The Futureheads

Die neuen Herren Gesangsverein

20.05.2005, 23:07, Text: Jan Kedves, Jan Kedves

Bei mehrstimmigem Männergesang denkt man normalerweise an die Comedian Harmonists oder die Flying Pickets. Wenn aber zu dem harmonischen Geträller plötzlich noch Gitarren loskrachen und der Puls steil nach oben zuckt, muss das schon etwas anderes sein. Vorhang auf für den Sound der Futureheads, den nach Franz Ferdinand, The Others, Bloc Party, Kaiser Chiefs und Maximo Park neuesten Posterboys aus dem Vereinten Königreich. Wer sollte etwas dagegen haben, nur weil es so langsam etwas unübersichtlich wird im britischen Gitarrenwald?

Distinktionsgewinn, um genau das geht es derzeit in Post-Punk-England: Bei Maximo Park könnte man sagen: “Das sind die auf dem Elektroniklabel Warp!” Und bei Bloc Party könnte es heißen: “Das sind die mit dem schwarzen Sänger!” Bei den Futureheads, vier jungen Herren zwischen 20 und 23, erfüllt diese Zuschreibung ihre Eigenart, keinen Sänger zu haben – nicht nur einen jedenfalls.

Ihr vierstimmiger Gesang erinnert demnach auch weniger an Gang Of Four, Wire oder Fugazi – wie man in Bezug auf ihre Musik sonst immer wieder liest –, sondern mehr an Gesangsvereine wie die oben Genannten oder zumindest an die Beatles, die Byrds oder die Beach Boys. Und wenn dieses besondere Merkmal noch nicht reicht, singen die Futureheads auch noch in einem höchst eigenartigen Akzent: “Mackem” nennt er sich, und bei ihm wird aus “lucky” ein “looky” oder aus “hurry” ein “hoory”.

Diese Mundart findet man im Nordosten Englands, in Sunderland, gleich neben Schottland. Sunderland ist keineswegs das musikalische Niemandsland, für das man es zunächst halten könnte. David “Jaff” Craig, der Bassist der Band, zählt auf: “Dave Stewart von den Eurythmics kommt aus Sunderland, und der Sänger von AC/DC lebt dort. Er geht oft in die Kneipe, in der wir unseren ersten Gig gespielt haben. In den 70ern gab es in Sunderland auch mal einen wirklich guten Punk-Club, The Clash haben da gespielt. Und die Band Kenickie kam auch daher. Marie, die bei Kenickie Gitarre gespielt hat, ist meine Freundin.” Gar nicht so schlecht für einen mit 300.000 Seelen doch eher überschaubaren Ort. Und dann fällt Jaff noch jemand ein: “Ich denke, der Wichtigste ist wohl Bryan Ferry. Mein Vater ist mit ihm zur Schule gegangen.”

Dort, in diesem Sunderland also, fanden sich die Futureheads zusammen – genauer gesagt im Sunderland City Detached Youth Project. Jugendliche können in diesem Jugendprojekt umsonst Instrumente lernen. Barry Hyde, der Gitarrist der Band, unterrichtete dort. Die Geschichte, dass es im ersten Proberaum der Futureheads immer so kalt war, dass sie ganz schnell spielen mussten, um nicht zu erfrieren, ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Weitere Anekdoten berichten, dass der erste Gig der Band Ende 2000 genau sieben Minuten gedauert habe: vier Songs ohne Pause. Und als das Quartett (neben Barry und Jaff gehören noch Barrys Bruder Dave [Schlagzeug] und Ross Millard [Gitarre] dazu) eine Zeit lang wöchentlich einen Abend in einer Kneipe bespielte, dachten sie sich immer wieder kleine Überraschungen aus: Sie gaben A-cappella-Konzerte (“Futureheads go Karaoke”) oder malten sich silbernes Make-up ins Gesicht (Jaff: “Das war uns dann aber doch ein bisschen zu Gimmick-mäßig”).

