Sons And Daughters

Die Frühchen des Rock’n’Roll

16.06.2005, 18:13, Text: Christian Steinbrink, Christian Steinbrink

\"Wir wollen uns erst einmal entschuldigen. Ich weiß nicht, ob du beim Gig in Köln warst. Der war so ziemlich der schlechteste, den wir je gespielt haben. Wir waren übermüdet, kamen zu spät und hatten keinen guten Sound. Bei der nächsten Tour in Deutschland wird das bestimmt besser werden.\" Schon ungewöhnlich, so ein Statement eingangs eines Interviews zu hören. Aber Adele Bethel, Sängerin der Glasgower Band Sons And Daughters, scheint es wichtig zu sein, den vor ein paar Monaten entstandenen Eindruck gerade zu rücken. Mir hätten sie das aber gar nicht erst sagen müssen, hatte ich doch die Gelegenheit, sie einige Zeit davor schon in viel besserer physischer Verfassung im Londoner ICA ein grandioses Konzert spielen zu sehen.

Heutzutage ist es ein Luxus, einer Band im Frühstadium ihrer vielversprechenden Karriere so oft über den Weg zu laufen und sie dadurch noch mal ein Stückchen besser kennen zu lernen, als wenn man sie einmalig für 30 Minuten für ein Interview treffen würde. Und die vier Söhne und Töchter haben sich meine Aufmerksamkeit mit Sicherheit verdient. Denn mit ihrem ersten Album \"The Repulsion Box\" ist ihnen sogar im Vergleich zur auch schon sehr guten Debüt-EP \"Love The Cup\" ein echter Quantensprung gelungen.

22. Juli 2004, London, ICA

Ein wenig aufgeregt kommen die vier Sons And Daughters, schon in ihr schickes Bühnenoutfit gekleidet, zum Interview. Es ist noch nicht so oft vorgekommen, dass die Band mit solch einem Medienaufkommen in der britischen Metropole spielt, außerdem steht das Release ihrer Debüt-EP \"Love The Cup\" bevor. Wir reden über ihre Entstehungsgeschichte: Adele und David Gow, der Schlagzeuger, lernten sich auf gemeinsamen Tourneen mit Arab Strap kennen und vereinbarten schon damals eine Zusammenarbeit für den Fall, dass Adele sich mal dazu durchringen würde, eine eigene Band zu gründen. Ailidh Lennon ist die Multiinstrumentalistin in der Band, doch trotz klassischer Klavierausbildung spielt sie meistens Mandoline. Zuletzt stieß Scott Paterson als Gitarrist und zweiter Sänger hinzu, weil er in dem Plattenladen, in dem Adele arbeitete, einfach immer die richtigen Platten kaufte. In dem Gespräch geht es um ihre Einflüsse, die von The Cure bis Elvis, von Nick Cave bis ESG reichen und die man auf ihrer Platte letztendlich alle irgendwie nachvollziehen kann. Es geht um ihre erste Produktion im Studio des Chemikal-Underground-Labels in Hamilton in der Nähe von Glasgow. Es geht auch um Adeles ganz speziellen Gesang, der in diesem Genre ziemlich einzigartig ist und als Wurzel höchstens noch PJ Harvey zulässt, eine Künstlerin, die die ganze Band verehrt.

Am Abend spielt die Band ein furioses, aufwühlendes und enorm mitreißendes Konzert, das selbst die abgezockte Londoner Mediengilde verzückt. Die vier machen klar, dass ihnen eine ganz besondere Dynamik zu Eigen ist, die erst live in ihrer ganzen Schönheit zu Tage tritt. Ihr Sound wird getragen von sehr rauen, von verschiedenen Saiteninstrumenten bestrittenen Parts und im Speziellen von den wütenden Gesangsduellen von Adele und Scott. Die Band fühlt sich an diesem Abend sichtlich wohl, zumal sie die Bühne mit ihren Glasgower Landsmännern Mother & The Addict und den Labelmates Archie Bronson Outfit teilt. Nach dem Konzert sieht man sie schwatzend durch die Halle flitzen, offensichtlich sind viele Freunde gekommen, um sie für diesen bedeutsamen Gig zu unterstützen.

