
Saint Etienne
Standortvorteil 40
21.06.2005, 18:12, Text:
Frank Sawatzki,
Frank Sawatzki
Ein neues Album von Saint Etienne? Das letzte haben sie vor drei Jahren veröffentlicht. \"Finisterre\" war das Comeback des Saint-Etienne-Weichspül-Refrains (\"Hey, do you wanna be - soft like me?\"), Luftmusik in verschiedenen Durchlässigkeiten, und kurz vor Aufnahmeschluss wurde noch Sarahs Sohn geboren. Das neue Album heißt \"Tales From The Turnpike House\" und wird in zwei verschiedenen Ausfertigungen erscheinen: In der deutschen Version sind die zwölf Songs enthalten, die den Kern des Projektes ausmachen - eine Geschichtensammlung über die Bewohner eines Londoner Wohnblocks -, für den englischen Markt wird diese Version mit dem Mini-Album \"Up The Wooden Hills\" gekoppelt, Teaser für eine im Herbst erscheinende CD mit Kinderliedern.
\"Turnpike House\" ist mehr noch als der Vorgänger im Akustik-Gitarren-Sound geerdet, die Gastbeiträge von David Essex (Gesang) und Tony Rivers (Gesangs-Arrangements) sind ein Stück Heldentheater für die Connaisseure unter den Saint-Etienne-Fans. Auskennen sollte man sich bei Saint Etienne: Erst in der Amalgamierung und Neuordnung von Stilen machen ihre Songs Sinn. Die federleichten Pop-Melodien der Sixties begannen über den Beats der Club-Ära zu ventilieren, die erste offizielle Cinematisierung des Dancefloor. Saint Etienne straften die Schreiber Lügen, die sagten, Schreiber sollten lieber keine Band gründen. Sie gründeten eine, programmierten, produzierten, starteten Labels und djten, statt mit Instrumenten zu spielen. Bob Stanley (40) und Pete Wiggs (39) veröffentlichten ihre erste Single 1990: \"Only Love Can Break Your Heart\" war eine Neil-Young-Coverversion auf Beats, die wir heute vielleicht \"big\" nennen würden, und diese Konstellation verriet schon so ziemlich alles über das, was unter dem Namen Saint Etienne folgen sollte. \"Nothing Can Stop Us Now\" (1991) war der Beginn einer nachhaltigen Zusammenarbeit mit der Sängerin Sarah Cracknell (38), die Saint Etienne jene Signatur bescherte, die den Songs noch fehlte. Julie Burchill hat das Phänomen Saint Etienne in einem Satz auf dem Cover der Singles-Kollektion \"Too Young To Die\" zusammengefasst: \"The sheer heart-stopping unimpeachable joy of waking up in the morning and still being English.\" Im Interview bestimmen Saint Etienne den Standortvorteil 40:
Wie weit greift die Plattenkiste, wenn man das dritte Lebensjahrzehnt fast hinter sich oder die 40 schon erreicht hat? Und wie kam es überhaupt zu diesen verschiedenen Platten?
B: Wir wollten ein Album mit Kinderliedern machen, wir gingen zu unserer neuen Plattenfirma, sie meinten: hmmm ...
S: Sie sagten: \"Ja, sehr schön, aber das ist nun doch nicht die Platte, mit der man bei einer Plattenfirma anfangen sollte.\" Sie meinten also: \"Macht eure Kinderlieder, aber zuerst liefert ihr uns ein richtiges Album ab.\"
B: Jetzt haben wir beides gemacht, das ist ein sehr schöner Kompromiss. Zu CD #1 gab es bald eine Idee. Ein Tag im Leben der Menschen eines Wohnblocks. Wir haben auf die Front geschaut und uns gefragt, was könnte dahinter passieren.
So eine Art \"Fenster Zum Hof\" für eure kriminalistische Neugierde?
B: Ja, wir haben alle einmal zu unterschiedlichen Zeiten in solchen Häuserblocks gelebt. Du hörst, was deine Nachbarn so treiben, du willst mehr über sie wissen, sie kennen lernen.
S: In manchen Fällen aber gerade auch nicht. Im \"Turnpike House\" willst du jeden Kontakt mit den Bewohnern vermeiden.
