificiel
23.06.2005, 11:33, Text:
Jan Kedves,
Jan Kedves
Der Macht des Zufalls soll man sich nicht verweigern: Der Eigenbrötler Marc Nguyen spielt mit seinem Projekt Colder eigentlich nur deswegen live, weil sein Labelchef es eines Nachts so geträumt hat - und Marc ein wenig abergläubisch ist. Das mit dem Aberglauben führt der 31-jährige, in Paris lebende Musiker darauf zurück, dass sein Vater Vietnamese ist. Vietnamesen können an einem Wink des Schicksals nicht einfach so vorbeigehen, sagt Nguyen. Er muss es wissen: Dass er heute überhaupt Musik macht - wunderbar sentimental verhangenen, elektronisch generierten Rock -, hängt nämlich ebenfalls mit einem Zufall zusammen: Nach einem geplatzten Job holte ihn seine Rock- und Industrial-Vergangenheit ein, um ihn aus den Klauen der Lohnarbeit als Pixelschieber zu befreien.
Marc, bevor du vor zwei Jahren angefangen hast, als Colder Platten zu veröffentlichen, warst du neun Jahre lang hauptberuflich Grafiker und Art-Director. Wie kam es zu dem Wechsel?
Es wurde mir irgendwann einfach zu langweilig. Ich musste mich um immer mehr Papierkram kümmern und konnte immer weniger kreativ sein. Das hat mich frustriert. Als ich vor drei Jahren dann einmal vier Monate lang Luft hatte, weil einer meiner Kunden einen größeren Auftrag kurzfristig abgesagt hatte, dachte ich, dass ich diese Zeit nutzen sollte, um zu schauen, ob mir Musik nicht mehr Spaß macht. In diesen vier Monaten habe ich mein erstes Colder-Album aufgenommen.
Du hast dieses Album, \"Again\", dann sofort erfolgreich bei Trevor Jacksons Label Output unterbringen können. Trevor ist wie du sowohl Grafiker als auch Musiker. Hast du den Eindruck, dass das die Zusammenarbeit mit ihm einfacher macht, oder wird es dadurch eher komplizierter?
Wenn es um kreative Entscheidungen geht, egal, ob musikalische oder grafische, lässt mir Trevor alle erdenklichen Freiheiten. Er hat fast blindes Vertrauen in mich. Es gibt da überhaupt keine Konkurrenz.
Kanntest du Trevor vorher bereits als Grafiker?
Nein, ich habe ihn erst durch sein Label kennen gelernt. Vor fünf Jahren hat er auf Output mal eine Platte veröffentlicht, die ich sehr mochte. Sie hieß Sonovac und stammte von Midnight Mike aus London. Und kurz darauf hat er ein Album von Atom Heart veröffentlicht, \"Pop Artificielle\", das fand ich ebenfalls super. Solch verschiedene Stile auf einem Label, das kannte ich damals so noch nicht.
Es ist interessant, dass du \"Pop Artificielle\" erwähnst. Wenn man genauer darüber nachdenkt, könnte man deine Musik nämlich in gewisser Weise als \"Rock Artificiel\" bezeichnen ...
Stimmt, da ist was dran.
Zwar nimmst du keine Coverversionen auf, aber du versuchst, einen Musikstil in einen anderen Stil zu transferieren. In gewisser Weise emulierst du in deinem Studio Rockmusik mit elektronischen Mitteln und Sounds ...
Ja, und dabei kommt es immer wieder zu Frankenstein-Momenten. Ich bastele verschiedene Dinge zusammen, die nichts miteinander zu tun haben, um eine persönliche Atmosphäre zu schaffen. Ich denke, dieser Ausdruck \"Rock Artificiel\" bringt das ganz gut auf den Punkt.
Wie würdest du deinen musikalischen Background beschreiben? Welche Musiker und Bands sind dir wichtig?
Die Einstürzenden Neubauten sind für mich eigentlich die wichtigste Band. Ihr erstes Album \"Kollaps\" hat in mir erst den Wunsch geweckt, selbst Musik zu machen. Coil sind für mich auch sehr wichtig, und Current 93, eine englische Band aus den 80ern. Ihr Produzent und Sänger David Tibet hat auch ein Label, Durtro, auf dem er düstere, seltsame Musik veröffentlicht. Er hat zum Beispiel das erste Album von Antony & The Johnsons aus New York veröffentlicht. Und in einer poppigeren Richtung war ich schon immer ein großer Fan von Brian Eno, vor allem von seinen Soloalben aus den 70ern.
