Klaus Beyer
Kunst ist ein warmes Gewehr
20.05.2005, 12:40, Text:
Frank Apunkt Schneider,
Frank Apunkt Schneider
Schlingensief hat vorgeschlagen, vom \"System Klaus Beyer\" zu sprechen. Allzweckwort \"System\"? Nicht ganz! System bedeutet hier etwas anderes als in Luhmanns berüchtigter \"Systemtheorie\", der ja mit etwas bösem Willen der Vorwurf zu machen wäre, nichts weiter zu sein als ein Selbstporträt des \"liberalen Schweinesystems\" - um mal das längst überfällige \"Schweinesystem\"-Revival ein wenig anzuschieben.
Zum System wird Klaus Beyer, indem er sich zu den systemischen Aufbauten von Staat, Ökonomie, Macht, Diskurs und Welt - ja, für Fans ausgeleierter Großbegriffe: von Sinn und Sein - dergestalt verschrägt, dass diese Verschrägung einen Unterdruck erzeugt, der wiederum eine Art Vakuum, eine Luftblase entstehen lässt: den Ort, an dem Klaus Beyer lebt, arbeitet und empfindet.
Zu abstrakt? Ich rede davon, dass Kapitalismus und Liberalismus Subversion, Utopie und das berühmte \"Andere\" permanent auflösen, indem sie sie integrieren. Wer immer noch nicht weiß, was ich meine, kann ja mal einen Blick auf die Geschichte(n) der Gegenkultur(en) werfen.
Das Außerhalb von Klaus Beyer liegt ca. genau da, wo das System am verdichtetsten ist, mitten in Berlin, wo er in einer viel zu kleinen Wohnung und einem viel zu großen Paralleluniversum lebt. Im Alter von 50 Jahren hat ihn das liberale Schweinesystem in die Arbeitslosigkeit entsorgt. Statt sich aber, wie es sich für Ruck-durch-Deutschland-VerliererInnen gehört, in Alkohol, Schmerz, Nachmittagstalkshows und rechte Randparteien-Rhetorik (Klischees, ich weiß ...!) zu verstricken, hat er seinen Wegwurf genutzt, um seine Welt weiter auszubauen. Das, was er seit Jahren tut, kann er nun an erster Stelle tun. Dass er hierin zum Künstler wurde, nicht zuletzt dank der Anteilnahme und des Fantums seines Berliner Kunstumfeldes, liegt wohl eher daran, dass es einen adäquaten Begriff für das, was er tut, noch gar nicht gibt.
Welt und Werk von Klaus Beyer sind in mehreren konzentrisch verlaufenden Ringen um ihn selbst geschlungen. Zuinnerst steht die Beschäftigung mit den Beatles, deren Texte er in ein Eins-zu-eins-Deutsch zwischen Autismus und Close-Reading übersetzt und zu selbst verfertigten Playbacks einsingt, erst einzeln, dann plattenweise in originalgetreuen Nachbauten der Beatles-Diskografie (z. B. \"Rätselhaft Magische Tour\"). Aus diesen gingen dann die Beatles-Filme hervor, absolute No-Fi-Klassiker, die seine Beatles-Adaptionen mit Super-8-Technologie und selbst gebastelten Ausstattungsgegenständen vor der heimischen Schrankwand verbildern. Das System expandierte und suppte in das Kunstsystem hinein. Um 1982 herum schleuste ihn eine Nachbarin in die sich gerade austobende \"Geniale Dilletanten\"-Szene ein. Mittlerweile gibt es Klaus Beyer auf CD, in Buchform und als Ausstellung. Letztere zeigt keine Übungen in autonomer Kunst, wie die ganzen anderen Ausstellungen und Ausstellungen von Ausstellungen, sondern bietet ein Register des Werkes so far. Zu sehen sind u. a. die Utensilien seiner Filme.
Auf den ersten Blick mag das alles eine frappierende Ähnlichkeit mit der Trash-Ästhetik haben, welche die sich in Berlin zusammenziehende \"Generation Flohmarktkompetenz\" so schätzt und produziert. Spätestens mit deren Deppen-Dialektik vom \"so schlecht, dass schon wieder gut\" hat Beyer aber nichts mehr zu tun, obwohl ihn viele so verstehen wollen, wahrscheinlich, weil sie das, was Klaus Beyer tut, und das, was er lässt, sonst nicht aushalten würden. Um ihn zurückzubannen in ihr Verständnis von verstehen. In seiner stoischen Insistenz hat er ebenfalls wenig zu tun mit dem momentanen Dilettantismus-Hype, um den sich gefälligst Polylux kümmern soll. \"Art Brut\"- oder Outsiderkunst-Eingemeindungen perlen von ihm ab. Und werden in diesem Abperlen erkennbar als das, was sie sind: Versuche des liberalen Schweinesystems \"Kunst\", das \"Andere\" wegzuintegrieren. Auch mit dem zum Feuilletonbetreff gewordenen \"Pop\" hat die Art und Weise, wie er Pop ernst und im Falle seiner Beatles-Übersetzungen beim Wort nimmt, nichts gemein.
Durch all diese möglichen Zurichtungen gleitet Klaus Beyer gewissermaßen in seinem gelben Unterwasserboot hindurch. Und wenn er dabei singt: \"Wir sind im gelben Unterwasserboot\", dann meint dieses \"Wir\" lediglich die unzähligen Klaus Beyers, die auf dem Cover seiner wohl besten Platte \"Hauptmann Pfeffers Einsamer Herzen Club\" umeinander herumstehen. Als System hat es Klaus Beyer geschafft, ein uraltes Paradox einzulösen: nämlich, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Eine einfache Erfolgsgeschichte also, ein Pop-Märchen, für das Walt Disney aber nie die Filmrechte kriegen wird.
Geniale Dilletanten
Berliner Gruppierung, die zwischen 1980 und ca. 1984 als bewusste und avantgardistische Radikalisierung von Punk an der Grenze zur bildenden Kunst wirkte (Die Tödliche Doris, Einstürzende Neubauten). Aufgegriffen und erweitert wurden der Do-It-Yourself-Gedanke und das Anti-VirtuosInnentum von Punk. Während Punk immerhin drei Akkorde brauchte, kokettierten die G.D. damit, keinen zu können. In ihrem Gefolge entstanden unzählige Tapes mit Homegrown-Krach von obskuren Garagenavantgardegruppen.
Outsiderkunst
Der englische Kunsthistoriker Roger Cardinal prägte 1972 den Begriff, der v. a. im angloamerikanischen Sprachraum geläufig und in etwa deckungsgleich mit \"Art Brut\" (Jean Dubuffet, 1945) ist. Er bezeichnet \"Kunst\", die abseits des Kunstbetriebs entsteht, vordringlich von gesellschaftlich Marginalisierten, wie z. B. Psychiatrie-InsassInnen, denen spekulativ Eigenschaften wie Naivität, Unbedarftheit und \"eine ganz eigene Weltsicht\" zugeschrieben werden.
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