
Oasis
Das Ohr hat (k)ein Gedächtnis - lange Version
20.05.2005, 16:21, Text:
Carsten Schumacher,
Carsten Schumacher
[3 Kommentare]
Unruhe bei den Oasis Ultras. Es herrscht Uneinigkeit, ob das neue Album \"Don't Believe The Truth\" nun wirklich so gut ist. Beim Vorgänger \"Heathen Chemistry\" war Tomte-Sänger Thees Uhlmann, ebenfalls Mitglied des betont winzigen Fanclubs, für Intro nach London geflogen, um anschließend ein Testament der Selbsterfahrung als Fan zu schreiben. Demütig. Niemand hätte damals mehr rausholen können, jedenfalls nicht auf emotionaler Ebene. Wer in diese Richtung weitergraben würde, wäre verrückt. Grund genug, diesmal Noel Gallagher möglichst ungefiltert nach vorn zu schieben, nicht zuletzt, weil das neue Album es verdient hat.
Ich habe vor diesem Interview mit eurem deutschen Fanclub, den Oasis Ultras, gesprochen ...
Oh ja, die kenne ich: Verrückte Typen.
...
Dass es das interessanteste seit \"Morning Glory\" ist, liegt, denke ich, an der Bandbreite der Songs. Alle schreiben plötzlich Songs, das macht es interessant. Dazu haben wir uns zum ersten Mal einen unabhängigen Produzenten geholt.
Aber ihr habt zunächst mit einem Produzenten-Team angefangen und dann alles in die Tonne geschmissen.
Es war nicht ganz so brutal. Wir haben vor zwei Jahren mit dieser Band Death In Vegas angefangen. Wenn ich heute zurückdenke, muss ich sagen, dass wir damals zu früh ins Studio gegangen sind. Wir hatten kaum gute Songs, vielleicht vier. Und vier gute Songs machen kein gutes Album.
Warum habt ihr dann ohne sie weitergemacht? Waren Death In Vegas in deinen Augen kein wirkliches Produzenten-Team?
Es war mehr eine Art Konzept. Sie sind für elektronische Musik bekannt, und obwohl wir kein elektronisches Album machen wollten, mochten wir diese Kombination und wollten etwas anderes ausprobieren. Es stellte sich aber heraus, dass wir dafür nicht die richtigen Songs hatten, also mussten wir wieder einen Schritt zurück.
Das Album ist nun sehr 60s-lastig geworden. Du hast ja in Interviews gesagt, dass du während des Songwritings viel Dylan gehört hast.
Und die Kinks und Velvet Underground ...
Letztere hört man bei \"Mucky Fingers\" gut durch, das ja sehr an \"I'm Waiting For My Man\" erinnert.
Ja, das Schlagzeug macht das. Dieser Song resultierte aus einem Gespräch, das ich mit Gem in der Garderobe auf unserer letzten Tour hatte. Er ist kein großer Fan von Velvet Underground, aber ich hab ihm ein paar Sachen von ihnen vorgespielt. Gem war damit nicht zu überzeugen, und ich fragte ihn warum. Er sagte, er kann Lou Reeds Stimme nicht ausstehen. Doch dann kam er zu dem Schluss: Velvet Underground wären großartig, wenn Dylan dort singen würde. Also versuchte ich einfach, einen Velvet-Underground-Song zu schreiben, bei dem Dylan singt.
Aber du nuschelst nicht annähernd.
Ich arbeite dran.
Diesmal sind ja auch einige Stücke von Liam dabei.
Drei.
Im Vorfeld wurde berichtet, er habe an die 100 Songs geschrieben.
Nicht buchstäblich 100, aber eine Menge. Man muss aber sagen, dass die meisten davon nichts taugen. Doch abseits der drei auf dem Album gäbe es noch mal so drei oder vier, die genauso gut wären.
Und wie siehst du jetzt diese sich steigernde Ambition von Liam ebenfalls Songwriter zu sein?
