
Jamie Lidell
Bereit zum Entertainen
16.06.2005, 18:17, Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
Wenn die musikalische Linearität gebrochen wird, dann erregt das Aufmerksamkeit. Besonders in so statisch in Konventionen gefangenen und in ihren Ambitionen berechenbaren Genres wie Techno und House. Sei es nun durch die dreckigen Rockismen der letzten Saison, die allseits für Beachtungsmomente geschätzten Vocals, eine gewisse Weirdness oder eben etwas harmonischer: Funk- und Souleinflüsse. Gerade Letztere finden sich allerdings meistens sehr plump in die restliche Musik eingebaut - zumindest, wenn man sie an Originalen wie Funkadelic, Sly Stone, Curtis Mayfield und Otis Redding misst. In diesem Licht erscheinen die Tracks dann oft nur (wenn überhaupt) als Genre-immanente Momentaufnahmen abfeierbar, verlieren aber jeden weitergehenden Bedeutungsanspruch.
Als ich Lidell vor einigen Jahren zum ersten Mal interviewte, war er gerade nach Berlin gezogen und hatte auf Warp \"Muddlin Gear\" veröffentlicht. Ein Album, das im Schulterschluss mit dem gleichzeitigen Release seines Super_Collider-Partners Cristian Vogel (\"Rescate 137\") die Frage nach dem Verbleib des Grooves in der elektronischen Musik (in mir) aufwarf. Mit \"Muddlin Gear\" riss Lidell die Schere zwischen klassischem Club-Groove-Verständnis und seinem avantgardistischen Future-Groove weit auf. Das Album erinnerte in seinem visionären Charakter an die Kreuzung aus Free Jazz und Japan-Noise, wie wir sie von John Zorn und den Boredoms kannten. Mit Super_Collider hat sich Lidell hingegen schon immer einer Harschheit gewidmet, die bei aller Abstraktheit ihres Avantgarde-Habitus' auch den Popappeal (mit Soul- und Funkversatzstücken) in sich tolerierte. Nun widmet sich Lidell - nach einem Gastspiel in der Matthew Herbert Big Band, das ihn die große Geste, das nonchalante Flirten mit dem Publikum in Opernhäusern lehrte, und diversen sich völlig in Noise-affinen Sounds ergehenden Solo-Performances - den für ihn so wichtigen Genres Soul und Funk (fast) in Reinform. Anlässlich der Veröffentlichung von \"Muddlin Gear\" sagte Lidell diesen schönen Satz: \"Die Leute sollen, statt am Zugfenster dem Klackern der Räder zu lauschen, lieber nach hinten kommen, wo ich Musik mache.\" Während er damals im Maschinenraum des Zuges saß, ist er nun in der Bar zugegen. In einer stillvollen, wie man sie sich beispielsweise im Orientexpress vorstellt. Er ist diesmal gekommen, um uns zu entertainen.
Wie wichtig waren denn deine Erfahrungen mit der Matthew Herbert Big Band für das Album? Das wirkte alles so leicht und locker bei eurem Auftritt beim Sonar 2003, bei dem ich euch gesehen habe - führte das zur neuen direkten Ansprache, wie wir sie auf deinem aktuellen Album erleben können?
Schön, dass es anders wirkte, aber die Auftritte waren absolut nicht einfach für mich. Ich musste da ja immer von null auf hundert am Start sein. Das waren quasi Kaltstarts. In der Regel habe ich ja nur einen oder zwei Songs gesungen. Barcelona war aber in der Tat eine Ausnahme, da wir an diesem Abend sehr gut drauf waren und alles nur so geflutscht ist. Du darfst aber nicht vergessen: Wir hatten ja auch Auftritte als Support von Björk in riesigen Hallen. Ich fühlte mich oft wie ein Anfänger, der um sich herum lauter Profis hat, die exakt wissen, wie man im großen Stil entertaint. Das waren einschneidende Erfahrungen. Ich merkte erstmals, wie wichtig es ist, die Leute direkt anzusprechen mit der eigenen Musik.
Wenn \"Muddlin Gear\" auf dem einen Pol deiner Arbeiten liegt, sehe ich Super_Collider in der Mitte und das neue Album am anderen Pol. Gemein ist allen drei Stadien die Anwesenheit von Melodiefragmenten, Soul- und Funkeinflüssen. Bei \"Muddlin Gear\" waren diese allerdings komplett mit Dreck bedeckt. Bei Super_Collider konnte man hier und da die Songdiamanten hervorblitzen sehen - aber ihr habt sie immer wieder mit Dreck beworfen, sodass am Ende nur noch eine Ahnung der wirklichen Schönheit existierte. Und nun ist der Dreck verschwunden. Alles glänzt. Man sieht endlich, dass es sich um Songs handelt.
