
Kochen mit
Alexander Hacke
21.06.2005, 18:18, Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
Text: Thomas Venker Interview: Thomas Venker / Linus Volkmann Foto: Christoph Voy
Dieser Text könnte wie folgt beginnen: Wir schreiben das Jahr 2005, und die Einstürzenden Neubauten feiern ihr 25-jähriges Bandjubiläum. Zugegeben, ein sehr langweiliger Einstieg. Aber egal. Trotzdem mal weiter. Danach würde eine objektive Würdigung der Band folgen, denn wenn man schon so bieder anfängt, gehört sich das einfach so. Und wenn dann doch noch ein bisschen Platz für differenzierende Gedanken drin wäre, könnte man noch anmerken, dass es ein erheblicher Unterschied ist, ob man die Band zu ihrer Frühphase erleben durfte, als sie mit dem Krach von Maschinen und Metall einen Paradigmenwechsel in der (musikalischen) Wahrnehmung von Geräuschen bewirkte, oder aber erst in den 90ern, als Frontmann Blixa Bargeld schon mehr der Germanistik-Professor ehrenhalber als subkultureller speediger Pusher-Man war.
So sei hier aber nicht begonnen (was natürlich somit ein faktischer Widerspruch ist, aber egal). Denn dass das Neubauten-Mitglied Alexander Hacke diesmaliger Koch-Gast ist, liegt nicht an den Bandfeierlichkeiten, sondern an der im Berliner Monitorpop Verlag erschienenen, hervorragenden DVD/CD/Buch-Kompilierung \"Ingenious Dilettantes 1978-2001 - Berlin Super 80\", auf der ein treffendes Stimmungsbild Berlins in den frühen 80ern gezeichnet wird. Alles war grau-schwarz, dreckig, runtergerockt, eben noch immer Nachkriegsdeutsch ohne den bürgerlichen Glam des Wirtschaftswunders wie im übrigen Deutschland - mal vom Ruhrgebiet abgesehen. Und wie so oft, wenn die Umstände nicht gerade einladend sind (oder gerade deswegen), stellte dieses Biotop den idealen Nährboden für künstlerische Kreativität dar, für die Suche nach einem alternativen Lebensstil, der nichts mit grünen Wiesen zu tun hatte, sondern mit Abgründen und dem verlockenden Ort dahinter. Nun waren die Einstürzenden Neubauten zwar in genau diesem Club (die) wegweisende(n) Mitglieder, aber auch diese Bedeutungszuschreibung hat keine Rolle bei der Auswahl gespielt. Es waren ein, zwei kleine, im Gesamtkontext der Veröffentlichung eher marginale Fotos, die meine Aufmerksamkeit erhaschten. Sie zeigten den sehr jungen Alex Hacke, nachgerechnete 13 Jahre alt, mit extrem hässlicher Kassengestellbrille und einem Look à la Nerd des Monats. Solche Typen kennt man aus amerikanischen Computersabotage-Weltuntergangs-Filmen, aber doch nicht aus unserer local Subkultur - sollte man aus heutiger Sicht zumindest denken, wo die Offenheit und Unvoreingenommenheit von Szenen gegen null geht.
So recht zusagen will Alex Hacke dieser Grund für seine Anwesenheit im White Trash (WT), der Berliner Szene-Pinte an der Schnittstelle von Hamburger-Kultur und bekennendem Alkoholismus, nicht. Genau genommen ignoriert er sie zweimal, und damit hat sich dieser aus Autorensicht so spannende Gesprächsstrang auch schon erledigt. Wobei \"ignoriert\" ein zu hartes Wort ist für jemanden, der so nett und handsome wie Hacke rüberkommt. Es ist 17 Uhr, und wir haben den Laden für uns. Nur am Nebentisch sitzen noch Hackes Freundin und sein Kind und futtern Hamburger und Pommes - das Kind nicht wirklich, da es, ähm, nicht so kompakt wie Daddy werden will. So kompakt, wie das klingt, ist Daddy übrigens gar nicht. Und zudem ist er auch Vegetarier. Wie überhaupt wider Erwarten ein Großteil der Neubauten (wobei die Vegetarier der Band besser im Fleisch stehen als the meat eaters selbst, so Hacke). Während sich bei Blixa der Vegetarismus nicht wirklich auf Humanismus zurückführen lässt (\"Ich hasse Tiere, warum soll ich sie auch noch essen\"), gaben bei Hacke dafür Tierliebe und Abneigung gegen Fleisch den Ausschlag. Und zwar schon zu Kindergartentagen. Da das Bio-Leben aber erst in den 90ern marktfähig wurde, erinnert sich Hacke nur ungern an die frühen Neubauten-Touren mit einer Mischung aus Weißbrot und Bier als Nahrung.