Das ist großartig. Es wird verdammt nochmal Zeit, dass er einen Teil der Arbeit übernimmt. Ich habe die Schnauze voll, die ganze Arbeit für diese Band zu machen. Ich habe in den letzten 12 Jahren so hart dafür gearbeitet, es wird langsam Zeit, dass andere Leute auch mal Ideen beisteuern.
Im Zuge dieses erwähnten Dylan-Zitats bezüglich der Einflüsse während des Songwritings hattest du bei Liam noch die Beatles und bei Gem \"Rock'n'Roll, aber nicht in diesem Jet-Stil, ihr wisst schon\" genannt. Was ist dieser Ihr-wisst-schon-Jet-Stil?
Jet hören Rock'n'Roll, der von Leuten mit Cowboy-Stiefeln gemacht wurde. Wir mögen keine Cowboy-Stiefel. Wir bevorzugen Schuhe, schöne Schuhe. Wir sind irgendwie mehr Mods als Rocker, wenn du weißt, was ich meine. Mehr Small Faces als AC/DC.
Stimmt es eigentlich, dass ihr für die Platte insgesamt 66 Stücke aufgenommen habt?
Nicht alle wirklich fertige Versionen von 66 Songs aufgenommen, aber es existiert eine Liste von 66 Stücken, von denen wir die besten für das Album aufgenommen haben.
Aber ihr hättet ein Doppelalbum machen können?!
Ja, aber du kannst der Plattenfirma nicht trauen, dass sie es zu einem angemessenen Preis verkauft. Abseits dessen kann man sich nach dem \"White Album\" nur schwer vorstellen, dass es noch mal ein ähnlich gutes geben könnte.
Außerdem läuft wohl euer Vertrag aus…
Mhja.
…also wäre es womöglich eine blöde Idee, jetzt mit einem Doppel-Album zu kommen?
Das kann man so sagen.
Was ist eigentlich dran an der Geschichte, dass Sony den Song \"Lyla\" zur Single gemacht hat, ohne mit euch darüber zu sprechen?
Ganz so war es nicht, sie haben schon mit uns darüber gesprochen. Weißt du, ich hab den Song ja geschrieben und mag ihn sehr, aber er wäre nicht meine erste Wahl gewesen. Meine erste Single wäre \"Mucky Fingers\" gewesen. Aber die Leute, die für uns arbeiten, fanden, dass \"Mucky Fingers\" nicht so radiofreundlich sei. Also sagten sie: \"Wie wäre es denn mit dem hier ['Lyla']?\" Darauf wir: \"Aber wir mögen den hier.\" Und sie wieder: \"Aber schaut doch mal, der hier.\" Und wir sagten: \"Scheiß drauf, egal.\" Aber ich denke immer noch, und niemand wird meine Meinung da ändern, dass \"Mucky Fingers\" eine bessere erste Single gewesen wäre.
Ist es eigentlich wahr, dass der erste Titel des Albums \"The Ear Has No Memories\" war?
Das war eher ein Witz. Ich erzähl dir mal die Geschichte dazu: Ich hatte mir ein schönes altes Aufnahmegerät gekauft, ist lange her. Es ging irgendwie kaputt, also schleppte ich es zur Reparatur zu einem Profi. Und ich fragte ihn, ob er das Problem beheben könne. Und er sagte, dass es kein Problem sei. Und ich fragte: \"Wird es dann auch wieder genauso klingen?\" Und er sagte: \"Aber klar, ich werde nur schnell ein paar neue Teile besorgen.\" Und ich sagte: \"Ich will keine neuen Teile, denn dann wird es anders klingen.\" Und er wieder: \"Nein nein, es wird genau gleich klingen.\" Also gut, er reparierte es, ich holte es ab, und es klang anders. Ich ging wieder zu ihm zurück und sagte: \"Es klingt anders.\" Er sagte: \"Wie kannst du das beurteilen?\" Ich sagte: \"Ich kann das eben beurteilen.\" Und er: \"Nein, kannst du nicht, denn das Ohr hat kein Gedächtnis.\"
Das war grob.
Es war grob. Denn natürlich hat das Ohr ein verdammtes Gedächtnis.
