
Kochen mit
Julia Hummer & Too Many Boys
21.05.2005, 10:41, Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
Interview: Thomas Venker / Linus Volkmann
Fotos: Christoph Voy
“Kochen mit” isst mal wieder außer Haus. In Berlin. Aber bevor es an die wilde Herd-Action geht, erst mal drei Lektionen aus der Hauptstadt. Lektion 1: Traue keinem Berliner. Schon gar nicht, wenn er dir erzählen will, der von dir aufzusuchende Ort sei gleich um die Ecke, da noch in diesem Kiez. Denn, Lektion 2: Der Berliner Kiez ist immer so groß wie die Stadt, aus der du kommst. Und das gilt für jede Stadt, (zumindest) in Deutschland. Lektion 3: Trotz 1. und 2. ist Berlin ein Dorf. Ein so kleines, dass in unserem Fall binnen zweihundert Metern unser Hotel, das Berlin-Office des Intro-Imperiums und die Wohnsitze von Jens Friebe und Dirk von Lowtzow liegen und scheinbar auch unser Kölner Büronachbar Murat Güngör, gemeinsam mit Intro-Autor Hannes Loh Herausgeber der HipHop-Fibel “Fear Of A Kanak Planet”, eine Berliner Wohnung sein Eigen nennt.
Bei so viel Verzögerungen ist es kein Wunder, dass wir mit mehr als der akademisch tolerierten Verspätung bei Dirk Dresselhaus einlaufen. Genau, jener Dresselhaus, der einst mit den Hip Young Things und Locust Fudge die deutsche Indiewelt mitdefinierte und heute als Schneider TM frickelt, was die Elektronik hergibt. Schneider gehört zwar nicht wirklich zu Julia Hummer & Too Many Boys. Denn eigentlich besteht die Live-Besetzung neben den beiden Masterminds Christopher Uhe (besser bekannt als Krite) und Julia Hummer (die alle Stücke geschrieben hat) noch aus Jannes Wurps, Arne Bergner und Bob Schaetzle – lediglich bei Berlin-Gastspielen springt Schneider mit auf die Bühne. Aber letzterer Fact und seine schöne Küche machen ihn zum Part-Time-Mitglied.
Julia Hummer hat sich keineswegs, wie man vermuten könnte, mal eben ihre Indiehelden eingekauft, um den Einstieg ins neue Metier leichter zu gestalten. Dieser extrem schüchterne Tomboy beteuert gar mit unschuldigem Blick, bis vor kurzem nicht mal gewusst zu haben, dass Krite bei Floor war, vom Backkatalog, der neben Teilen von oben bereits genannten Bands auch noch Sharon Stoned beinhaltet, ganz zu schweigen. Und wir müssen ihr einfach glauben, obwohl es natürlich ein Sakrileg für uns ist, schließlich sind Schneider und Krite doch so was wie die Velvet Underground unserer Generation. Damit es nicht so wirkt, als seien wir lediglich ihren hypnotisierenden Augen erlegen, hier noch eine die Ausführungen stützende Anekdote: Bei einem Hamburger Auftritt bat sie, als Krite sich verspielte, das Publikum um Rücksicht, da er noch nicht so oft auf der Bühne gestanden habe. Und erntete zu ihrer Irritation schallendes Gelächter. Klar, schließlich hat Krite gefühlte 500 Auftritte auf dem Indie-Buckel, La Hummer hingegen nur um die neun – Stand Ende April; bei Erscheinen dieser Ausgabe werden es nach absolvierter Maitournee einige mehr sein.