Vergangenheit. Heute kann man selbst in sleazy Undergroundschuppen wie dem White Trash jedes Gericht auch vegetarisch bekommen. Worauf Wally Potts, einer der beiden Betreiber, sichtlich stolz ist. Bald soll es aber vorbei sein mit der Idylle. Die Beschwerden der Anwohner machen einen weiteren Umzug unumgänglich. Seit drei Jahren wird gekämpft. Und viel länger ist es auch nicht her, dass das WT von seiner ersten Location am Hackeschen Markt rübermachte in die Torstraße. Es geht dabei natürlich nicht nur ums WT (Potts ist übrigens nicht der dickköpfige Dagegenhalter, wie wir sie aus unseren Hausbesetzertagen kennen, sondern hat Verständnis für die geplagten Hausbewohner, da die dünnen Plattenbaudecken nicht gerade isolierend wirken), es geht um das ganze Viertel. Berlin-Mitte soll, wenn es nach den Behörden geht, sauber werden. Das meint einmal mehr Gentrification, sodass wir auch in Mitte die übliche Verlaufslinie (Hipster-renommierte Galerien-Spießer) sehen können, hinzu kommt aber auch noch der staatliche/städtische Wunsch nach einem zentralen Vorzeigeviertel, nicht zuletzt, da auch etliche offizielle Einrichtungen wie Botschaften und Politikerwohnsitze im Kiez liegen. Und so regiert heute Normalität, wo früher vor den Häusern Blumen in der Badewanne wuchsen.
Man könnte stundenlang fluchen auf die da oben, aber da es hinten in der Küche mal wieder brennt, begeben wir uns alle in selbige. Burger wenden. Und die geheimen Räume des Restaurants, das zu DDR-Zeiten ein Nobel-Chinese für hohen Besuch aus Fernost war, inspizieren - wir finden u. a. ein Bettenlager für 20 Leute. Schön, dass es auch 05 noch Läden gibt, die den Dotcom-Spirit am Leben erhalten.
Schmatzen und reden, das ging schon immer gut miteinander. Und so sprechen wir, während wir die wirklich göttlichen Burger vertilgen, endlich auch über das Album \"Sanctuary\". Erscheinen wird es auf Koolarrow, dem Label des ehemaligen Faith-No-More-Musikers Billy Gould, den Hacke einst auf einer US-Tour kennen lernte. Damals war dieser noch ein Teenager und Fahrer der Neubauten und für Hackes Bandkollegen nur eins: nervig. (Blixa: \"Hacke, musst du dich schon wieder mit einem Metal-Kid anfreunden?\") Manchmal zahlt sich Freundlichkeit eben doch aus.
Drei Jahre hat Hacke zwischen New York, Los Angeles, Albuquerque und Berlin Gäste abgeklappert. Ihre Ideen und Einflüsse aufgesaugt und in sein Konzept von Weltmusik verwurstelt. Für andere ist es nur Krach, für uns diese schönste Idee von universal Kreativität. Eine stilistische Offenheit prägt das Album, wie sie auch seine DJ-Sets im WT auszeichnet. Die Dinge sollen aufeinander treffen. Doch wo im WT Rock die Basis aller Musik ist, präsentiert sich das Album der 80er-Avantgarde verpflichtet, jedoch nicht, ohne die Entwicklungen der elektronischen Musik seit jenen Tagen aufzugreifen und die Angst, vor Pop verloren zu haben.
