
Kaiser Chiefs
Restart
16.06.2005, 18:08, Text:
Jeffrey Kubriak,
Jeffrey Kubriak
Die Pophistorie lehrt, dass die Karrieren vieler wegbereitender Künstler das Ergebnis erfolgreicher, an strikten marktwirtschaftlichen Prinzipien orientierter Managementstrategen waren. Als Beispiele seien Elvis Presley oder die Beatles genannt. Als Indie kanzelt man diese Erfolgsrezepte im Musikgeschäft gerne ab und verweist auf Adorno und dessen pessimistisch-kritische Kulturindustriethese. Man will seine weiße Weste behalten: Kunst ja, aber nicht um jeden Preis - dabei sollte man aber auch bedenken, dass nicht nur Plattenfirmen, Manager und weitere Gestalten im Hintergrund (wobei diese heute ja ganz gegenteilig selbstbewusst im Vordergrund stehen) ihren Teil vom Kuchen abbekommen, sondern den Käufern geschickt das Talent der Künstler näher gebracht wird, sodass auch diese massiv davon profitieren.
Die Mitglieder der Kaiser Chiefs aus dem englischen Leeds haben bereits einige Erfahrung mit diesem höchst ambivalenten Industriezweig. Ihre Geschichte beginnt vor mehr als acht Jahren, als ein paar Freunde aus Langeweile oder anderen Teenagergründen Lust auf eine Band hatten. Unter dem Namen Runston Parva sorgten sie in und um Yorkshire bei Livekonzerten für erstes Aufsehen. Mit einem neuen Bandmitglied, ohne \"Runston\" im Bandamen und Stooges-Garagerock-Einfluss war bald ein großes Label zur Stelle. Der große Erfolg blieb jedoch trotz Fanbase aus - und auch die Labelwahl erwies sich als Fehlgriff. Der Traum vom schnellen Erfolg zerplatzte. Dies führte 2003 zu einer Grundsatzentscheidung: Jede Assoziation an Parva wurde zurückgelassen und Kaiser Chiefs mit neuen Songs und dem Ziel aus der Taufe gehoben, den erhofften Erfolg nun mit aller Energie herbeizuführen. So weit, so gut. Aber wo bleiben bei diesem Verlauf die tollen Indie-Attribute authentisch und kompromissfrei? Klingt das nicht ähnlich am Reißbrett konstruiert wie obiger Kulturpessimismus, oder, um näher am Sujet Band zu bleiben: mutet das nicht wie Madsen an, die ihren aktuellen Sound auch mal eben in Abstimmung mit ihrem A&R aus einem Multi-Genre-Repertoire auswählten? Der Punkt ist, dass Kaiser Chiefs selbst entschieden haben, welchen Weg sie gehen, und dafür allen Ballast abgeworfen haben.
Der Kaiser-Chiefs-Sound, wie wir ihn kennen, spiegelt die im Sixties-Sound und 90er-Britpop verwurzelten musikalischen Anfänge der Band wider, greift aber auch die explosive Energie der Parva-Tage auf und ist in der gerade aufblühenden, 80er-beeinflussten britischen Musiklandschaft so was von richtig angesiedelt. Diese Kette aus (scheinbar) richtigen Entscheidungen und das Glück des Zeitgeistes brachten ihnen ein UK-Top-10-Album, ausverkaufte Touren und alles, was sonst noch zur Sonnenseite des Business' gehört.
Eure Bandgeschichte klingt schon so, als ob ihr euch auch strukturelle Gedanken macht. Gibt es so etwas wie einen Masterplan für die Band?
Ricky Wilson: Es gab einen ganz einfachen Plan zu Beginn: Wir wussten, dass wir Songs schreiben mussten, die doppelt so gut sind wie die der anderen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn Leute von Plattenfirmen dich spielen sehen, denken sie ja instinktiv: \"Ach, die habe ich doch schon mal gesehen.\"
Habt ihr euch denn als Musiker in all den Jahren von eurer Musik entfremdet? Eben durch dieses ganze strategische Drumherum?
Nein. Eigentlich komisch: Wenn ich zurückschaue, denke ich, ich muss verrückt gewesen sein, nicht alles hinzuschmeißen. Jetzt bin ich natürlich froh. Aber was wir so alles durchmachen mussten ... Ich weiß echt nicht, warum ich weitergemacht habe.
In Bezug auf euren Werdegang erscheint mir der Text von \"Oh My God\" sehr selbstreferenziell.
