M.I.A.

Militanz. Information. Apathie.

24.03.2005, 11:59, Text: Jan Kedves, Jan Kedves

Mischmasch in Aktion: Zuerst musste Maya Arulpragasam England verlassen, um nach Sri Lanka zu gehen, später flüchtete sie wieder zurück nach England. Eine Frau zwischen sämtlichen Stühlen. Musik macht sie seit eineinhalb Jahren. Lange genug, um ihrem Label auf der Nase herumzutanzen und sich im Globalisierungsgetöse als Standleitung zwischen Selbstmordbombern und Sesselpupsern zu verstehen.

Hätte der Begriff nicht so einen fiesen Beigeschmack, man müsste sagen: M.I.A. macht World Music. Sie vermengt Dancehall, HipHop, Baile-Funk und Elektro mit London-Slang und Tamil-Akzent - eine Reise viel weiter als \"to Congo, to Colombo\", wie es in ihrer Single \"Sunshowers\" heißt.

Visuelle Entsprechung findet diese Musik in bunten Graffitis und selbst designten Outfits: Gerne zieht M.I.A. zu ihren Shows einen Jogginganzug an, der von oben bis unten mit Mercedes-Sternen übersät ist, oder ein T-Shirt, auf dem in fetten Lettern \"Polo\" steht - ein Wort, das die Tanzenden daran erinnern könnte, dass die Shirts, die sie gerade nass schwitzen, einem Sport ihren Namen verdanken, den britische Kolonisten einst in Indien klauten. Was M.I.A. damit erreicht hätte? Nicht viel. Sie hätte den Dancefloor einen Moment lang mit so etwas wie einer politischen Spannung geladen. Ihren Kleidungsstil nennt M.I.A. \"Refugee Bling\", denn das passt zu dem, was sie ist: ein Flüchtling, der Dringenderes zu tun hat, als sich um Fragen wie Original oder Fake zu scheren.

Die Vita dieser M.I.A., bürgerlich Maya Arulpragasam, wird seit Monaten gierig beschnüffelt, denn sie ist das, was man gerne liest, aber lieber nicht am eigenen Leib erfährt: Als Kind tamilischer Eltern im englischen Exil geboren, wuchs sie bis zu ihrem elften Lebensjahr in Sri Lanka auf, weil ihr Vater sich dort am Freiheitskampf für die tamilische Minderheit beteiligte. Unter dem Namen \"Arular\" wurde er zu einem Anführer der Tamil Tigers, einer Gruppe, die von den USA als \"terroristische Vereinigung\" gelistet wird. Als sich die Lage Ende der 80er zuspitzte, floh Mutter Arulpragasam mit Maya und deren Schwester zurück nach England, ins Sozialbau-Ghetto des Londoner Vororts Mitcham. Während Maya dort gerne gewusst hätte, wie es ihrem in Sri Lanka untergetauchten Vater ging, wurde sie auf der Straße als \"Paki\" beschimpft und von anderen Exil-Tamilen verspottet - weil sie ihre Haare kurz trug. \"Die haben mich deswegen sogar aus dem Sitar-Unterricht geworfen\", erinnert sie sich. Maya saß also zwischen sämtlichen Stühlen. Dass sie in einem musikalischen Mischmasch ihre Ausdrucksform finden sollte, wundert da kaum.

Wenn Maya ihre Lyrics heute mit Phrasen wie \"like PLO, I don't surrender\" und allerhand metaphorischen \"guns\" und \"bombs\" würzt, bedeutet das nicht, dass sie ihr Publikum für oder gegen etwas aufhetzen will. Ihre Absicht sei es nur, Informationen auszutauschen, erläutert sie, ein Kanal zu sein zwischen der blinden Militanz auf der einen Seite und der Apathie, die sie in ihrem Umfeld beobachte. Mit ihrer Geschichte könne sie Fragen aufwerfen und Menschen zum Denken bringen. Und gemäß der Hochrüstungslogik des Pop, und vor allem des HipHop, würde nun mal derjenige am meisten beachtet, der am explosivsten reimt. Tatsächlich: Von MTV wurde Maya prompt aufgefordert, klarzustellen, ob \"Sunshowers\" eine Anstiftung zum Terrorismus sei. Im Gegenzug empörte sich Maya, dass Destiny's Child unbehelligt \"I need a soldier\" trällern dürften. Wieso sollte sie dann nicht ihres Cousins gedenken, der sich vor fünf Jahren in Colombo in die Luft sprengte? Überhaupt habe sie mit MTV, diesem Flimmergewitterkanal, noch ein Hühnchen zu rupfen: \"MTV ist schuld daran, dass meine Aufmerksamkeitsspanne im Arsch ist. Ich schaffe es nicht mal mehr, ein Buch zu Ende zu lesen!\" Als Maya vor eineinhalb Jahren unter dem Namen M.I.A. - \"Missing In Action\" - mit dem Musikmachen begann, fand sie schnell Produzenten, mit denen sie ihre Ideen umsetzen konnte. Was dabei herauskam, war ein Sound, den die Produzenten kaum noch mit ihrem bisherigen Stil in Verbindung bringen konnten. Also gaben sie sich - mit Ausnahme von Richard X - neue Namen: Aus dem House-Duo Switch wurde Yes Productions, aus den Fat Truckers wurden Cavemen. Ein ähnliches Motiv brachte Maya dazu, ihr Album \"Arular\" zu nennen: Sie wollte ihre Vergangenheit umdeuten. \"Wenn ich in zehn Jahren dieses Wort höre, will ich mich an mein Album erinnern und nicht daran, dass ich ohne Vater groß geworden bin\", erläutert sie. Details wie Musikstile sind ihr dabei nur lästig: Wenn der Chef ihres Labels XL klagt, die Plattenläden wüssten nicht, wo sie ihre CDs einsortieren sollten, fordert sie mit entwaffnender Klarsicht: \"Dann sollen sie sie eben einfach neben die Kasse stellen!\"

