
Schwabinggrad Ballett
Musik als eingreifende Kunst
20.05.2005, 22:00, Text:
Felix Klopotek,
Felix Klopotek
“In unserem Lande / Dürfte es trübe Abende nicht geben / Auch hohe Brücken über die Flüsse / Selbst die Stunde zwischen Nacht und Morgen / Und die ganze Winterzeit dazu, das ist gefährlich. / Denn angesichts des Elends / Genügt ein Weniges / Und die Menschen werfen / Das unerträgliche Leben fort”, dichtete Brecht 1942 im Exil über den Selbstmord. Hanns Eisler vertonte das Gedicht. Es ist ein elegischer, aber nein: ein sarkastischer, bitterböser Song.
Das Schwabinggrad Ballett, ein vielköpfiges Hamburger Künstlerkollektiv, eine Postpunk-Kommune, ein politisches Netzwerk, spielt diesen Song. Er befremdet immer noch. Das Schwabinggrad Ballett, gegründet 2000 zur musikalischen Unterstützung der antirassistischen No-Border-Camps, ist eigentlich kämpferischer.
Das erinnert an die 20er-Jahren. Da gab es die Avantgarde, die Formenzertrümmerer, und es gab die Kommunisten. Und auf deren Seite Künstler, die den avantgardistischen Aufbruch für die soziale Revolution ummünzen wollten. Hanns Eisler, der beste Schüler Arnold Schönbergs, brach mit der Abgeschiedenheit der Hochkultur, schrieb Musik für Arbeiterchöre. Angeregt nicht zuletzt von einem jungen Stückeschreiber und Liedermacher: Bertolt Brecht. Als Gegenpol zur “absoluten Musik” der Avantgarde, der sie trotz allem verpflichtet blieben, schufen Brecht, Eisler, später auch Paul Dessau eine realistische Musik – Angewandte Musik.
Der Gedanke der Angewandten Musik wurde in der Nachkriegszeit nicht zuletzt “von unten” aufgegriffen. Ton Steine Scherben erweiterten in den 70er-Jahren den Begriff von Rockmusik – Rock, das war auch die Kommune, das besetzte Haus, die politische Intervention. Das so genannte Linksradikale Blasorchester politisierte den Free Jazz und bürstete ihn gegen den Strich. Punkcombos wie die britischen Crass oder die holländischen The Ex waren (sind) weniger Bands als Netzwerke; ein Versuch, durch das kollektive Musikmachen neue Formen für eine politische Praxis zu finden.
Das Schwabinggrad Ballett setzt diese Reihe fort. Gebrochener und stolpernd, aber irgendwie zuversichtlich. Dafür, dass sie die schwere 80-jährige Tradition der Angewandten Musik im Gepäck und die verschissene BRD-Realität im Nacken haben, klingen sie geradezu beschwingt. “Ein Kämpfer”, hat Rosa Luxemburg einst geschrieben, “muss erst recht über den Dingen zu stehen suchen, sonst versinkt er mit der Nase in jedem Quark.”
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