Ja. Es geht darum, seine Schulfreunde zu sehen - sie haben Jobs, tolle Autos, feste Freundinnen, bekommen Kinder, aber sind doch irgendwie gelangweilt, da sie jetzt Versicherungen verkaufen. Die schauen mich an und fragen: \"Was macht der denn? Er ist 27 und versucht immer noch, in einer Band zu sein?\" Mein Konto dagegen ist seit zehn Jahren blank, aber ich kann mit Stolz zurückschauen: \"Schaut, ich habe es geschafft. Ich bin meinem Traum treu geblieben. Es hat gedauert, aber jetzt bin ich hier, und es hat sich gelohnt.\"
Würdest du sagen, dass es zurzeit besonders schwer ist für Künstler, zu überleben?
Vor einem Jahr waren wir alle verdammt nah dran, uns richtige Jobs zu suchen. Es war ziemlich schwer, mit fünf Leuten und fünf Jobs regelmäßige Proben und Gigs zu organisieren. Will man Musiker sein, muss man es zu 100 % tun und eigentlich seine Jobs kündigen. Es gibt bestimmt Tausende da draußen, aber die Plattenfirmen machen sich einfach nicht die Mühe, sie zu entdecken und es zu riskieren. Sie wollen heute fertige Produkte, die sie direkt ins Fernsehen stellen. Wir hatten auf unserer UK-Tour eine Band, die uns ein paar Mal supportet hat, aber sie konnten es sich einfach nicht mehr leisten. Sie haben sich bei der Arbeit krank gemeldet und in ihrem Van geschlafen.
Was denkst du über die aktuelle Musikszene, besonders in Großbritannien?
Sie ist fantastisch! Vor ein paar Jahren wurden britische Bands nicht beachtet, und alles drehte sich nur um amerikanischen Garage-Rock, aber jetzt schlagen wir zurück.
Die Club- und Dance-Szene hat nun Gitarren entdeckt - hast du eine Veränderung im Publikum bei der Rezeption eurer Musik festgestellt?
Ja, im Radio findet eine ähnliche Entwicklung statt. Früher war mehr Pop im Radio, aber jetzt spielen sie die Killers, danach die Kaiser Chiefs und Futureheads. Wir haben eine große Breitenwirkung.
Droht da nicht wieder der totale Systemzusammenbruch, wie damals beim Britpop?
Er wurde einfach zu schlecht, und er bekam ein Etikett! Es wurden Bands gesignt, die nicht gut waren, nur weil sie \"Britpop\" waren. Die Plattenfirmen winkten mit immer mehr Geld. Aber gerade gibt es im UK keine solche Szene. Es gibt eine Menge toller Bands, wenn es jetzt allerdings jemand \"Britpop #2\" nennen würde, gäbe es wieder ein Strohfeuer. Solange man aber gute Platten macht, besteht kein Anlass zur Sorge.
Bei euch ist der Schlagzeuger der Hauptsongwriter. Eher ungewöhnlich.
Wir haben eine besondere Art, Songs zu schreiben: Nick kommt zur Probe und spielt eine Idee auf der Gitarre oder dem Klavier vor, wenn wir dann daran arbeiten, steht er am Mikrofon und ich spiele Schlagzeug. Erst wenn der Song Formen annimmt, tauschen wir und ich singe und Nick übernimmt dann das Schlagzeug.
Gibt es etwas, was in all den Jahren gemeinsamer Banderfahrung gleich geblieben ist?
Wir amüsieren uns immer noch blendend zusammen, bringen uns zum Lachen. Auch in den schlechteren Zeiten sind wir drei, vier Mal pro Woche zur Probe gegangen, weil wir zusammen in einer Band sein wollten. Ich weiß auch nicht genau, wie wir überlebt haben, aber vielleicht, weil wir uns selbst nicht so ernst nehmen.
Managementstrategen
Der Elvis-Presley-Manager Tom \"Colonel\" Parker galt als Wegbereiter der modernen Künstlervermarktung, die nicht nur die Überwachung des Outputs, sondern auch die beste Darstellung in der Öffentlichkeit sowie Etablierung des Künstlers als Marke beinhaltete. \"Elvis Presley Enterprises\" hatte alles unter wirtschaftlicher Kontrolle, was auch nur den Namen \"Elvis\" trug. Die Verdienste von Beatles-Manager Brian Epstein sind ebenso legendär.
Britpop
Wurde vom NME und der Plattenindustrie Mitte der 90er als Schlagwort für eine Vielzahl neuer britischer Bands eingeführt, die mit den kommerziellen Erfolgen von Oasis, Blur und Suede ans Tageslicht gespült wurden. Viele junge Bands bekamen so Major-Plattenverträge, jedoch konnten die Verkaufszahlen den investierten Summen und Erwartungen langfristig nicht gerecht werden, und das System kollabierte.
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