
Andreas Dorau
Drei Antworten
22.05.2005, 16:05, Text:
Jörg Sudermaier,
Jörg Sudermaier
“Dies ist kein Liebeslied, denn das wäre nicht mein Fachgebiet”, so heißt es auf dem neuen Album von Andreas Dorau. “This Is Not A Love Song” hieß es in den 80er-Jahren, bei Public Image Limited. 22 Jahre sind inzwischen vergangen. Ein Jahr zuvor, 1982, erschien eine Single eines damals 15-Jährigen: “Fred Vom Jupiter” der Titel, Dorau der Künstler, die Begleitsängerinnen waren die Marinas. Dieses Stück wird er nie wieder loswerden, es hängt ihm an. Aber es ist kein Gewicht, kein Ballast, kein Elend. Eine Pop-Perle, eine frühe, die auf der NDW schwamm, heute auf Oldie-Partys läuft, doch nichts von ihrem Glamour verloren hat. Seither arbeitet Andreas Dorau kontinuierlich, ist mit seinem Hit schnell Major-Star geworden, doch nicht geblieben.
Berlin, Frühling, Andreas Dorau sitzt in einer dieser Bars, die sich zwischen Bar und Club nicht entscheiden können, die Sonne blamiert die Farben, die der Bar Atmosphäre verleihen sollen. Das ist irritierend, denn ein Vierteljahrhundert früher, als wir “Fred Vom Jupiter” hörten, saßen wir ebenfalls in diesen 70er-Zimmern, in denen vor weißem Hintergrund ein derbes Kotbraun dominierte, eine Farbe, die tunlichst davon ablenken sollte, dass das Holz nur Furnier war und das Leder nicht von Tieren. Andreas Dorau, das Haar akkurat gescheitelt, sitzt da im Pulli, Typ toller Schwiegersohn, doch irgendetwas lässt ihn abgehoben sein vom todesbleichen oder Sonnenstudio-verfärbten Rest – er ist wach, seine Augen offen, und obschon er viel raucht, sieht er nicht verlebt aus.
Sein Album “Ich Bin Der Eine Von Uns Beiden” erscheint jetzt, acht Jahre nach dem letzten Album, nach einer Karriere bei Universal, bei Mute. Warum dort? Warum erst jetzt? Der freundliche Andreas Dorau gibt drei Antworten. Die erste: “Ich hatte die letzte Platte für Universal gemacht, dann wollte ich die nächste mit Justus Köhnke machen, doch das Label war dagegen. Ich war denen schon zu abseitig, und dann mit Justus zusammen – das konnten die sich nicht vorstellen, da hatten sie Angst. Dann fingen die an, mir Produzenten vorzuschlagen. Da habe ich gesagt: Einen Moment, Produzent bin ich, ich arbeite gern mit Partnern zusammen, aber ich lasse mich generell nicht produzieren. Doch die haben mir weiter so komische Hit-Produzenten vorgeschlagen. Da habe ich gefragt, wo es denn da Berührungspunkte gebe, dass das ein schönes Ganzes ergibt. Das hat die nicht interessiert, und dann musste ich mich erst einmal aus meinem Vertrag rausklagen.” Die zweite Antwort: “Ich bin wirklich nicht der schnellste Arbeiter. Ich grübele lieber ein bisschen, lösche dann viel von dem Material und lege dann von vorn los. Es ist eine Reise.” Und so eine Reise hält, wie Reisen es immer tun, auf. Gibt allerdings auch Zeit zur Selbstreflexion: “Ich habe keinen Masterplan, ich arbeite mehr patchworkmäßig, da muss man manchmal eben noch dreimal um den Block laufen.”
“Ich Bin Der Eine Von Uns Beiden” ist in sechs verschiedenen Studios aufgenommen worden, mit verschiedenen musikalischen Partnern. Dennoch klingt die Platte ungemein homogen. “Ich sammele erst mal Material, und dann gehe ich weiter, und die nächsten Stücke passen dann entweder darein, oder sie kommen in die Schublade.” Und wie viele Stücke sind in der Schublade? “Ja, man denkt, ich müsste noch total viele Stücke herumliegen haben. Es sind aber vielleicht vier, fünf. Ich bin immer irritiert, wenn zum Beispiel Leute wie Moby behaupten, für diese oder jene Platte gab es 50 Stücke, und er habe nur die besten ausgewählt. Wenn man sich die dann anhört, die Platte, was für grauenhafte Stücke müssen dann erst in der Schublade sein?”
Produziert hat Dorau gemeinsam mit Köhnke und Keni Mok, der auch als Turner bekannt ist, der Geniale Dilletant Wolfgang Müller und Sven Regener haben bei den Texten zugearbeitet. Der Verdacht stellt sich ein, dass Dorau mit dieser personellen Auswahl einen Bogen vom Gestern ins Hier schlagen wollte, in die heutige Zeit, die er soundmäßig dann mit dem Mittzwanziger Keni Mok erreicht haben will. Doch steht dahinter kein Kalkül: Mit Köhnke wie mit Mok ist er schlichtweg befreundet, und so sehr sich auch beider Ansichten über Musik unterscheiden, gibt es doch rote Fäden in ihren Zusammenarbeiten mit Dorau, die Harmonien nämlich, die Drums und eben die Texte. So erreicht Dorau eine große Homogenität. Er hält die Fäden zusammen. “Ich weiß, wo Grenzen sind. Ich glaube, dass ich so analytisch denken kann, dass ich mich nicht verhebe. Ich weiß ja zum Beispiel, dass ich kein guter Sänger bin. Davon muss man ausgehen: Da haben wir einen Sänger, der schafft sechs Noten, der schafft nicht mal acht; der schreibt Texte in der und der Art. Die Frage ist dann: Was kann ich auf der Basis machen?” Die Texte sind einfach gehalten, “Fussel” reimt sich auf “Dussel”. Doch sind sie nicht ohne Tiefe. Die Musik ist keine klassische Diskomusik, eher Synthiepop, dabei macht Dorau sehr viele Anleihen aus dem Soul. Keinesfalls allerdings ist das Album niedlich. “Niedlichkeit, da kriege ich jedes Mal einen Wutanfall, wenn ich das höre oder lese.”
“Ich Bin Der Eine Von Uns Beiden” ist eine typische Dorau-Platte. “Ich bin Flohmarkt-Schallplatten-Käufer. Und ich freue mich immer, wenn ich eine Band entdeckt habe und dann ein Album von ihr finde, das fünf Jahre später produziert wurde, und ich kann dort dann Dinge wieder entdecken. Ich wünsche mir, dass, wenn sich jemand eine Platte von mir kauft, schon der gleiche Geist auf ihr wieder zu finden ist.”
Dorau freut sich, wenn Stücke wie “Die Klette” irgendwann nerven und das Album sich so dem Durchdudeln-Lassen entzieht. “Mein Lieblingsalbum ist das ‘White Album’ der Beatles. Doch auch da gibt es natürlich nervige Stücke. Ohne die würde das aber gar nicht funktionieren. Und genau das will ich auch haben, ein Stück, bei dem einige Leute sagen: ‘Oh Gott, ist das nervig.’ Dann erst funktioniert so ein Album richtig.” Will er also den Erfolg meiden? “Nein. Ja.” – Die dritte Antwort, die er bislang schuldig geblieben ist: “Doch das ist dann auch wieder etwas, was mich in größte Ängste stürzt, der Erfolg, da bin ich zerrissen: Also, Andreas wäre ausgewandert bei zu viel Erfolg, Dorau hätte das total genossen.”
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