Sleater-Kinney

Ganz neu ganz groß

22.06.2005, 16:06, Text: Sonja Eismann, Sonja Eismann

Text: Sonja Eismann / Interview: Ute Hölzl / Susi Ondrusova

Sleater-Kinney wollen ihre Fans ärgern. \"The Woods\", ihr siebtes Album, soll weh tun. Über ein Jahr lang haben Corin Tucker, Carrie Brownstein und Janet Weiss nach einem Weg gesucht, noch mal ganz neu zu werden und die vorgefertigten Bilder vom (Ex-) Riot-Grrrl-Trio, die sich nach der zehnjährigen Bandgeschichte in allen Köpfen schon gemütlich aufs Altenteil zurückziehen wollten, zu feinstem Staub zu pulverisieren. Man hört der Platte an, dass das ein verdammt unheimlicher, dunkler, suchender Weg war. Aber Sleater-Kinney sind während dieses Prozesses auf fast gigantomanische Weise über sich hinausgewachsen.

Und ob man diese Veränderung euphorisch begrüßt oder beleidigt drauf rumkaut, muss man in jedem Fall mit hängendem Unterkiefer zugeben: Das Ergebnis ist, wie es auf Englisch so schön heißt, mind blowing.

Schon der Opener \"The Fox\", der mit kreischendem Feedback anfängt, dann mit verzerrten, immer heftiger werdenden, bombastischen Gitarrenwänden und messerscharfen Trommelwirbeln zu Corins un- bis übermenschlichen Schreien nach vorne donnert, macht wie eine explodierende Bombe klar: Nichts wird mehr wie vorher sein. Unheimlich, aber wow. Eddie Vedder, der die drei Portlanderinnen 2003 als Support-Act mit auf die letzte Pearl-Jam-Tour nahm und sie mit einem dämlich paternalistischen, aber sehr begeisterten Gestus für die Titelgeschichte der April/Mai-Ausgabe der Zeitschrift Magnet interviewte, beschwert sich zu Anfang des Gesprächs voller Freude, dass das neue Sleater-Kinney-Album seine Boxen weggeblasen hätte. Der Musikkritiker der New Yorker Village Voice, Keith Harris, stellt nach einem Konzertbesuch fest: \"I can't imagine any woman having left Sleater-Kinney's March 3 show at the Mercury Lounge without wanting to form a band, and I can't imagine any man having left without wanting to be a woman\", während Jenny Tatone vom Venus Magazine sie in ihrer Cover-Story als \"one of the only successful all-female rock bands in existence\" zelebriert.

Es ist nicht zu übersehen: Hier wird nicht an Superlativen gespart, und die massive, meist enthusiastische Presserezeption nicht nur in Nordamerika zeigt, dass man sich die Band jetzt wohl mit ein paar mehr Fans teilen darf als mit den gleich gesinnten Mädchen, die die drei immer noch an der Straßenkreuzung Sleater und Kinney im feministischen Unistädtchen Olympia rumhängen sehen und verliebt aufseufzen, wenn in Alex Sichels Film \"All Over Me\" die kurz vor ihrem Coming-out stehende Protagonistin \"I Wanna Be Yr Joey Ramone\" hört.

Alles ist größer geworden, ausufernder, grenzenloser - der mitunter an Jimi Hendrix oder Led Zeppelin erinnernde, von allen Fesseln befreite Progrock-Gitarrensound, die Fanbasis, der Pressehype, das Label. Der Wechsel von Kill Rock Stars zum Indie-Giganten Sub Pop scheint dabei reibungslos und ohne harte Gefühle vonstatten gegangen zu sein - im Booklet wird KRS gedankt, und im Interview erklärt Corin, KRS sei ein großartiges Label, aber Sub Pop habe einfach die bessere Infrastruktur.

Für die Produktion der Platte wurde Mercury-Rev- und Flaming-Lips-Producer Dave Fridmann angeheuert, mit dem sich die Band für zweieinhalb Wochen in seinem Studio im extrem abgelegenen, ländlichen Cassadaga im Staate New York verbarrikadierte - eine plausible Interpretation des Titels, den die Band so offen und vieldeutig wie möglich lassen möchte. Wie schon an allen Ecken und Enden breitgetreten wurde, war Fridmann mitnichten ein Fan des Sleater-Kinney-Sounds und empfahl sich genau deswegen für den Job, alles neu zu machen. Er wollte die große Emotionalität der Band, die live immer so gut rüberkomme, rausschälen - bei ihren Auftritten mit Pearl Jam in den riesigen Rockarenen hatten sie bereits damit begonnen, viel zu improvisieren -, und dafür stellte er so merkwürdige Forderungen wie jene, Drummerin Janet Weiss solle wie Keith Moon spielen, dessen Schlagzeug langsam von einer Decke verhüllt wird.

