
Im Studio mit Apparat
Die Sache mit den Peel-Sessions
28.02.2005, 13:35, Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
Sachen gibt es, die kann es eigentlich gar nicht geben. Zum Beispiel die Posse rund um die Peel-Session des Berliner IDM-Fricklers Apparat. Der Shitkatapult-Labelmitbetreiber Sascha Ring wurde letztes Jahr eingeladen, eine der legendären Peel-Sessions einzuspielen. Und wie so viele zuvor wollte auch er sie anschließend veröffentlichen - zumal er gänzlich neues Material performt hatte. Doch die Mühlen der BBC-Bürokratie waren so langsam und unerbittlich, wie man das aus Kafkas ›Prozess‹ kennt. Und dabei wollten die Shitkatapults ja sogar alle Lizenzierungskosten ganz brav bezahlen.
Am Ende wurde die Session ganz pragmatisch neu eingespielt (schließlich hat die BBC nur die Aufnahme- und nicht die Urheberrechte), statt mit BBC-Techniker diesmal im WG-Studio von Ring, das er sich mit (ebenfalls Shitkatapult-Act und WG-Partner) Phono teilt - wobei ihm sehr wichtig war, dass das Material gleich performt wurde, um den ursprünglichen Charakter der Aufnahmen zu erhalten: \"Sicherlich hätte sich mein neues Album ähnlich angehört, wenn es nicht zu den Peel-Sessions gekommen wäre, aber durch diesen Session-Charakter, dass man das richtig einspielt, konnte das Material anschließend nicht mehr groß editiert werden.
Auch wenn es die Original-Session wohl in absehbarer Zeit nicht auf Album geben wird, so seien trotzdem die Gegebenheiten dokumentiert, schließlich ist so eine Peel-Session, bedingt durch den mitschwingenden Mythos, mindestens so aufreibend wie der anschließende Bänderkrieg: \"Leider war Peel selbst nicht anwesend. Es gab ja so Live-Sessions, bei denen er drum herum kommentiert hat, T.Raumschmiere war beispielsweise zu so einer eingeladen, aber wir wurden einfach nur zwölf Stunden im Keller eingeschlossen. Allerdings in einem glamourösen Studio mit speziellem Flair (allein schon die Aufkleber der Bands, die vor uns da waren, sorgten für Ehrfurcht) und extrem guter Technik. Da ich wusste, wie toll das Studio ist, kam es ja überhaupt erst zu der Idee, mit den Streichern und Raz O'Hara als Sänger anzureisen. Ich wollte nicht nur mit einer CD hinfahren, die dann auf Band überspielt wird. Natürlich wurde vor Ort nicht gejammt, sondern bereits vorher einstudiertes Material kompakt abgemischt. Dafür gab es einen Toningenieur, der allerdings bereits ab Mitte der Session drängte, doch langsam fertig zu werden: Am Ende war mein Job nicht mehr, musikalisch was unter Kontrolle zu halten, sondern den Toningenieur in die richtigen Bahnen zu lenken. Der brauchte viel gutes Zureden - aber ich war da im Vorfeld schon gewarnt worden, dass er die zwölf Stunden gerne abkürzt.\"
Derzeit arbeitet Ring an seinem ersten richtigen Bandprojekt, angeregt durch die Tourerlebnisse: Die gemeinsamen Shitkatapult-Reisen machten ihm Lust auf Leute an seiner Seite. Doch anders als sein Labelkumpan Marco Haas (T.Raumschmiere), dessen Live-Band im Endeffekt nur die visuelle Aufblähung seines Techno-Rock-Sounds ist, geht es bei Ring um einen wirklichen Soundwechsel: \"Ich hatte Bock auf richtig Schwitzen und Energie auf der Bühne, puren Rock eben, es ist jetzt aber auch schon wieder ein bisschen ein Pop-Ding geworden. Da komm ich gerade wohl nicht vorbei.\" Die Band besteht neben ihm am Bass (\"Da es das Instrument ist, wo ich am ehesten noch was anderes machen kann\") aus einem Schlagzeuger, der in Zürich lebt, und einem Sänger aus Hildesheim (\"Da man in Berlin einfach keine Sänger findet, die noch kein funktionierendes Projekt haben\"). Ring versucht sie zwar derzeit nach Berlin zu bewegen, stellt aber auch fest, dass sich die elektronische Produktionsweise ganz gut auf eine Band übertragen lässt: \"Man schickt Files hin und her, jeder macht sich seinen Kopf dazu, und am Ende trifft man sich und bringt es zusammen. Ich glaube nicht, dass diese ganze Proberaumorgie erforderlich ist.\"
Langfristig soll es beides geben: Apparat und die Band. Eine Aussage, die seinen Booker beruhigen wird. Dieser hat ihm von der Band abgeraten, da das keiner mehr bezahlen könne. Und eine Zeit lang wirkte das Zureden (\"Sonst wäre schon mein letztes Album Duplex mit Band eingespielt worden\"), doch jetzt war es einfach an der Zeit.
Zum Schluss noch eine weitere kleine Geschichte aus der Abteilung \"das kann doch nicht wahr sein\". Aber diesmal grotesk-toll. Nach einem Apparat-Auftritt in Mailand vor zwei Jahren kam Gianna Nannini auf ihn zu und zeigte sich höchst begeistert von seiner Performance. Man müsse unbedingt mal etwas zusammen machen, gab sie zu verstehen und ließ sich seine Nummer geben. Wider Erwarten klingelte das Telefon danach tatsächlich. Seitdem arbeiten die beiden abwechselnd in ihrem oder seinem Studio (je nachdem, wer gerade den leistungsstärkeren Rechner hat) an Nanninis Umsetzung einer italienischen Volkssaga in eine poppige Elektronik-Oper - und der eine oder andere Berliner Freund von Ring lief schon voller Überraschung im WG-Studio in die Nannini.
ShitkatapultEinst in Heidelberg gegründet, damals eher in der Hardcore-Szene angesiedelt, heute in Berlin stationiert und in elektronische Gefilde abgedriftet. Leitmotto: special musick for special people. Der bekannteste Label-Act so far: T.Raumschmiere, das Projekt von Rings Labelpartner Marco Haas.Gianna Nannini
Aus ›Wetten Dass‹ (gefühltes letztes Auftrittsjahr 1984) auch in Deutschland bekannte Röhrenjeansröhre.Apparat-Studio-Einblick
\"Ich habe mal irgendwann eine Software geschrieben - damals gab es noch kein Ableton Live -, die auf einer Vorversion von Live beruhte. Ich kann das Ding spielen wie eine Gitarre, von daher gibt es keinen Grund zum Wechseln. Kann man auf meiner Homepage www.apparat.net runterladen. Daneben benutze ich natürlich wie alle einen regulären Sequencer, habe aber viele Plug-ins selbst gebaut - was nichts Weltbewegendes ist. Halt so optimierte Delays ...\"
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