Schon bald winkte ein Vertrag beim Warner-Label 679 Recordings, und Ende letzten Jahres spielten sich die vier dann bereits als Support von Franz Ferdinand durch die USA. Nicht, ohne dabei Federn zu lassen: Ihre Stimmbänder fingen an zu schmerzen. Flugs engagierte Warner Brothers den Gesangs-Coach von Michael Jackson. Viel zu tun hat dieser Mann momentan ohnehin nicht, also kann er auch vier jungen Gentlemen aus Sunderland ein paar “Mi-mi-mi”-Aufwärmtricks zeigen. Jaff lacht: “Was er dafür pro Stunde bekommen hat, weiß ich nicht!” Zurück zu Hause in England fanden sich die Futureheads dann schon bald auf Platz 8 der Charts wieder – mit einer Coverversion von Kate Bushs “Hounds Of Love”. Über die Frage, ob diese Coverversion – der erste größere Erfolg der Band – nicht möglicherweise ein von längerer Hand geplanter Schachzug gewesen sei, um das verschollen geglaubte Pop-Mysterium Kate Bush kurz vor ihrem für Herbst angekündigten Comeback-Album auch bei einem jüngeren Publikum ins Gespräch zu bringen, kann Jaff nur lachen. So ein Quatsch, es sei viel simpler gewesen: Er habe für die erste selbst organisierte Futureheads-Tour vor drei Jahren ein Mixtape in alphabetischer Reihenfolge aufgenommen – ein Künstler pro Buchstabe. Und “B” sei auf diesem Tape eben Kate Bush mit “Hounds Of Love” gewesen. Im Tour-Van habe es dieser Song dann regelmäßig geschafft, die Skatrunden und Plaudereien zu unterbrechen und ihn und seine Kollegen in ehrfurchtsvolle Ergriffenheit zu versetzen.

Das Debütalbum, mit dem die Futureheads nun auch hierzulande von sich reden machen, verbindet ihren Post-Punk- und New-Wave-Sportsgeist mit akkurat abgefeuerten Stakkato-Gesangssalven. Zunächst nahmen sie das Album mit Andy Gill, dem Gitarristen von Gang Of Four, auf. Gill mag ein einflussreicher und sympathischer Typ sein – zufrieden war die Band mit seiner Arbeit jedoch nicht. Abgesehen von fünf Songs, nahmen sie das Album also noch mal komplett neu auf, diesmal mit Paul Epworth, der zuletzt auch Bloc Partys “Silent Alarm” sowie Babyshambles’ “Killimangiro” auf Kurs brachte. Das Album strahlt nun ohne jeglichen Firlefanz, ohne Gitarrensolos, ohne Effektpedale, ohne Synthies. 15 Songs in 36 Minuten, nur zwei überschreiten die Drei-Minuten-Marke. “Hounds Of Love” ist ebenso dabei wie die Single “Decent Days And Nights”, die ein wenig an The Knacks “My Sharona” erinnert, auch wenn Jaff das nicht gerne hört (“Der Bass spielt bei beiden Stücken eine Oktave, aber das ist doch bei tausend anderen Stücken auch so!”), oder das ganz und gar unrockige A-cappella-Wiegenlied “Danger Of The Water”. Ein Album, für das sich die Futureheads nirgends schämen müssen. Weder in den USA, wo sie mittlerweile bereits zum vierten Mal touren, noch in Europa, wo die Band im Sommer auf mehreren Festivals spielen wird.

Zu Hause im Nordosten Englands erlebt das Sunderland City Detached Youth Project derweil ungeahnten Zulauf. Seitdem es mit den Futureheads nach vielen Jahren endlich mal wieder eine Band aus der Gegend zu etwas Größerem gebracht hat, sind dort auch die anderen Kids angefixt. Voller Stolz erzählt Jaff, mittlerweile gäbe es ganze 25 Bands, die regelmäßig in den Räumen des Projekts proben. “Früher, als wir dort waren, kamen immer nur 15 Leute.” In Zukunft dürfte also noch mit einigem aus Sunderland zu rechnen sein.



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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