Mit den fertigen Bändern ihres Debütalbums jettete Maya Ende letzten Jahres nach Philadelphia, um dort mit dem Produzenten Diplo ein Mixtape aufzunehmen. Im Grunde stellt neben ihrem offiziellen Album die spektakulärere Platte dar. Bei XL muss man entsprechend wütend gewesen sein, dass Maya mit dieser Bootleg-Aktion das Geschäft torpedierte. Sie selbst zuckt mit den Schultern: Sie habe XL von Anfang an vor sich gewarnt. \"Eine Hälfte von mir ist meine Mutter, nett und bescheiden, aber die andere Hälfte ist eben mein Vater, rebellisch und verrückt.\" Da passt es, dass sich XL zur Promotion von \"Arular\" ein Gewinnspiel ausdachte, bei dem es einen iPod Shuffle zu ergattern gab: Bei beiden weiß man nie so genau, was als Nächstes kommt.

So würde es nicht überraschen, wenn Maya vom Musikgeschäft schon bald genug hätte. Sie könnte im \"Refugee Bling\"-Stil daran arbeiten, den libyschen Staatschef Gaddafi als Stilikone zu rehabilitieren (\"Ästhetisch gesehen ist Gaddafi genau auf den Punkt!\"). Sie könnte weiter ihre Graffitis sprühen und Filme drehen - was sie nach ihrem Studium am Londoner St. Martin's College nur deshalb nicht tat, weil ihr damals das nötige Geld fehlte. Immerhin hätte sie es geschafft, dem Popgeschäft ein paar Monate lang den Atem stocken zu lassen. Etwas anderes hat Maya mit \"Arular\" ohnehin schon erreicht: Sie hat zum ersten Mal seit vier Jahren wieder von ihrem Vater gehört. Vor kurzem blinkte eine E-Mail auf ihrem Bildschirm, abgeschickt irgendwo im Dschungel: \"In der Sri Lanka Times stand was über dich, bin sehr stolz, mach weiter so. Aber ändere den Namen des Albums.\" Über die E-Mail hat sich Maya gefreut, den Titel aber hat sie behalten.

Freiheitskampf
Der Konflikt um das Streben der überwiegend hinduistischen Minderheit der Tamilen in Sri Lanka nach Unabhängigkeit von der 4/5-Mehrheit der buddhistischen Singhalesen eskalierte 1983 und kostete bislang über 60.000 Opfer. Seit 2002 herrscht offiziell Waffenstillstand. Der Tsunami, der in Sri Lanka Ende Dezember über 40.000 Opfer forderte, ließ den Konflikt allerdings neu aufkeimen: Die Tamilen werfen der Regierung vor, ihnen ihren gerechten Anteil an Hilfsleistungen vorzuenthalten. Über mehrere Ecken will Maya erfahren haben, dass ihrem Vater bei dem Tsunami nichts passiert ist.

\"Piracy Funds Terrorism Vol. 1\"
Nachdem sich Maya in Diplos auf Big Dada veröffentlichte Single \"Newsflash\" verliebt hatte, setzte sie sich ins Flugzeug, um mit ihm zu arbeiten: \"Ich dachte, musikalisch hat er kein Zuhause, ich hab kein Zuhause, vielleicht können wir zusammen eins machen.\" Der von ihnen in zehn Tagen zusammengebastelte Mix enthielt einen Großteil von \"Arular\" und addierte dazu Schnipsel von Missy Elliott und Lil' Vicious sowie Baile-Funk-Tracks und Mash-ups von Madonna und den Bangles. Wurde die CD zunächst von M.I.A. auf der Halloween-Party von Diplos Label Hollertronix verteilt, dreht diese seitdem ihre Runden durch Musikblogs im Internet.



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aus Intro #126 (April 2005)
 
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