Diesem Vergleich stimme ich völlig zu. Ich habe gerade auf der Matthew-Herbert-Tour erkannt, dass ich mich nie als Songwriter gesehen habe. Als ich nach der Schule anfing, produzierte ich Clubtracks und dachte nie daran, dass ich mehr könnte. Dann entstand langsam mehr, aber ich habe es immer selbst zerstört, wollte es nicht zulassen. Ich entschied mich für den coolen, arty Sound - weil es ja auch so einfach ist. Aber spätestens auf der Tour mit Matthew erkannte ich, dass es eine viel radikalere Herausforderung ist, sich mutig den Leuten unbedeckt zu stellen. In meinem Fall meint das, sie - wie ich es ja mit Super_Collider angefangen habe - mit meiner eigenen Stimme zu entertainen; am Anfang musste ich meine Stimme erst mal finden. Und jetzt ging es darum, sie in gute Songs einzubetten.
Wieso nun gerade der Schritt, Soul und Funk in Reinform zu präsentieren?
Da hat Mocky, der das Album mit mir produzierte, einen großen Einfluss gehabt. Er hat mich überzeugt, dass dies der mutigere Schritt ist als all das noisige Sich-Verweigern. Und er hat mir gezeigt, was ich tun muss, um meine Songs freizustellen.
Deine Texte haben sich ja auch verändert im Vergleich zum letzten Super_Collider-Album.
Ja. Die Texte bei Super_Collider bauen auf Wortspielen auf, greifen viel auf Worte und Verweise zurück, die nur englischsprachig aufgewachsene Leute verstehen können. Das machte den Zugang für alle anderen sehr schwer bis unmöglich. Da mein Publikum aber hauptsächlich in Europa zu finden ist, musste ich umdenken - zumindest, wenn ich sie auch textlich erreichen wollte. Und das war meine Ambition mit diesem Album. Der Sound verlangt doch geradezu nach einer verständlichen Ansprache. Damit einher ging, dass die Inhalte nicht mehr abstrakter Natur sind, sondern von den Leuten nachvollziehbar sind. Etwas mit ihrem Leben zu tun haben. Zumindest war das mein Ziel.
Und das ist ja auch gelungen. Diese persönlicheren Texte stehen ja deutlich in der Tradition des Souls - du erzählst von Beziehungsmomenten, mal tragisch, mal euphorisch.
Die Musik verlangte das in der Tat.
Die Info droppt ja jede Menge Einflüsse und Referenzkünstler aus der Soul- und Funkwelt. Wer sind denn deine ganz persönlichen Genrefavoriten? Und spielte Northern Soul eine Rolle für dich?
Auch wenn es nahe liegend wäre, da ich ja aus England komme, so muss ich das doch verneinen: Northern Soul habe ich nie verfolgt. Prince und Sly Stone waren sehr wichtig für mich, aber entgegen dem, was man auf dem Album sofort raushört, auch sehr viel aus der Welt des Jazz.
Ich sehe dich mit dem Album ja in der Umgebung von Leuten wie Thomas Brinkmann mit seinem Soulcenter-Projekt, Theo Parrish oder Moodyman.
Das ist ein sehr schönes Kompliment. Ich fühle mich sehr wohl in dieser Liste. Danke.
Cristian Vogel
Stammt wie sein Super_Collider-Partner Jamie Lidell aus Brighton. Vogels Techno-Philosophie kam auf Grund ihres verkopften, zu wenig banal-hedonistischen Ansatzes in England nie so richtig an. Dafür war er sehr früh in Berlin ein gern gesehener Gast - wovon auch Veröffentlichungen auf Tresor zeugen. Nach anfänglichen Minimaltechno-Produktionen interessiert er sich derzeit laut eigener Auskunft für den \"Maximal-Sound\" - dabei kollidieren Avantgarde und Pop abstrakt und funkelnd.
Matthew Herbert Big Band
Orchestrales Jazzprojekt des Mannes, den man problemlos das gute Gewissen der elektronischen Musik-Szene nennen kann: Mit seinem Radioboy-Album \"The Mechanics Of Destruction\" wetterte er gegen die dunklen Industriemächte hinter der Globalisierung, und mit seinem aktuellen Album \"Plat Du Jour\" will er unser Bewusstsein für die richtige Ernährung schulen. Das Tolle bei Herbert: Politische Anliegen und Musik stützen sich gegenseitig, man bekommt advancede Musik und wichtige Informationen zugleich. Sein Big-Band-Album \"Goodbye Swingtime\" brachte ihm die bis dato größte Popularität ein. Unterstützt von Dani Siciliano, Arto Lindsay und Jamie Lidell, spielte er in den Opernhäusern dieser Welt begeistert aufgenommene Konzerte.
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