Kochen mit

Napalm Death

01.03.2005, 18:06, Text: Carsten Schumacher, Carsten Schumacher
[5 Kommentare]

Outing & These

Eigentlich hatte Kollege Volkmann die Idee, zur Abwechselung mal eine langhaarige Metal-Band zum Kochen einzuladen, nur von seinem Kapuzenpulli abgelesen, auf dem sich gerade der Bandname mit diversen vegetarischen Essensresten mischte. Noch niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, welchen Celebrity-Faktor Kreator-Mille tatsächlich auf die Waage bringen würde. Als die \"Pasta Terror\" dann aber zahlreiche Metal-Outings in unserer Leserschaft nach sich zog, war das thematische Nachlegen so was von eine Pflicht am Leser. Und überhaupt: Wenn Kreator schon lecker kochen, wie herrlich lässt sich dann wohl erst mit Napalm Death speisen? Dass auf unserer Einkaufsliste dafür Gehacktes als Basis angegeben wurde, scheint bei einer solchen Band nicht weiter verwunderlich.

Der britische Guardian hatte ja mal geschrieben, ohne die richtigen Bewertungsmittel würden sowohl Napalm Death als auch Wagner scheiße klingen. Was bedeutet so was kulinarisch? Hoffentlich überlebt man den Ritt auch ohne geschulte Zunge. Da wirkt es fast wie eine Beruhigung, dass der Autor des Fachbuchs ›Choosing Death: The Improbable History Of Death Metal & Grindcore‹ die Szene beschreibend behauptet, die Protagonisten seien trotz der von ihnen gewählten Themenfelder völlig handzahme Burschen. Interessant, da werden wir heute mal die Theorie am hauswirtschaftlichen Verhalten prüfen ...

Er hat mich angerülpst!

Bassist Shane redet portionsweise in regionaler Eigenheit. Unter Schnaufen lässt er immer einen Packen Sprache auf uns fallen. Der in Statur wie Frisur eher an einen verwilderten Abt erinnernde Anfangs-Vierziger mit dem Brujeria-Shirt macht einen griesgrämigen Eindruck, als er sogleich das Kommando in der Küche übernimmt. Es gibt Shepard's Pie, aber zur Enttäuschung aller ist das Gehackte doch nur vom Rind bzw. aus Soja. Damit die Kochgesellschaft nicht im Szene-Tratsch versickert, wird Intro-Filmautor Markus Hockenbrink als Anspielpartner mitgenommen. Seine Rolle soll sein, aus der Tiefe des Raumes völlig abseitige Fragen zu stellen. Der Plan geht jedoch nicht auf, denn statt unsere Gäste mit süßen Indie-Fragen zu überrumpeln, sitzt Markus mit strahlendem Weihnachtsgesicht in der Ecke und murmelt völlig starstruck Sätze wie: \"Ich koche hier echt mit Napalm Death - wie geil!\" Die Strategie ist im Eimer, so beginne ich also mit Sänger Barney einen Smalltalk über dessen Engagement als Gewerkschafter. Fällt eigentlich nur mir das auf, oder wird der Mann mit dem Hundeblick und der Kurzhaarfrisur in wenigen Jahren als 100%iger Doppelgänger von Helmuth Karasek durchgehen können? Shane rülpst und schlurft um den Herd herum. Barney erzählt, er schlage sich zudem als Van-Fahrer durch, wenn nichts weiter anliege. Shane schlurft wieder zurück und treibt uns Plaudernde zur Eile an, jedenfalls interpretiere ich seinen Birmingham-Slang dahingehend. Er rülpst erneut. Hockenbrink schneidet verzückt weiter und flüstert mir strahlend zu: \"Geil, angerülpst von Napalm Death!\" Ich gebe auf. Um mir nicht den Finger abzuhacken, lenke ich das Thema auf die neue Judas Priest. Beim Phrasendreschen kann man sich leichter auf die Breite der Möhrenscheiben konzentrieren.

Gravy über alles

Knietief durch proletarische Kochkunst watend, hat sich das Gesprächsfeld also dem Ceranfeld angepasst, auf dessen hochmodernem Tastenfeld Shane immer verzweifelter herumdrückt. Fluchend kneift er sein teigiges Gesicht zusammen und versucht es wie alle Männer in einer solchen Situation mit hoffnungsloser Gewalt. Wir diskutieren derweil diverse Metal-Themen, als seien es die neuesten Fußball-Ergebnisse. \"Dio, Dio und nochmals Dio\", schnauft Shane, als wir tatsächlich bei der absurden Frage angelangt sind, ob Black Sabbath wieder ohne Ozzy weitermachen sollen. Dazu graviert er mit einer Gabel die Band-Initialen in die Pie-Decken aus Kartoffelpüree, einmal die vegetarische Variante, dann die mit Hack. Als Birminghamer wächst man natürlich mit dieser Band auf wie in Köln mit BAP. Apropos lokale Kuriositäten, denke ich, als ich die Frage stelle, über welche Essenskomponente wohl das als \"Gravy\" bezeichnete vollvegane Bratensaft-Imitat gekippt wird. \"Na, über alles\", ist die Antwort, die klingt, als sei die dazu passende Frage schrecklich dumm. Shane spült die Erinnerung sogleich mit dem von ihm gewünschten Krombacher herunter, während sich Barney über die bunte Sammlung von Kindergetränken hermacht, die ebenfalls zu unserer Ausstattung gehört. Der Hunger ist schließlich verantwortungslos, als der Pie-Matsch und der Broccoli in einem See aus Gravy ertränkt werden. Bon Appetit!