B: Der Gedanke war der: Die Wohnungen sind alle gleich, alle gleich groß, aber bei jedem passiert etwas anderes in diesen Wänden. Das macht lauter verschiedene Geschichten, es geht los am Morgen und endet tief in der Nacht.
Wie fühlt sich das Leben eines Popmusikers an, wenn man gerade feststellen muss, dass eine neue Generation von Musikern die komplette Aufmerksamkeit im Britpop auf sich zieht?
B: Du meinst Maximo Park und die Futureheads. Es ist schon verrückt: Diese Bands sind sehr stark von einer Musik beeinflusst, an die ihre Mitglieder sich unmöglich erinnern können, weil sie noch so jung sind. Wir nicht, wir erinnern uns genau. Das ist ... [Pause], das ist Kunst.
P: Ich weiß noch, wie mir ältere Typen auf diesen Punk- und Wave-Gigs in den frühen 80ern erzählten, dass sie das alles schon kennen würden aus den Sixties. \"Haben wir alles schon gesehen\", hieß das dann. Ich dachte: Blöde alte Säcke. Und nun sind wir diejenigen, die das alles schon gesehen haben.
Ihr könnt versuchen, euren Standort zu verbergen, aber ich gehe davon aus, dass er mit vielen Vorteilen verbunden ist.
B: Ja, unterbewusst zehren wir von unseren großen Plattensammlungen. Wenn man so viel gehört hat, hinterlässt das Spuren.
S: Unser Standort bietet uns eine breite Palette an Möglichkeiten und Einflüssen. Aber wir sind glücklich, dass wir nicht Gitarristen, Drummer und Bassisten sind, wir laden lieber Leute ein, die einen bestimmten Stil vertreten und für uns auf unseren Platten spielen. So bleiben wir selber viel offener gegenüber verschiedenen Musiken.
Stichwort Plattensammlung: Wer auf seiner Homepage verrät, dass er 300 Pfund für die EP einer unbekannten isländischen Beatband aus den Sixties hingelegt hat, muss ein sehr intensives Verhältnis zur Schallplatte haben. Bob, bezeichnest du dich als verrückten oder als intelligenten Sammler?
B: Ich bin ein verrückter Sammler. Ich war mal ein intelligenter Sammler, ich hab's aufgegeben. Ein intelligenter Sammler würde nicht teures Vinyl suchen, sondern sich auf Wiederveröffentlichungen auf CD stürzen. Ich muss das Original-Vinylstück haben, wie z. B. \"Just Another Diamond Day\" von der großartigen Vashti Bunyan.
Interessieren euch aktuelle Pop-, Rock- und Elektronikbeiträge weniger als obskure Wiederveröffentlichungen und kultische Folk-Sängerinnen?
B: Es gab eine klassische Periode der Popmusik von Mitte der 50er- bis Anfang der 70er-Jahre. Alles, was danach passierte, ist eine Reaktion auf Erscheinungen in dieser Periode. Sehr wenig von dem, was danach passierte, war neu, die Black Music ausgenommen. Das mag der Grund dafür sein, dass viele Platten heute nur eine geringe Halbwertszeit besitzen. Wer denkt heute noch an die Strokes? Haben wir die White Stripes nicht schon vergessen?
Zwei Fragen. Antworten in fünf Jahren (oder zur nächsten Saint-Etienne-Platte).
David Essex
Anscheinend war nichts leichter, als David Essex (Jahrgang 1947) für dieses Album zu gewinnen: \"Ich rief ihn an, und er schickte mir Demo Tapes\", sagt Bob im Interview. Essex, Pop- und Musical-Star der 70er mit dem Monster-Hit \"Rock On\", übernimmt den Gesangspart an der Seite von Sarah Cracknell in \"Relocate\". Oder war das David Bowie als Bauchredner?
Vashti Bunyan
... taucht nicht auf dieser Platte (dafür aber auf der neuen Maxi von Animal Collective) auf. Bob hat mit ihr einen Song geschrieben, der für eine spätere Veröffentlichung vorgesehen ist. Britische Folk-Heroine mit nur einem Album (\"Just Another Diamond Day\", 1970). \"Sie hatte bereits Kinder damals, und jedes Mal, wenn sie Gitarre spielte, fingen ihre Kinder an zu schreien. Das war der einzige Grund dafür, dass sie aufhörte, Songs zu schreiben, und einfach verschwand.\" (Bob)
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