Und da es Hacke ernst mit dem Projekt ist, hat er erst mal die Neubauten auf Eis gelegt und geht nun damit auch auf Tour. Wobei ihm klar ist, dass es nicht leicht wird. Schon die diesjährige Neubauten-Tour verlief nach seinen Erzählungen nicht mehr so toll wie beispielsweise noch 2004. Ein Zeichen der Krise. So Hacke. Er meint damit allerdings Hartz 04 und nicht den Status Quo Vadis der Band.
Aber jetzt zum Schluss dann doch noch mal: Wie war das denn nun mit der Brille und dem Nerd-Look, damals in den 80ern? Und wie ist er in diese heiße Sache namens Subkultur hineingeraten? \"Ich habe mit 13 die Schule geschmissen, bin zu Hause ausgezogen. Ich wusste, dass ich Musiker werden will.\" Und da Aussehen damals (erst mal) keine Rolle spielte, war er auch gleich drin. Aber natürlich kamen die Zwänge schnell, ging es los mit dem unvermeidlichen \"aber das ist doch kein Punk, und das ist doch kein angemessenes Outfit\" - aber da ging es für ihn auch schon mit den Neubauten, dem Suff und den Drogen los, kam er mit Christiane F zusammen und hatte keinen Kopf für Szenekleingeistigkeiten. Tja, und ehe er sich versah, war er 28 und stellte fest, dass er die Hälfte seines Lebens in der Band verbracht hatte. Nun sind es gar 25/39 seines Lebens. Aber entgegen seiner Einschätzung 2000, wo er dachte, die Band sei Geschichte, kann er sich derzeit wieder eine Zukunft mit den Neubauten vorstellen.
Wir haben für solche Themen jetzt allerdings keine Zeit mehr. Mittlerweile ist es 21 Uhr, und das WT füllt sich - und zeigt die Bedeutung, die ein Ort wie dieser für eine Stadt wie Berlin hat. Es ist Dienstagabend, und mehr Leute tummeln sich im Laden als in Köln an einem Samstag. Hier Maxi Hecker, da Françoise Cactus, und aufgelegt wird vom Boy From Brazil. Bei uns wurde es an dem Abend noch lang, aber der Alex, der war vernünftig.
25 Years of Einstürzende Neubauten
Wer sich mehr über die Neubauten erhofft hat, dem sei das Buch \"Nur Was Nicht Ist, Ist Möglich. No Beauty Without Danger\" von Max Dax ans Herz gelegt, in dem er die Band als eine der wichtigsten deutschen, wenn nicht gar weltweiten Künstlergruppen würdigt.
Gäste
U. a. Larry 7 (The Analog Society), Vinnie Signiorelli (Foetus, Swans), Larry Mullins (Residents, Iggy Pop), Pete Shore (Unsane), Algis Kizys (Foetus, Swans), Sugarpie Jones (Celebrity Skin, The Cramps), Don Bolles (The Germs, The Partridge Family Temple), David Yow (The Jesus Lizard), Chrislo Haas (DAF, Liaisons Dangereuses).
Suff und Drogen
Hacke geht heute viel weniger aus. Und trinkt auch viel weniger. Warum auch nicht? Der Kerl hat doch viel zu früh viel zu viel genommen und gerockt. Und wie jeder, der sich mit Abstinenz auseinander setzt, hat er dabei Weisheiten gefunden.
1. 100 Tage clean, und der Alk ist raus aus einem.
2. Wer zwei Wochen lang jeden Tag einen seiner Lieblingsdrinks trinken kann, ohne danach nachlegen zu müssen, der hat den Entzug geschafft.
3. Beliebt wird man so aber nicht: \"Früher war ich das gute Gewissen aller, da ich als Letzter ging. Die wollen nicht, dass ich nicht mehr so bin!\"
Menü / Rezept
Vorspeise: Side-Salad mit frischen Zutaten aus dem Bio-Laden - grüner Salat, Karotten, Tomaten und Bohnen -, angemacht mit einem leckeren Senf-Honig-Dressing.
Hauptspeise: Vegetarischer Marquis de Fuck Burger (scharf, gut durchgebraten und mit gesundem Gemüse belegt) mit Kartoffel-Gratin oder homemade Potato Chips.
White Trash
Noch in der Torstraße 201 in Berlin-Mitte ansässig, Auskunft unter 0179 4 73 26 39.
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