Patrick Wolf

Gespaltenes Wunderkind

25.02.2005, 17:31, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Knapp ein Jahr nach seinem Debüt ›Lycanthropy‹ setzt der 21-Jährige mit einem komplex verdichteten Album alles daran, als neues musikalisches Wunderkind gehandelt zu werden. Nahezu alle Instrumente von Violine, Ukulele, Spinett bis zu Klavier sind von Patrick selbst eingespielt, mit Samples unterlegt und produziert worden. Auf die Frage, ob dieser Alleingang finanzielle Gründe hatte, lacht Patrick: \"Zum Teil schon, zum Teil war es aber auch eine bewusste Entscheidung, auf allzu viele Gastmusiker zu verzichten. Ich wollte einen sehr direkten Sound. Zu dem passt meine kratzige Violine einfach besser als ein Streichquartett.\" ›Wind In The Wires‹ arbeitet stärker noch als der Vorgänger mit Kontrasten zwischen traditionellem Folk, schmachtendem Pop in Morrissey- und Marc-Almond-Tradition und verfrickelter Elektronik.

\"Ich möchte allerdings nicht, dass das jetzt als große Weiterentwicklung gedeutet wird\", schränkt Patrick ein. \"Die Stücke sind zeitgleich mit denen des Vorgänger-Albums entstanden, sie entsprechen also nur verschiedenen Seiten meiner Persönlichkeit.\"

Und die ist ziemlich gespalten. Auf dem Debüt zeigte er sich noch als blonder Junge in altmodischer Kluft, die aussah, als ob er einem Charles-Dickens-Roman entsprungen wäre. Pünktlich zu ›Wind In The Wires‹ hat er sich die Haare schwarz gefärbt und präsentiert sich wesentlich dandyhafter. In seinen Texten nimmt er Tierrollen an oder lässt offen, ob die besungene Liebe einem Mann oder einer Frau gilt. \"I was once a boy, til I cut my penis off\", hieß es im Titelsong seines Debüts. \"Virginia Wolf hat einmal gesagt, dass jeder Mensch beides ist, Mann und Frau zugleich. Die konventionellen Geschlechterrollen leugnen diese Zweigeschlechtlichkeit. Und weil die meiste Musik von solchen Rollen bestimmt wird, finde ich die meiste Musik langweilig, Rock sowieso.\"
Der in Irland geborene Patrick Wolf ist nicht der einzige Songwriter, der Folk und Elektronik miteinander verbindet. Aber er ist einer der wenigen, der dabei auf angelsächsische Wurzeln zurückgreift und die Musik der Insel bis ins Mittelalter hinein plündert. \"Im Moment erleben wir ein Songwriter-Comeback\", erzählt er, \"aber meistens geht das auf amerikanische Wurzeln zurück, bei Conor Oberst zum Beispiel auf Country. Ich finde es für mich interessanter, die Tradition dieses Landes zu erkunden, schließlich habe ich mich auch sehr viel mit Bands wie Fairport Convention beschäftigt. Ich habe allerdings keine konservative Einstellung zu Folk, halte nichts von dieser Handgespielt-Ideologie. Für mich ist es einfach nur die direkteste Form, Geschichten zu erzählen.\"

Bin Knabe und Mädchen gewesen ...

