Teenage Fanclub

Begrabt mich neben Norman Blake

18.05.2005, 19:48, Text: Jürgen Dobelmann, Jürgen Dobelmann

Nachweislich falsch gemacht haben Teenage Fanclub nie was. Sicher, die Hinwendung zu üppiger Gesichtsbehaarung Mitte der Neunziger muss kritisch hinterfragt werden. Und die Angewohnheit, auch das derbste Noise-Brett mit kuscheligem CSNY-Chorgesang zuzukleistern, brachte bei der Indie-Klientel manchen Minuspunkt wegen Retro-Spießigkeitsverdacht ein. Sonst war aber stets alles tipptopp: die besseren Songs (“Star Sign”), das bessere Artwork (“Grand Prix”), das bessere Label (Creation) und seit jeher die höchste Berufsgenossen-Fan-Quote (Alex Chilton). Half aber alles nix: Millionenverkäufe blieben Freunden und Nachahmern (Travis) vorbehalten.

Stattdessen immer dasselbe, zuletzt in “Platten vor Gericht” der April-Ausgabe: Le Tigre, Campino und die Doves attestierten Teenage Fanclub mangelnden Pepp, die Musik klinge konstruiert, irgendwie langweilig. Zu wenig Revoluzzertum, zu wenig Wahnsinn. Der perfekte Satzgesang, der unzickige Charakter der Musiker, die Makellosigkeit ihrer Songs und die “Marketing-driven” Kollabos mit De La Soul brachten – trotz Tourneen/Freundschaft mit Nirvana / Kurt Cobain – ein kreuzbraves Jogi-Löw-Image ein.

Doch auch ohne Oasis’sche Breitenwirkung können die “Fannies” zufrieden sein: Eine verschworene Schar Jünger liebt die Band abgöttisch, weil sie eine Kunst beherrscht wie keine zweite im Biz: die Aneinanderreihung nahezu magischer Akkordfolgen. “Wir haben drei Songwriter in der Band”, erklärt Norman Blake. “Die meisten Bands nur einen. Bei acht Alben ist das eine ganze Menge Musik für einen Einzelnen. Bei uns kann sich jeder auf wenige Songs konzentrieren.” Wie viele Bands früh an der eigenen kompositorischen Stümperhaftigkeit scheitern, mag jeder mit einem Blick über die eigene Tonträger-Sammlung selbst überprüfen. TFC jedenfalls haben sich in ihrer 16-jährigen Bandgeschichte zu keiner minderwertigen Harmonie-Abfolge hinreißen lassen. Jeder einzelne Song taugt zum persönlichen Lieblingssong.

Und auch das neue Album bietet Anschauungsmaterial satt: Alleine die Blake-Komposition “Flowing” hätte ein Evergreen-Schicksal Scott-McKenzie’schen Ausmaßes verdient. Der Meister sieht’s sachlich: “Vielleicht liegt es daran, dass wir uns für die Alben immer viel Zeit lassen.” Fünf Jahre diesmal. Mit einem Best-of-Album hatte die Band ihre Creation-(bzw. Sony-)Ära 2002 abgeschlossen, “Man-Made” ist der Neubeginn. Erstmals produzierten TFC außerhalb Großbritanniens, unter der Leitung von John McEntire (Tortoise) in Chicago. Der Pfundkurs stand günstig. Um die Kosten weiterhin überschaubar zu halten, logierte man in einem Bed & Breakfast. Kein Wunder – mit fetten Vorschüssen aus der Major-Kasse ist vorerst Sense. Für das Release des Albums gründeten sie jüngst ein eigenes Label, das für Blake vor allem eines bedeutet: “Ich muss dauernd E-Mails schreiben! Meine Inbox ist immer voll.”



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aus Intro #128 (Juni 2005)
 
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