Four Tet

Wider den Folk

20.05.2005, 22:45, Text: Christian Steinbrink, Christian Steinbrink

Beim Interview wirkt Kieran Hebden (a.k.a. Four Tet) wie der Prototyp eines Gitarrenpop-Künstlers: unprätentiös, zuvorkommend, leicht nerdig, freundlich, ohne besonders abgehobene Bedeutungsebenen zu bemühen. Hebden veröffentlicht seine Platten seit einiger Zeit auf dem britischen Domino-Label, einer Firma, die zuallererst mit Gitarrenbands assoziiert wird. Aber genau dieser Eindruck plus die stete Bezeichnung seiner Musik als “Folktronica” waren wohl die treibenden negativen Geister im Entstehungsprozess von “Everything Ecstatic”, dem neuen und vierten Album des Londoners: “Ich empfand meine Musik nicht umfassend genug rezipiert.

Ständig wurde ich nach Folkmusik gefragt, die natürlich ein Einfluss für mich war, viele andere Stilarten aber auch. Es ärgerte mich. So entstand der unbedingte Wunsch, mich weiterzubewegen. Dieses Mal richtig. Ich wollte weg vom Folk-Vergleich.”

Auf dem wirklich grandiosen Album ist ihm das gelungen, aber auch sonst hat Hebden sich auf vielfältigen Ebenen im Umgang mit anderen Stilarten behauptet. So gab er improvisierte Konzerte mit Steve Reid, einem Schlagzeuger, der über Jahrzehnte hinweg mit den Größen des Genres gearbeitet hat: “Das war aufregend. Wir haben Shows in London und Paris gespielt, sind ins Studio gegangen und werden eine Platte zusammen machen. Ich sehe das nicht als einen experimentellen Seitensprung, sondern als die nächste große Sache, an der ich arbeite.” Improvisationen sind mittlerweile auch ein großer Bestandteil seiner Live-Sets, die hierzulande zuletzt im Vorprogramm von Stereolab auch vereinzelt für Verwirrung sorgten: “Für jemanden, der eine Platte gekauft hat und dann zu einer Show geht, stellt sich ein großer Kontrast dar, aber für mich ist es nicht so. Die Stücke, die ich veröffentliche, stehen am Beginn einer Entwicklung. Sie wachsen durch die Umsetzung auf der Bühne, bleiben immer flexibel. Ich verquicke sie mit neuen Sounds und Stimmungen. Die Tracks vom letzten Album ‘Rounds’ habe ich am Ende der Tour in stark verfremdeten Versionen gespielt. Stücke, die voller Drum-Spuren waren, hatten irgendwann gar keine Drums mehr und klangen ambientartig. Ich mache das gerne so und finde die Idee, die dahinter steht, spannend.”

Trotzdem muss niemand befürchten, dass “Everything Ecstatic” nur in einem Kunstkontext funktioniert. Denn Hebden will mit seiner Platte auch Potenziale ausdrücken, die Dance-Culture neue Impulse geben können: “Viele Leute sagen, dass Dance tot sei. Ich denke, dass das ein Stück weit mit der allgemeinen Paranoia in der Welt zusammenhängt. Die Leute meiden ekstatische Dancefloor-Momente. Sie beschäftigen sich mit subtilen Laptop-Performances, machen ruhige Platten, um sie in ihrem Wohnzimmer zu hören ... Ich wollte eine Platte machen, die man laut hören kann. Sie soll eine zuversichtliche Haltung gegenüber elektronischer Musik symbolisieren.”



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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