Tiefschwarz

Jenseits der Nächte

22.06.2005, 12:36, Text: Jürgen Dobelmann, Jürgen Dobelmann

Nicht seit den Tagen eines Timo Maas oder DJ Hell haben britische House- und Elektronik-Freunde einer Albumveröffentlichung aus Deutschland mit einer vergleichbaren Erwartung entgegengefiebert, wie es jetzt bei \"Eat Books\", dem zweiten Artist-Album des Brüderpaares Ali und Basti Schwarz, der Fall ist. Eine Aufmerksamkeit, die sich die beiden Mittdreißiger in den vergangenen Jahren mit zahllosen bemerkenswerten Remixen (u. a. Kelis, Spektrum, The Rapture) kontinuierlich erarbeitet haben. Doch trotz imminenter internationaler Karriere bekunden die beiden nach mehr als fünfzehn Jahren als Clubbetreiber, DJs, Remixer, Artists und Produzenten im House-Biz die Endlichkeit ihres Tuns qua Albumtitel: \"Es gibt einfach ein Leben jenseits des Nightlife, der Clubs und der verschwitzten, stinkenden Leiber.\" Die endlosen Wartezeiten auf den Flughäfen der Welt überbrücken die beiden vorzugsweise mit dem Verschlingen von Büchern: \"Wir haben diesbezüglich viel nachzuholen.\"

Muss wohl am Alter liegen.

Eine Belastung, etwa aus der gesteigerten weltweiten Erwartungshaltung, nehmen Tiefschwarz nicht wahr. \"Der Stress, unsere vielen Flüge zu koordinieren, ist viel größer als der Druck, ein Album aufzunehmen\", erklärt Basti, \"da bin ich superlocker.\" Mittlerweile kümmern sich drei Booking-Agenturen, ein Remix-Management in England und eine Plattenfirma (Fine Records) um die Belange der beiden. \"Es gibt vielleicht Termindruck. Aber keinen Erfolgsdruck\", bestätigt Ali. Um sich die nötigen Kapazitäten für die Produktion der insgesamt zwölf \"Eat Books\"-Stücke freizuschaufeln, mussten Remix-Jobs bis auf weiteres ausgesetzt werden, u. a. fielen Anfragen von Moby und New Order dem Annahme-Stopp zum Opfer.

Zusammen mit ihrem Studiopartner Jochen Schmalbach, dessen Vita u. a. Produktionen für Die Fantastischen Vier, Tourneen als Drummer der Elektropop-Veteranen Camouflage und in Kürze die Erstellung eines neuen DJ-Hell-Albums umfasst, schufen die Schwarz-Brüder in ihrer neuen Wahlheimat Berlin ein Album, das eine drastische musikalische Abkehr vom slicken Deep- und soulful Vocal-House ihres Debüts manifestiert. Das 2002 erschienene \"RAL 9005\" war noch in ihrer Heimatstadt Stuttgart mit Hilfe von Benztown-Producer Peter Hoff zustande gekommen. \"Klar\", sagt Ali, \"wenn man die beiden Artist-Alben jetzt nebeneinander legen würde, dann wäre da natürlich ein sehr großer Unterschied spürbar. Aber man darf nicht vergessen, dass 'RAL' vor fünf Jahren entstanden ist. Und wenn man sich in einer solchen Zeitspanne nicht weiterentwickeln würde, das wäre ja furchtbar! Wenn man aber unsere Arbeiten chronologisch durchhört, ist die Entwicklung relativ soft.\"

Eine entscheidende Rolle beim Prozess der Herauslösung aus dem Black-Music-Kontext fällt den Auswirkungen einer musikalischen Revolution zu, die in den vergangenen Jahren das House-Genre überrollte. \"Durch die Umbrüche in der Dance-Musik, die durch Electroclash ausgelöst wurden, ist ein völlig neuer Wind reingekommen. Die ganze Neunzigerjahre-House-Struktur wurde durcheinander gewirbelt. Plötzlich konnten alle Stile miteinander kombiniert werden, Rock mit Techno mit House ..., alles ist denkbar\", erklärt Ali. Perfekt dokumentiert wird die fortschreitende Entwicklung in der Musik der Brüder auf der letztjährigen Doppel-CD \"Misch-Masch\", die u. a. die wichtigsten Tiefschwarz-Remixe der vergangenen Jahre zusammenfasst.