Bislang tänzelt der Text noch um das heikle Thema Film herum. Heikel insofern, als dass Julia nicht wirklich über Film reden will – obwohl es natürlich zur Rezeption ihrer Person dazugehört. Und ja auch fast nur Positives zu diskutieren gäbe. Bis auf den Episodenfilm “Stadt Als Beute”, in dem sie eine Nebenrolle als Prostituierte spielt (gedreht übrigens im gleichen Bordell wie Sidos “Fuffies Im Club”-Clip) und den sie und Krite gegen den Vorwurf meinerseits verteidigen, dieser Film würde all das auf den Punkt bringen, was man an Theater und Berlin hasst. Zugegeben, René Pollesch, auf dessen Theaterdialogen der Film basiert und der auch mitspielt, ist nicht die schlechteste Referenz. Und dennoch, so viel aberwitzige Verkettungen, wie einem hier zugemutet werden, kann man dem Zuschauer doch nicht mehr wirklich als stringente Geschichte zumuten. Zumal das Ganze noch getoppt wird von jeder Menge Theaterschauspielern mit genau dem überkandidelten Gestus, der sie zum Klischee macht und mich einfach nur aggressiv. Womit La Hummer keineswegs gemeint ist. Zumal abseits dieser aktuellen Aufregung sowieso nur der Respekt vor ihren grandiosen Auftritten in herausragenden Filmen regiert. Allen voran die beiden Petzold-Filme “Die Innere Sicherheit” und “Gespenster”.
Und doch will sie lieber über andere Sachen reden. Beispielsweise über Sido und ihre Generation. Letzteres ist seit einem Artikel über sie, der in der Oldschool-Bildungsbürger-Gazette Die Zeit erschien, ihr Thema. In diesem schönen Text, geschrieben von Thomas Winkler, verteidigt sie ihre Generation. Konkret aufgehängt an den Prolls am Nachbartisch. Nicht dass sie unten mit allen wäre, schon gar nicht mit diesen, gibt sie zu verstehen, aber das Über-einen-Kamm-Scheren, das störe sie doch sehr. “Alle behaupten, wir seien ungebildet, wir hätten keine Inhalte, aber das stimmt einfach nicht”, wird sie in der Zeit gequotet. Und genauso stört sie das plumpe Ablehnen eines Sido als sexistisch und asozial. Schließlich müsse man immer schauen, wer aus welcher Position heraus spreche. Ein nicht von der Hand zu weisendes Argument, wie es auch Intro-intern im großen Clash um Hannes Lohs Artikel zu Berlins most dangerous Maskenrapper fiel. Wir dürfen uns nichts vormachen, wir leben in einem sehr begrenzten Teil unserer Städte, und wir haben eine äußerst privilegierte Bildung erfahren. Auf dieser Basis sollte ein aufgeklärtes Leben, die Gleichberechtigung der Geschlechter, selbstverständlich sein, aber die anderen, die aus einer marginalisierten Position starten, pauschal zu verurteilen, das wäre der größtmögliche Fehler für unsere Gesellschaft. Am liebsten aber spricht Julia Hummer über ihre Musik. Schließlich weiß sie eh nicht, “was an mir als Person so interessant sein soll” – was natürlich extremes Understatement ist. Und doch ist nicht der Hauch von Koketterie im Raum. Also Musik. So kommt Krite wenigstens endlich auch mal zu mehr als Nicken und eingeworfenem Lob. Obwohl ihn das bislang nicht groß zu stören scheint. Der reife Indierocker weiß eben, wer das Projekt leitet. Julia Hummer. Mehrere hundert Songs hat sie in den letzten Jahren geschrieben, viel zu lange nur für sich. Das Themenspektrum: ihr Leben zwischen Lieben, Lesen, Trinken, Rocken und was noch so anfällt in den frühen Zwanzigern. Dann ist sie auf Krite getroffen. Und nun haben sie sich fünf Wochen lang in Prenzlau eingeschlossen. Herausgekommen ist ein Album, dem man einiges von dem anhören kann, was sie so an Musik schätzt. Sei es nun der frühe Bob Dylan oder der (leider nur subkulturell) legendäre Daniel Johnston, aber auch nicht in den Diskurs geworfene Künstler wie Joanna Newsom oder Will Oldham fallen einem ein. Oder weniger personell-referenziell und stattdessen soundghettomäßig ausgedrückt: Das hier ist Indie-Country-Songwritertum. Erscheinen wird das Album auf Strangeways, jenem Label, auf dem heuer auch so Indie-Helden wie Wolfsheim, Joachim Witt und Stalin veröffentlichen. Sie hätten dort den besten Vertrag angeboten bekommen. Und das Segelschiff im Logo sei ja auch neu gemacht worden, geben sie zu verstehen. Na dann ...