Seit einiger Zeit trittst du mit Colder auch live auf, und zwar nicht alleine, sondern mit einer Band. Hast du vorher überhaupt schon mal in einer Band gespielt?
Nein, nie.
Es muss eine seltsame Erfahrung sein, sich mit Ende 20 seine erste Band zu suchen und zum ersten Mal auf eine Bühne zu gehen ...
Ja, das war tatsächlich seltsam. Es hat sich aber total zufällig ergeben. Zunächst wollte ich meine Musik gar nicht live spielen. Kurz bevor mein erstes Album erschien, schlug mir ein Freund aber abends bei einem Bier vor, dass wir mal ausprobieren sollten, als Band zusammen zu spielen, mit einigen gemeinsamen Bekannten. Ich war von der Idee nicht gerade begeistert. Aber als ich nach diesem Abend nach Hause kam, hatte ich eine E-Mail von Trevor Jackson in meinem Postfach, in der er beschrieb, dass er einen seltsamen Traum gehabt habe, in dem Colder ein Livekonzert gespielt hätten. Er beschrieb den Auftritt bis ins kleinste Detail so, wie mein Freund es sich an diesem Abend in Paris ausgemalt hatte - mit einem elektronischen Drumkit und einem Gitarristen, der nur Texturen und seltsame Geräusche spielt. Ein komischer Zufall ...
Danach musstest du diesen Traum also in die Realität umsetzen ...
Ja, ich wollte es zumindest versuchen. Vielleicht hängt das mit meiner vietnamesischen Seite zusammen. Vietnamesen sind oft sehr abergläubisch, und ich kann solche Zufälle nicht einfach ignorieren. Also haben wir es ein paar Wochen später tatsächlich ausprobiert. Es war nicht einfach, es hat mir zunächst Angst gemacht. Und für die anderen in der Band war es auch komisch. Aber nach ungefähr fünf Monaten hat es dann bei einem Auftritt bei allen von uns Klick gemacht. Seitdem fühlt es sich nicht mehr komisch an, sondern macht richtig Spaß.
Du bist derzeit nicht der einzige französische Musiker, der die Musik, die er im Studio alleine schreibt und produziert, auf der Bühne mit einer Band umsetzt. Anthony Gonzales von M83 macht es genauso, zumindest seit seinem letzten Album ...
Ja, Colder wird auch oft mit M83 verglichen. Auch wenn meine Musik völlig unterschiedlich ist, vor allem auf meinem neuen Album \"Heat\", hat sie scheinbar eine ähnliche Stimmung. Vielleicht ist es dieses nostalgische, melancholische Grundgefühl. Wir haben in Frankreich auch denselben Tourmanager. Er versucht gerade, ein gemeinsames Konzert mit uns und M83 zu organisieren.
Bist du auf der Bühne eigentlich eher jemand, der geradeaus ins Publikum schaut, oder jemand, der die ganze Zeit auf den Boden starrt?
Ich habe recht schnell gemerkt, dass es auf der Bühne keinen Sinn macht, sich zu verstecken. Am Anfang hatte ich noch diese Tendenz und war ziemlich schüchtern, aber mittlerweile schaue ich nach vorne.
Output Recordings
Das Label des Londoner Berufshipsters Trevor Jackson. Bekannt für stilistische Vielfalt bei gleich bleibend hoher Qualität: Der Goth-Techno von Black Strobe passt genauso auf das Label wie der Krakeel-House von Mu (\"Paris Hilton\"), der Disco-Punk von The Rapture oder Jacksons eigene Retro-Disco-Produktionen als Playgroup. Enge Freundschaften verbinden den Briten mit Labels wie Playhouse (Frankfurt) oder DFA (New York). So hält sich der Lockenkopf stets bestens informiert.
\"Pop Artificielle\"
Als beinahe legendär zu bezeichnendes, 1998 unter dem Alias LB (Lassigue Bendthaus) erschienenes Album von Uwe Schmidt alias Atom Heart. Enthält stark an Kraftwerk angelehnte Vocoder-Pop-Coverversionen von \"Angie\" (Rolling Stones), \"Superbad\" (James Brown), \"Ashes To Ashes\" (David Bowie) und anderen Pop-Standards. Das Album nahm damals nicht nur Schmidts spätere Rumba-Cover-Eskapaden als Señor Coconut vorweg, sondern auch weitere Cover-Konzeptalben wie beispielsweise \"Nouvelle Vague\".
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