Mitunter klingt Carrie Brownstein, die kecke Tomboy-Ikone der Band, wie ein selbstherrlich wichsender Gitarrengott - kaum verwunderlich bei der Masse an Gitarrensoli und dem psychedelisch zerfransten Elf-Minuten-Stück \"Let's Call It Love\" -, und es ist sicherlich kein Zufall, dass Corin im Interview immer wieder von ihrem \"musicianship\" spricht und die beeindruckende Weiterentwicklung der technischen Fertigkeiten betont. Trotz dieser unerwarteten Inspirationsquelle geben die Ladys dem ganzen Rattenschwanz an rückwärts verliebten Bands, die in ihrem ermüdenden Epigonentum so gar nichts Eigenes schaffen, in der ersten Single \"Entertain\" unmissverständlich einen mit: \"You come around looking 1984 / You're such a bore / Nostalgia, you're using it like a whore / It's better than before / You come around sounding 1972 / You did nothing new with 1972.\" Auch wenn die Texte nur an wenigen Stellen so outspoken sind, ist klar, dass Sleater-Kinney nach wie vor ein diskursives Kollektiv sind. Corin: \"Das Coole an einer Band ist, dass man die ganze Zeit miteinander diskutiert - wir reden ständig über Feminismus oder darüber, wie wir gewisse Dinge sehen. Ich finde es lustig, dass alle denken, MusikerInnen sind so smart - dauernd werde ich zu meiner Meinung über irgendwas gefragt. Aber klar, als Teenager war mir Musik extrem wichtig, und ich habe KünstlerInnen immer als diejenigen gesehen, die eine Form von sozialer Kritik üben - das war ja schon seit dem Vietnam-Krieg so. Das ist eine der tollen Sachen an Amerika, dass soziale Bewegungen immer mit Musik verknüpft waren. Heute ist alles viel kommerzieller, und es gibt in den USA diese abscheuliche Corporate Rock Culture, in der es nur um Geld geht. Damit wollen wir nichts zu tun haben. Ich glaube aber, dass es auch jetzt eine Menge AktivistInnen gibt, die tolle Sachen aufgezogen haben, die aber keine Presse kriegen. Wir als Band haben ja immer sehr viel Echo in den Medien gehabt, wie auch Le Tigre, einfach, weil wir Labels und PR hinter uns haben, aber das erste Ladyfest in Olympia z. B. wurde ja de facto von Alison Wolfe von Bratmobile organisiert. Es gibt viele Frauen, die hinter den Kulissen arbeiten und z. B. so tolle Dinge wie das Rock'n'Roll Camp For Girls organisieren, aber sie kriegen leider viel zu wenig Aufmerksamkeit.\"

Eddie träumt
Entlarvend, oft ärgerlich, manchmal aber auch brüllend komisch an diesem ausführlichen Interview, in dessen Titel Sleater-Kinney ehrfurchtsvoll als \"Divine Trinity\" bezeichnet werden, ist die Art und Weise, wie sich Vedder immer wieder selbst penetrant ins Zentrum des Interesses zu rücken versucht. So kommt es auch zum grotesken Geständnis des Frontmanns der Band, die schon mit ihrer ersten Platte als Mainstream-kompatibler Grunge bei Epic bzw. Sony rauskam. Vedder: Another unfulfilled dream of mine is being on Sub Pop Records. Weiss: Really? Vedder: Yep.

Girls Rock!
Das Rock'n'Roll Camp For Girls findet jeden Sommer eine Woche lang in Portland, Oregon statt und gibt Mädchen zwischen 8 und 18 Jahren die Möglichkeit, ein Instrument zu lernen und eine Band zu gründen. Die stets hochmotivierten Teilnehmerinnen dieser Non-Profit-Organisation, die 2000 aus Misty McElroys Doktorarbeit hervorging, werden von Freiwilligen - wie in der Vergangenheit z. B. Carrie Brownstein, Tara Jane O'Neil und STS - unterrichtet.



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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