Richard Davis

Vorher Nachher Leben

20.05.2005, 23:01, Text: arno raffeiner, arno raffeiner

Ein Londoner auf Urlaub in Berlin. Eine magische Begegnung in einer Bar. Zwei Tage voller Liebe, Vertrautheit und der spontane, unwiderrufliche Entschluss, alles über den Haufen zu werfen und der Macht des Schicksals nach Berlin zu folgen. Also zurück nach London, Job kündigen und vier Wochen später in ein neues Leben starten. Diese märchenhafte Geschichte von der Liebe auf den ersten Blick liegt mittlerweile acht Jahre zurück, doch ihr Protagonist Paul Richard Davis lebt immer noch im Glücksgefühl dieses erfolgreichen Neuanfangs – und immer noch mit dieser Frau aus der Kreuzberger Kneipe. “Es war absolut wie der Anfang eines völlig neuen Lebens, eine totale Veränderung.

Aber ich habe das niemals bereut.”

In Davis’ musikalischer Vergangenheit gibt es einen ähnlichen Wendepunkt: das Leben vor House und das Leben mit House. Aber so ganz passt die Analogie dann doch nicht, denn seine Vergangenheit als Bassist in diversen Bands seit Mitte der 80er, seine Popbegeisterung und die zahllosen Lieder, die Davis auf der Klampfe komponierte, hat er nie so von sich geschüttelt wie sein altes Londoner Leben. Im Gegenteil, Davis arbeitet an der perfekten Fusion von Popsong und Housebeat. Was vor vier, fünf Jahren von Minimalhouse- und Dubtechno-ProduzentInnen quasi generalstabsmäßig in Angriff genommen wurde, verebbte schon bald wieder in digitalen Hallräumen oder hechelte sich in der Retrospirale zu Tode. Mit behelfsmäßigem Aufpappen von Vocals oder 80er-Versatzstücken auf ein sattsam bekanntes Minimalschema wird auf Davis’ drittem Album nämlich nicht zu Werke gegangen. Es gibt keine platte Soundnostalgie, kein simples Oktavbassstampfen, die die Popsuche von Techno-Artists irgendwann ersetzt zu haben scheinen. “Details” beweist, dass eine konstant und fett pumpende Bassdrum die ideale Basis für verträumte, empfindsame und sehr intime Songs abgeben kann. “Ich habe bei vielen Leuten das Gefühl, dass sie Song-basierten Kram machen, weil sie denken, Dance Music oder House sei irgendwie minderwertig. Und das ist definitiv nicht, was ich versuche zu sagen. Ich meine, ich will keine Ausreden dafür erfinden, House Music zu machen!”

Vermutlich geht dieser Song-House genau deshalb so gut auf, weil Davis selbst singt, weil er lang genug into Pop war, weil die Stücke auf “Details” ganz seine gemachten und gelebten Songs sind. Musikalisch verbindet er, was privat nicht nötig war: das Vorher- und das Nachher-Leben. Paul Richard Davis ist ein pop obsessive boy geblieben, der gelernt hat, seine Gefühle in der Musik auf bestimmte songwriterische Weise zu kanalisieren und zu codieren, und er ist ein Househead geworden, dem es genau darum geht, diese Gefühle über dem denkbar massivsten Beat rauszulassen, dazu zu lachen und zu weinen und zu tanzen.



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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