Erwähnt sei noch in aller Kürze das grandiose Nebenprojekt, das Julia Hummer mit Schneider betreibt: die Happy Birthdays. Nicht ganz offiziell, da sie mit diesem nur für Freunde wie Kptmichigan und Krite Geburtstagssongs aufnehmen, aber nichtsdestotrotz extrem spaßig in seiner stilistischen Freiheit irgendwo im Bermudadreieck aus Velvet Underground, LCD Soundsystem und MC Hammer.
Cut. Kamerawechsel. Am anderen Ende des Raums widmen sich die Kochwizards Volkmann und Schneider dem vegetarischen Kartoffel-Chili. Und hecken mal eben einen weiteren Beitrag für diese Ausgabe aus. Neben dem Hinweis, dass er eher international wahrgenommen wird mit Schneider TM, was sich daran ausmachen lässt, dass von 300 Einträgen auf seiner Homepage (www.schneidertm.com) nur zehn aus Deutschland kommen, und dem schönen Fakt, dass das kommende Album auf City Slang erscheinen wird, droppt Schneider noch ein Knastprojekt (siehe Artikel auf Seite xxx und www.lieblingslied-records.de), an dem er beteiligt ist. Dann ist es aber auch schon so weit. Und Julia shoutet laut ein “Danke Schneider” aus ihrer gemütlichen Sitzecke. Zu Recht. Schließlich hat er mal eben nicht nur die Küche gestellt, sondern auch den von ihr nicht wirklich geschätzten Kochauftrag übernommen. Und zudem auch noch extrem gut gemeistert.
Was folgt, sind jede Menge Wein und mit fortgeschrittener Uhrzeit noch einige Hummer-Bonbons wie diese:
– “Ihr seid echte Reporter” – auf unsere Leistung hin, ihr konzentriert zuzuhören und sie nach einer halben Stunde mit den Facts von zuvor zu konfrontieren.
– “Jetzt kommt der beste Song der Welt” – als Ankündigung eines ihres Songs.
– “Dich mag ich, du bist auch Musiker” – zu Jens Friebe, der zu Ende der “Kochen”-Session eintrifft und von ihr unter eifrigem Anboxen zu einem der ihren ausgerufen wird.
Dann müssen wir aber wirklich gehen. Der nächste Künstler, jener bereits eingeführte Jens Friebe, will uns noch seine besten Songs der Welt vom kommenden Album vorspielen. Und obwohl sich in unserem Hotelzimmer nur der blecherne Sound eines G4-Laptops auffahren lässt, kommen wir nicht umhin, einer der härtesten Fragestunden seit Nachsitzen ausgesetzt zu werden. Ach, wären wir doch im Schoß von La Hummer eingeschlafen.
Rezept
Kommt noch von Linus.
Andere Bands der Beteiligten
Hip Young Things / Locust Fudge / Floor / Schneider TM / Sharon Stoned / Speedniggs ...
City Slang
Deutschlands wichtigstes Indielabel ever. Von Christof Ellinghaus einst in Beverungen im Umfeld des Glitterhouse-Fanzines (und späteren Labels) gegründet, zwischenzeitlich im Labels/Emi-Komplex aufgegangen, wo Ellinghaus es bis zum Labels-Chef schaffte. Einen Posten, den er Anfang 2005 freiwillig aufgab, da Indie eben immer noch am besten schmeckt.
www.juliahummer.com
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