Schon als Kind tourte Wolf mit einem Orchester als Geiger durch Europa, mit elf Jahren schrieb er seine ersten Songs. Seinem ganzen noch kurzen Leben haftet etwas Traumtänzerisches und Verwunschenes an. Mit 16 verließ Wolf seine Londoner Familie und zog sich in ein Haus in Richmond zurück, wo er ein altes Spinett fand, das künftig eines seiner Lieblingsinstrumente werden sollte. Auf diese Zeit der Zurückgezogenheit geht auch das Image des Wolfsmenschen zurück, mit dem Patrick auf seinem Vorgänger ›Lycanthropy‹ spielte. \"Viele Leute halten mich für einen geheimnisvollen Einzelgänger, aber das ist nur die eine Seite. Sie hilft mir, in diesem Popgeschäft zu bestehen, denn als Künstler, der sich nicht auch hin und wieder zurückzieht, brennst du schnell aus. Andererseits bin ich aber auch ein sehr geselliger, kommunikativer und impulsiver Mensch. Als 17-Jähriger habe ich in einer Punkband gespielt. Das will so gar nicht zum Troubadour-Image passen, oder?\"
Doch beides, das Impulsive und das Introvertierte, machen erst die Spannung von Wolfs Musik aus, wie auch erst Laptop und Folk zur ganz eigenen Spannung in seinen Songs führen. Dieser Instrumenten-Mix hat eine ähnliche Funktion wie das lyrische Wechseln von Geschlechterrollen oder Songs aus der Perspektive von Tierfiguren - es geht Wolf darum, festgelegte Identitäten zu umschiffen. \"Manche Leute sagen, dass der Laptop kalt und künstlich sei. Das ist Blödsinn, denn sie gehen immer von etwas Natürlichem und Ursprünglichem aus, das es nicht gibt. Das gibt es nur in ihren Hörgewohnheiten, es ist Produkt ihrer Bequemlichkeit. Dasselbe gilt für die meisten Texte in der Popmusik: Die Leute wollen ein festgelegtes Ich, festgefügte Rollen, mit denen sie sich identifizieren können. Aber so funktioniert Kunst nicht, so funktioniert nur Kommerz. Kunst hat meiner Meinung nach damit zu tun, sich in Rollen und andere Welten hineinzuträumen und damit allem Festgelegten zu misstrauen.\" Ein uraltes Gedicht von Empedokles scheint Wolf Recht zu geben: \"Einst bin ich Knabe, ich bin auch ein Mädchen gewesen / Busch und Vogel und Fisch, der warm aus den Wassern emporschnellt.\" Diese Zeilen finden sich auch auf dem Grabstein von Hubert Fichte eingraviert. Thomas Meinecke zitiert sie feierlich am Ende seines Romans ›Hellblau‹. Es ist diese Idee der ständigen Wandlung, der Vermeidung von Zuschreibungen, der die Musik von Patrick Wolf folgt.

Für seine Texte benutzt Wolf starke Bilder, Figuren aus Märchen und Mythen, die immer wieder an die eigenen, oft drastischen Erfahrungen, etwa an sexuellen Missbrauch, gekoppelt werden. Die Poesie eines William Blake vermischt er mit Alltagssprache. \"Ich möchte lyrisch sein, aber nicht abgehoben\", erklärt er sein Prinzip, \"ich möchte eine schöne Sprache, die trotzdem verunreinigt ist, dunkle Stellen aufzeigt - wie das Leben.\" Und weil Wolf dem Ungetrübten misstraut, gibt es auch auf ›Wind In The Wires‹ kaum mehr reine Folksongs, sondern ein ziemlich schlackiges Gemisch, das Spannung erzeugt, absichtlich unausgegoren bleibt und doch immer noch als Pop funktioniert. Dieses Unausgegorene war es, das Captiol K, den eigentlichen Entdecker und Förderer von Patrick, am neuen Wunderkind so begeisterte. Die beiden hatten sich in Paris getroffen, wo der 17-jährige Wolf mit seiner damaligen Band auftrat. Wolf musste Capitol K danach noch ein Solo-Ständchen geben, das diesen so begeisterte, dass er dessen erste EP 2001 auf seinem Label Faith And Industry herausbrachte, wo ursprünglich auch ›Lycanthropy‹ erschien. \"Björk as a boy\", hatte die britische Presse gejubelt. Willkommen im munteren Gender-Switching!

Angelsächsische Wurzeln
In den 1970ern hatte Folk in Großbritannien Hochkonjunktur und brachte eigenwillige Songwriter wie Roy Harper und Kevin Coyne hervor. In den 1980ern dagegen benutzten rechte Neofolk-Bands wie Death In June die traditionelle Musik, um sich gegen die \"US-Dominanz\" abzugrenzen. Gegen diesen auf Archaik getrimmten Purismus ist der hybride Laptop-Folk von Patrick Wolf nur zu begrüßen.

William Blake
\"There are things that are known and there are things that are unknown; in between there are doors\" - diese Zeile von William Blake (1757-1827) inspirierte die Doors zu ihrem Bandnamen. Der britische Maler und Dichter mit Hang zur Mystik hat aufgrund seiner einfachen, aber bilderreichen Sprache viele Popmusiker beeinflusst. Seine Gedichte lesen sich fast wie Songlyrics. Allen Ginsberg vertonte Blake, und Jah Wobble widmete ihm ein ganzes Album: ›The Inspiration Of William Blake‹.



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aus Intro #125 (März 2005)
 
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