19. November 2004, Köln, Underground

Erst spät am Abend kommt es zu einem Wiedersehen. Sons And Daughters waren praktisch die ganze Zeit seit unserem letzten Treffen auf Tour, wechselten dabei beinahe im Monatstakt zwischen den Kontinenten hin und her und hatten auch noch mit Schnee auf der Autobahn und einem natürlich erfolglosen Drogencheck durch Spürhunde der deutschen Polizei zu kämpfen. Ohne Soundcheck kommen sie auf die Bühne, spielen ein spürbar lustloses Set und verabschieden sich auch dementsprechend schnell. Später darauf angesprochen, gelobt die Band Besserung: Man werde es nicht mehr übertreiben, mehr auf seinen Körper hören und nach langen Flugreisen entsprechende Off-Days nehmen. Nichtsdestotrotz bekommt man nach diesem Abend Angst, ob sich die junge Band nicht vielleicht an den zu hoch gesteckten Ambitionen verhoben haben könnte. Gerade auch, weil man sie später am Abend noch hektisch diskutieren sieht.

13. Mai 2005, Köln, Hotel Santo

Als ich Adele und Scott am Nachmittag dieses Tages wieder treffe, bin ich beruhigt. Die beiden sind äußerst entspannt, sehen gut aus und haben auch an den Promo-Verpflichtungen anlässlich des Releases ihres Debütalbums \"The Repulsion Box\" Spaß. Neben dem eingangs erwähnten Statement erzählen sie von ihrem Studioaufenthalt im Conny Plank Studio in der Peripherie Kölns und den etwas kuriosen, aber herzlichen und besorgten Menschen dort. Scott: \"Da war beispielsweise Connys Frau, die uns jeden Tag Essen kochte. Sie ist eine ältere, hippieske Schauspielerin mit einem sehr reichen Fundus an Geschichten. Eine einzigartige Person. Und das ganze Gebäude, in dem wir lebten und aufnahmen, war wie eine Art Pop-Museum.\" Produziert hat Victor Van Vugt, ein angenehmer Typ, der auch schon tolle Platten mit Nick Cave oder Beth Orton aufgenommen hat. Vugt schaffte es, die konkreten Vorstellungen der Band erstmals richtig umzusetzen. Scott: \"Wir wollten, dass sich die Platte möglichst so anhört, wie wir bei unseren Liveauftritten klingen. Deshalb haben wir weitgehend auf Overdubs verzichtet und oft einen der ersten Takes für das Album genommen.\" Die Songs entstanden über das ganze letzte Jahr verteilt. Teilweise zu Hause, teilweise während der Soundchecks. Manche Songs, wie z. B. die erste Single \"Dance Me In\", entstanden kurz nach den Aufnahmen zur EP und wurden schon vielfach live ausprobiert. Adele meint, dass die Songs im Vergleich zum Vorgänger \"abstrakter, detailverliebter, persönlicher und intensiver\" geworden seien. Und dass ihre Musik ihre wahre Kraft erst live entfalten könne: \"Ein Konzert spricht alle Sinne an, es erzählt dir emotional am meisten von der Musik. Es ist natürlich auch wichtig, dass die Platte gut ist, aber trotzdem bekommt man durch einen Liveauftritt einen zusätzlichen Eindruck von den Intentionen der Künstler.\"

The Repulsion Box
Was ist das, eine Box des Widerwillens? Ein Tool aus der Psychologie, wie etwa die Kiste, in der Pawlows Hund gefangen war? Nein. Adele erklärt: \"Es war ziemlich hart, einen Titel zu finden. Letztendlich kamen wir auf den Namen eines Films von Roman Polanski: 'Repulsion' [dt. Titel: 'Ekel']. Und um den kompakten Charakter der Platte zu unterstreichen, nutzten wir das Bild einer Box.\"

Conny Plank Studio
Conny Plank gründete sein Studio 1974 in Neunkirchen, 35 km südöstlich von Köln. Als erstes Album wurde dort \"Autobahn\" von Kraftwerk aufgenommen. Es folgten Alben von u. a. Neu!, Ash Ra Tempel, Can, Devo, Ultravox, Joy Division, Brian Eno, Nina Hagen, Afrika Bambaataa, Einstürzende Neubauten und Killing Joke. Besonders in den Achtzigern war das Studio der Treffpunkt für alle Musiker, die an neuer Musik interessiert waren. Plank starb 1987, sein Studio wird jedoch bis heute weiter betrieben.

Wir verlosen T-Shirts, jede Menge Bügelbilder, Streichhölzer und Buttons von Sons And Daughters. Zur Teilnahme an der Verlosung schickt einfach eine Mail mit dem Betreff 'Sons and Daughters' an verlosung@intro.de.

Offizielle Homepage:
http://www.sonsanddaughtersloveyou.com



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aus Intro #129 (Juli 2005)
 
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