Ist Zak eigentlich noch dabei?
Oh ja, er wird mit auf Tour kommen.
Und wird er dann…?
Na wir werden ihn am Ende der Tour fragen, ob er fest dabei sein will, denn es könnte sein, dass er danach nicht mehr dabei sein will. Es könnte etwas zu ruppig für ihn werden.
Man hört, dass bei den Aufnahmen zum neuen Album auch eine Packung Frühstücksflocken eine Rolle spielte. Was hat es damit auf sich?
Bei \"Meaning of Soul\" haben wir nach einem speziellen Snare-Drum-Sound gesucht und unser Produzent Dave [Sardy] empfahl uns, einfach im Laden eine Packung \"Cheerios\" zu kaufen, die auf die Snare zu legen und mit Löffeln draufzuhauen. So haben wir\"s gemacht und es klingt phantastisch.
Nerd-Infos, toll. Kennst du eigentlich diese neue Serie \"Lost\"?
Nö.
Du spielst aber angeblich mit.
Ich?
Naja, sagen wir, jemand stellt dich dar. Sein Name ist Charlie und die Parallelen sind nur allzu deutlich. Er ist der Songwriter einer britischen Band, in der sein Bruder Sänger ist. Es gibt auch Flashbacks, in denen der Sound deutlich an Oasis angelehnt ist. Egal, die Band (ihr Name dort ist Drive Shaft) löst sich jedenfalls aufgrund anhaltender Differenzen auf und ein Jahre später angestrebtes Comeback scheitert. Als Charly/ Noel schließlich zu seinem Bruder, der mittlerweile in Australien lebt, fliegen will, stürzt er ab.
Oh, ok.
Dir hat niemand davon erzählt?
Nein. Also wo Du\"s erwähnst, erinnere ich mich Serie, aber mir hat nie jemand erzählt, dass es da jemanden gibt, der ich sein soll.
Das ist schon seltsam, oder? Ich denke, es ist seltsam. Ich weiß nicht, was ich denken soll…
Fühlst du dich geehrt?
Nicht so richtig.
Weil die Band sich dort aufgelöst hat?
Nein, weil das Comeback gescheitert ist (lacht).
Was sind denn gerade deine Lieblingsbands?
Kasabian, Razorlight, Kings Of Leon.
Und was ist deine Meinung zu der Geschichte von der neuen Band eures ehemaligen Entdeckers und Managers McGee, den Libertines?
Ich mag die Libertines sehr. Ich mochte sie zunächst nicht, als sie auf der Bildfläche erschienen. Ich weiß nicht, es ging irgendwie an mir vorbei. Aber wenn ich sie jetzt höre, gefällt es mir sehr. Ich liebe \"Don't Look Back Into The Sun\". Großartiges Album, großartige Band. Eine Schande, dass sie nicht mehr zusammen sind.
Denkst du, dass sie einen Fehler gemacht haben, als sie sich auflösten?
Ja, total. Ich weiß nicht, wie Carl und Pete etwas ähnlich Gutes noch mal schaffen sollten, wenn sie jetzt [getrennt] weitermachen.
Wahrscheinlich kennst du ihre Situation besser als jeder andere.
Nun, ich kenne die Gründe, warum sich Bands auflösen. Der einzige Grund, warum sich Oasis nie aufgelöst haben, ist, dass Liam und ich Brüder sind. Brüder können sich nicht trennen, das ist unmöglich.
Und was hältst du von Babyshambles?
Ich hab sie mir mal angesehen. Ich weiß, dass sie sehr sehr gut sind. Ich meine, ich kannte keinen ihrer Songs, weil sie noch keine Platte draußen haben, aber die Atmosphäre war fantastisch, großartig. Hat mich irgendwie an frühe Oasis-Gigs erinnert.
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caramel 31.05.2005 | 11:43:59
... mit dem "The" im
Bandnamen?
nowaysis 31.05.2005 | 13:30:03
Könnte vielleicht ein Reflex sein, da "the" ja jede zweite Band im Namen hat.
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