
Tosca / Urbs
Der Stein der Weisen
20.05.2005, 22:34, Text:
georg boskamp,
Burkhard Welz,
georg boskamp,
Burkhard Welz
Damals, da standen sie alle Schlange. Jeder, ganz egal, ob Pop, Boulevard oder Indie, wollte Mitte der 90er ein Stück von dem Hype, der den beiden G-Stone-Machern (respektive Funk-Slackern) Peter Kruder und Richard Dorfmeister auf Schritt und Tritt vorauseilte. Die beiden waren mit ihrem deepen Sound, der überaus lässigen Redefinition von DJ-Kultur und einer höchst politischen Verweigerungshaltung gegenüber allem, was irgendwie “corporate” war, nicht nur ihrer Zeit weit voraus. Zehn Jahre später wohnt der Hype längst woanders, und die Herren K & D führen nichts weiter als eine reine Geschäftsbeziehung auf Distanz. Aber die Musik auf G-Stone ist noch da.
Es ist heutzutage so gut wie unmöglich, Kruder & Dorfmeister zu treffen. Wien? Fehlanzeige. Man wohnt inzwischen in Paris und Zürich. Termin? Illusion. Man ist ständig irgendwo unterwegs – getrennt, natürlich. Und gemeinsam, da geht mal gar nix. Kein Foto, und schon gar kein Gespräch. Wir hätten es trotzdem fast geschafft. Und das ging so ...
Urbs & Kruder
Der geniale Wiener HipHop-Producer und -DJ Urbs (von Urbs & Cutex) alias Paul Nawrata veröffentlicht dieser Tage sein sehr intimes Solo-Debüt “Toujours Le Même Film ...”, ein episches Downtempo-Werk mit satter Tiefenschärfe und wunderschönem 60s-Flair. Peter Kruder hat ko-produziert, im niegelnagelneu eingerichteten G-Stone-Studio1, dem Downtempo-Allerheiligsten. Und Downtempo passt heuer wieder – und das, obwohl Kruder nach seinen letzten Remixes für Klein Records doch eher Richtung Detroit-Sound, Brummel-Dancehall und Handclaps abzuwandern schien. Urbs aber hatte schlagende Argumente für die Wiederbelebung der Langsamkeit, in Form von wunderschön melancholischen Vorproduktionen. Kruder war angefixt für das Projekt, die richtigen Instrumente hatte er ja eh schon im Studio stehen: “In Peters und Richards Studios steht Equipment aus den letzten 40 Jahren. Das befähigt, einen sehr zeitlosen Sound zu schaffen, der diese Qualität, die uns vorschwebt, überhaupt ermöglicht. Ich interessiere mich seit jeher sehr für Jazz und Filmmusik, und so etwas ließ sich dort natürlich gut realisieren. Ich hab teilweise headbangend vor dem Mischpult gesessen”, meint Urbs. Ihn und Kruder verbindet ein gewisser Sinn für musikalische Intimität, die einen auf “Toujours Le Même Film ...” ebenso persönlich erreicht wie etwa auf Kruders Peace-Orchestra-Longplayer anno dazumal.
Dorfmeister & Huber
Die ersten Minuten unserer Begegnung mit Dorfmeister und seinem Tosca-Kollegen Rupert Huber im Berliner Münzsalon verbringt Ersterer damit, die Sitzordnung via Ledersessel-Rücken konversationsgerecht zu remixen. Um sich anschließend vorsichtig vorwurfsvoll bei uns zu erkundigen, wo denn die (nicht nur) für ihn völlig unverständliche Berührungsangst der Indie-Welt mit dem Sound läge, für den zum Beispiel Tosca steht – worauf wir ihnen erst mal erklären, dass wir mit unserer kleinen “Sexy Elevator Muzak”-Kolumne und der darin behandelten Musik ja quasi unter ähnlichen Vorurteilen litten: die ewig schöngeistelnde Milchkaffee-Fraktion, die sich für ihre musikalischen Vorlieben fast schon entschuldigen muss. Worauf Huber, weise lächelnd, erst mal Latte Macchiato für alle bestellt und folgenden jetzt schon legendären Kommentar abgibt: “Penis piercen zu lassen ist wahrscheinlich heutzutage medial verwertbarer als Milchkaffee trinken.” Für Tosca macht es daher Sinn, das aktuelle eigene Album “J.A.C.” ihren Söhnen zu widmen und so den Family Spirit hochzuhalten.
Kruder on the run ...
Fast zeitgleich ist im Nebenraum Peter Kruder am Telefon. Für die einzigen 15 Minuten Gesprächszeit, die er in den nächsten vier Wochen einräumen kann. Kruder sitzt im Taxi von Wien-Innenstadt zum Flughafen, es geht nach Italien zum Auflegen. Er ist gut drauf und überaus freundlich. Dass der pressescheue Künstler sein längeres Schweigen bricht, hat damit zu tun, dass er das aktuelle Urbs-Album aus tiefster Überzeugung ko-produziert hat und entsprechend stolz darauf ist. Außerdem belustigt ihn unser knapper Terminplan: “Das ist ja ein echter G-Stone-Tag für euch heute.” Auch wenn die komplette G-Stone-Family mittlerweile in alle Winde zerstreut ist, so verbindet nach wie vor eine ähnliche Label- und Sound-Philosophie, die Kruder wie folgt zusammenfasst: “Es geht bei G-Stone in erster Linie um Qualität und einen bestimmten Standard, der erreicht werden muss. Der hat in den letzten Jahren in diesem Genre doch arg gelitten. Urbs’ Stücke waren die ersten Downtempo-Tracks, die mir wieder richtig gefallen haben. Schon beim ersten Hören wusste ich: Das hat großes Potenzial. Ich habe Urbs angehalten, mehr davon zu machen.” Diese Layouts wurden dann in Kruders Studio via analoger Bandmaschinen auf Top-Soundlevel gebracht. Die Liebe zum Detail spürt man in jeder Note. “Wir sind alle brutale Musikliebhaber”, sagt Kruder, kurz bevor er in den Flieger steigt.
Und die Tuba spielt der Huber
Zurück am Tosca-Roundtable. Der vermeintliche G-Stone-Trademarksound ist natürlich auch hier Thema. “Ich vergleiche das immer gerne mit Jim Jarmusch. Die Filme, die er macht, haben im Grunde alle ein ähnliches Strickmuster. Genauso David-Lynch-Filme. Sie verbreiten ein bestimmtes Feeling, das der Zuschauer ja auch mag, weil er weiß, dass es da ist. Man verbessert sich im Detail dann doch mit jeder Produktion. Das finde ich auch wertvoller, als jedes Jahr zu einem neuen Sound zu jumpen”, sagt Huber, und Dorfmeister nickt. Mindestens ebenso wertvoll waren und sind für G-Stone komplett unabhängige Label- und Vertriebsstrukturen, die den DIY-Gedanken tief verinnerlicht haben und so die reizvolle Basis schaffen, den ganz normalen Business-Bullshit auch nach über einer Dekade noch geschickt unterlaufen zu können. Dazu Dorfmeister: “Es muss halt a Freakshow sein, sonst macht’s koan Spaß – und dann wolln ma’s net!” Ob die im Juni startende Urbs-Tour samt Liveband auch eine Freakshow wird? Es heißt, dass Kruder oder Dorfmeister den DJ-Support bestreiten.
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