Mum & Dad lieben die Band

Am Esstisch mit Napalm Death, der antifaschistischen Grindcore-Taskforce, die es geschafft hat, sowohl John Zorn als auch Peel zu beeindrucken. Und womit? Mit als Provokation begriffener Poesie, Klaus Walter erklärt's euch in seiner Kolumne in diesem Heft. Geschah all das vielleicht im Ursprung, um die eigenen Eltern zu schocken? Eine vielleicht billige Maxime, dafür aber international. Wie erkannten schon die Eltern bei ›South Park‹ in der ›Chinpokomon‹-Folge im Umkehrschluss: Der einzige Weg, unsere Kinder davon abzuhalten, etwas zu mögen, ist, es selbst zu mögen. Ist also all diese großartige Musik, die in ohrenbetäubender Lautstärke durch den Raum donnert, während wir im Einklang friedlich Pie schaufeln, ist das alles ein Akt der Abgrenzung in Opposition zu den eigenen Eltern? Keine Antwort. Stottern. Niemand versteht die Frage. \"Meine Eltern waren auch immer sehr liberal, da brauchte es keine Opposition. Mum und Dad haben die Band außerdem geliebt\", meint Barney. \"Warum auch? Wenn du deine Kinder zu freiem Denken erziehst, werden sie dich wahrscheinlich weniger provozieren, sondern als Inspiration sehen\", ergänzt Shane. Und Barney erzählt, wie er mit seinem Dad gemeinsam Motörhead-Konzerte besuchte, und Shane, wie er als Fünfjähriger schon von seiner Mutter Slade- und Sweet-Platten gekauft bekam. Und natürlich würde auch er sich einmal Kinder wünschen, wenn es einmal so weit ist. Im Hintergrund holt die CD gerade Luft für einen weiteren Blast und überflutet den Raum mit Gehacktem. Niemand lässt sich dabei stören, im Gegenteil. Immer wieder fallen die Anwesenden ins Träumen, goutieren das wahnsinnige Gebolze mit zufriedenem Lächeln und prosten sich zu. Mit Bier und Kindersekt.

Brujeria
Angeblich die gesuchtesten mexikanischen Polizistenmörder und Drogendealer. Spielten seit den Anfang-90ern unter Pseudonymen wie Juan Brujo, Marijuano Machete oder Guero Sin Fe extremen Death Metal. Als um den Jahrtausendwechsel jedoch durchsickerte, um wen es sich dabei wirklich handelte, ging für viele an dem Projekt beteiligte Musiker der Reiz verloren. Billy Gould (Ex-Faith-No-More), Ray Herrera und zuletzt Dino Cazares (beide Fear Factory) haben seitdem ihren Austritt bekannt gegeben.

Shepard's Pie (Rezept)
Man nehme: 3 Pfund Kartoffeln, 2 Pfund Gehacktes (auf Wunsch vegetarisch), 6 große Zwiebeln, 6 Möhren, 6 normale Brühwürfel (auf Wunsch vegetarisch), 10 große Pilze, 1 großer Broccoli, 2 Päckchen Bratensaft (auf Wunsch vegetarisch). Man schneide Möhren, Pilze klein und menge sie in einer Auflaufform unter das angebratene Tofu (Gehackte). Anschließend wird die Brühe drüber gegossen und das Ganze mit einer Decke aus Kartoffelpüree versiegelt (Monogramm einritzen nicht vergessen!). Ab in den Ofen, ca. Viertelstunde auf 190°, derweil den Broccoli blanchieren. Alles zusammen auf einen Teller und Gravy drübergießen. Bon Appetit!

Grindcore
Wurde als Begriff vom ersten ND-Drummer Mick Harris geprägt. Laut Barney Greenway ging es in der ersten Phase dieser neuen Spielart maßgeblich um humanitäres Denken und Kommentare zu sozialen Themenfeldern, musikalisch bewegte man sich zwischen Hardcore und Thrash Metal mit Hang zum kompakten Song. Eigentlich reicht aber auch ein Blick auf das Bild von Maggie Thatcher, um zu begreifen, wieso Grindcore unvermeidbar war.



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aus Intro #125 (März 2005)
 
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  • User: spinndolas
  • spinndolas 04.03.2005 | 16:09:36

    death metaller und kochen.dat is ja wie kirchenlieder beim sex
    zu trällern!

  • User: Oleandah
  • Oleandah 04.03.2005 | 16:29:02

    Und dann auch noch ihne Fleisch.
    Obwohl Napalm Death ja auch garkein Death Metal ist.
    Oder, Sören?

  • User: schachtelpapst
  • schachtelpapst 04.03.2005 | 16:44:41

    auf "Harmony Corruption" schon, ansonsten fast immer mehr oder weniger flotter Grind, mit zeitweiligen Zugeständnissen an einen Death Metallischen Zeitgeist :)

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