
Coldplay
In Control
20.05.2005, 16:15, Text:
Christian Wessels,
Christian Wessels
Chris Martin verortet sich auf sehr physische Art und Weise im Raum. Federnd lotet er die Bühne im Kölner Gloria aus. Gelegentlich hüpft er umher – die eine Hand am Kopf oder auf dem Herzen. Er blickt durch Wände hindurch, um sich einen Moment später zu fokussieren. Auf den Song, auf seine Mitmusiker, einen Zuschauer oder das Klavier. Das Publikum im Kölner Gloria feiert die Rückkehr der Briten an diesem lauen Aprilabend frenetisch. Es möchte Chris Martin etwas zurückgeben. Etwas von seiner Herzlichkeit, von seinem Strahlen und von seiner Energie, die ihn zum Zentrum dieser Megaband gemacht hat. “X & Y” heißt das neue, dritte Album, das die Band heute im für sie sehr kleinen Rahmen den Journalisten und einigen glücklichen Fans vorstellt.
“You’re in control.
“Wenn man etwas zum ersten Mal ansieht, nimmt man es nur zweidimensional wahr”, relativiert Chris Martin seine Rolle am nächsten Tag im Gespräch. “Man sieht nicht die ganze Form, die Tiefe. Wenn ein Bus auf dich zu rast, siehst du nur die Vorderseite, den Rest nicht. Aber der Bus würde ohne den Rest nicht existieren.” Ein interessantes Bild. Nicht nur für mich etwas irritierend. “Wir sind die Rückseite des Busses?” fragt Gitarrist Jonny Buckland unsicher. “Nein, ihr seid der Motor”, entgegnet Martin und beendet seinen metaphorischen Exkurs. “Was ich meine, ist: Ich wäre nichts ohne die anderen. Und sie wären nichts ohne mich. Wir brauchen einander. Ich bin nur der Frontmann, das ist es.” Nur der Frontmann? Chris Martin ist die Sonne, um die sich dieser Band-Planet dreht. Das ist kein Zufall, das ist eine bewusste Entscheidung. Wer sich in die Mitte der Bühne stellt, der möchte performen, der möchte gesehen werden. Von allen Seiten, aus jedem Winkel, bei jedem Schritt, den er auf der Bühne tut. Martin ist Coldplays Hauptsongschreiber, ihr größter Zweifler und Fragensteller. “Chris ist eine kreativ sehr starke Kraft”, bestätigt Bassist Guy Berryman. “Aber wir waren immer eine sehr demokratische Band. Er ist in vielerlei Hinsicht unser Anführer und gibt Richtungen vor. Aber das heißt nicht, dass er uns sagt, was wir tun sollen.” – “Jedes Mal, wenn ich von einer Idee begeistert bin, muss ich die anderen überzeugen”, unterstreicht Martin. “Das geht Jon natürlich genauso. Guy sagt zum Beispiel, dass er einen Gitarrenteil nicht mag, und wir anderen sind sehr genervt ... So funktioniert das eben.” Und am Ende? “Ändert man es und erreicht meistens etwas Besseres.” – “Wir hatten das Gefühl, das Beste geben zu müssen. Es war ein Kampf, aber nicht im negativen Sinne.” Gitarrist Jonny Buckland spricht über die Erfahrungen zur Entstehung des Albums. “Wir hinterfragen alles, zweifeln alles an. Wir müssen einfach hart arbeiten, damit wir gut klingen.”
Was im Resultat, auf Albumlänge, wie eine Selbstverständlichkeit anmutet, ist im Entstehungsprozess das Ergebnis endloser Diskussionen – und eines überlebten Sandsturmes: “Wir sind nach Ghana geflogen, weil wir wussten, dass wir zum neuen Album viele Interviews geben würden”, erinnert sich Martin. “Und da schien es uns wichtig, in Sachen ‘Fair Trade’ auf dem aktuellen Stand zu sein. [Zum Coldplay-Engagement für ‘Fair Trade’ und zur Bandgeschichte hat Stephan Ossenkopp in Intro #98 einen genauso hervorragenden wie erschöpfenden Überblick geliefert.] Um ein Haar wäre das Flugzeug abgestürzt. Diese Geschichte wurde zwar etwas aufgebauscht, aber es war schon Furcht einflößend. Ein wirklich großes, nachhaltiges Erlebnis.”
Coldplay haben für “X & Y” drei Jahre gebraucht. Dabei wurden Zwischenergebnisse ein ums andere Mal wegen mangelnder Qualität verworfen – selbst eine von der Plattenfirma als Lockelement aufgefahrene sehr großzügige Bonuszahlung wurde nicht zum Anlass genommen, die eigenen Qualitätsstandards zu modifizieren. Zum Schluss verbrachten sie gar unmenschliche sechs Monate ohne Unterbrechung in Londoner und Liverpooler Studios. Und doch bleibt nur zu attestieren, dass sie einmal mehr alles richtig gemacht haben. Das Album packt einen sofort, mit dem ersten Akkord, dem ersten Eindruck. Das Songwriting wirkt komplexer, dabei aber nicht weniger catchy. “Fix You” z. B. beginnt wie ein kleines georgeltes Schlaflied, bäumt sich dann mit Rumpelgroove und statischem Gitarrenriff zu einer großen Hook auf, um sich am Ende in sich selbst zu verdichten. Und dabei widmet sich Martin der Verlustverarbeitung: “When you try your best but don’t succeed. When you get what you want but not what you need [...] And the tears come streaming down your face, when you lose something you can’t replace [...] Could it be worse? [...] I will try to fix you.”
Zum positiven Eindruck trägt sicherlich auch die Produktion von Danton Supple und Ken Nelson ihren Teil bei. Sie klingt wie eine logische Fortentwicklung, durch und durch aufwändig: Piano, verhuschte Gitarrenriffs, Beatles’eske Streicher, elektronische Hintergedanken und jede Menge linkische Zitate. Die Sounds sind in großem Stil geschichtet, dabei aber nicht undifferenziert, sondern geschmackvoll und bisweilen sehr mutig eingesetzt.
Im März waren die Aufnahmen abgeschlossen, schon seit Anfang April rotiert für die Band die Promo-Maschine mit riesigem (Sicherheits-) Aufwand: Das Album kann man sich im Vorfeld zu den Gesprächen nur über die verplombten Stereoanlagen der Plattenfirma anhören. Es gilt, die 15 Millionen verkauften Einheiten des Vorgängeralbums “A Rush Of Blood To The Head” zu bestätigen und eine große Open-Air-Tournee zu bewerben (Support-Acts in Deutschland sind Richard Ashcroft und Echo & The Bunnymen). “Wir sind sehr nervös”, gesteht Chris Martin. “Aber auf eine sehr ruhige Art und Weise. Weil wir wissen, dass wir unser Allerbestes getan haben. Das Album bedeutet alles. Das ist natürlich mit jedem Album so. Aber wir sagen nie: ‘Es ist das beste Album.’ Wir sagen immer: ‘Besser ging es nicht.’ Das ist ein großer Unterschied.”
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