Der neue internationale Anspruch offenbart sich schon beim Blick auf die Liste der Sängerinnen und Sänger, die ihren Beitrag zu \"Eat Books\" leisteten. Hatten vor fünf Jahren noch vorwiegend in Deutschland wohnhafte Künstler (u. a. Joy Denalane, Oezlem) die Tiefschwarz-Tracks mit ihrem Gesangsbeitrag bereichert, sind es nun z. T. gesichtsbekannte Größen wie The-Rapture-Sänger Matty Safers (auf dem Stück \"Warning Siren\") und Everything-But-The-Girl-Chanteuse Tracey Thorn (auf dem Stück \"Damage\"), die sich in den Album-Credits tummeln. \"Erst wollten wir ein reines Clubtrack-Album ohne Gesang machen, das man live performen kann. Als sich dann die ersten Vocal-Features ergaben, ist diese Idee ziemlich schnell im Sand verlaufen\", erklärt Basti, der ältere der beiden Schwarz-Brüder. Eine denkbar leicht verzeihliche Inkonsequenz - immerhin ließ sich z. B. EBTG-Legende Thorn erstmals seit vier Jahren wieder auf eine musikalische Kollaboration ein. \"Wir hatten ihr drei Lay-outs geschickt - von denen hat sie sich eins rausgepickt, drauf gesungen, uns zurückgeschickt - batsch bumm fertig.\" Ein Treffen mit der 42-jährigen Britin steht derweil noch aus. \"Das wird aber vielleicht noch passieren. Möglicherweise wird es ja eine Single, das muss man aber erst noch besprechen. Wäre natürlich eine gute Idee\", erklärt Basti.

Dass eine solche Auskopplung ganz zwangsläufig ein heißes Thema für die internationalen Verkaufscharts ist, interessiert im Hause Schwarz lediglich am Rande. Ali: \"Wir arbeiten nicht im Sinne der Hitparaden. Wenn es passiert, sind wir superglücklich. Es ist der Erfolg, der dir ganz einfach zusteht, weil das Stück von einer breiteren Masse gut gefunden wird. Aber wir würden nie im Leben auf die Charts hin arbeiten.\" Basti: \"Denn das wäre dann wieder Druck. Und unter Druck zu arbeiten, das ist nie gut. Du kommst einfacher in die Charts, wenn du einfach du selbst bleibst. Da kommst du überraschender in die Charts - und dafür dann richtig.\" Ali: \"Apropos - wir waren in den Charts. Mit einer Single waren wir mal auf Platz 84 der Sales-Charts in England. Solche Dinge passieren. Das ist genial.\"

Trotz aller Lockerheit beherrscht mitnichten Planlosigkeit und Laisser-faire das grundsätzliche Schaffen und Wirken der Gebrüder Schwarz. Im Gegenteil: Die kommerzielle Strategie ist mit Hitlisten, die ausschließlich darauf ausgerichtet sind, nationale Abverkäufe in einem stark komprimierten Zeitraum abzubilden, schlicht nicht zu erfassen. Ali erklärt die Globalisierung der House-Märkte à la Tiefschwarz: \"Man darf das nicht falsch verstehen: Deutschland geht uns nicht am Arsch vorbei, aber es ist nicht das wichtigste Territorium - uns interessiert die Welt. Wir werden, wenn wir Pech haben, nirgends in die Charts gehen, aber das ist auch nicht wichtig, weil wir dafür die weltweite Veröffentlichung haben. Dann verkaufen wir eben überall ein paar Platten, und das ist dann nachher mehr, als wenn man sich nur auf den deutschen Markt konzentriert.\"

History in music
Bevor sich Ali und Basti Schwarz der Produktion eigener Musik widmeten, hatten sich die beiden seit ca. 1990 als Betreiber/DJs der Clubs On-U und Red Dog (beide Stuttgart) um die House-Kultur verdient gemacht. 1996 gründeten sie das Label Continuemusics, bei dem sie auch die ersten eigenen Tracks veröffentlichten. Nach einem kurzen Intermezzo beim Stuttgarter Benztown-Label wechselten Tiefschwarz schließlich zu Four Music.

Tracey Thorn
... gründete 1982 zusammen mit Ben Watt das Duo Everything But The Girl. Im Sommer 1984 erschien mit \"Eden\" das erste von neun Studioalben, von denen sich drei in den UK-Top-Ten platzierten. Die Thorn'sche Metamorphose vom Neo-Jazz-Pop-Hascherl zur Vollzeit-Disco-Maus begann 1994, als Todd Terry einen Bootleg-Remix der EBTG-Single \"Missing\" anfertigte, der nach offiziellem Release zum Welthit wurde (u. a. Platz eins in Deutschland). Es folgten Kollaborationen mit Dance-Artists wie Massive Attack (1995), Deep Dish (1998) und Soul Vision (2001).



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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