Beck

Tourist, Chauffeur, Fremdenführer

25.02.2005, 12:23, Text: Klaus Walter, Klaus Walter

Für eine gewisse Zeit in den Neunzigern war Beck, Jahrgang 1970, in den USA die (post-) modernste populäre Künstlerfigur seiner Generation. Theoriefetzen von temporären Identitäten und Bastelbiografien, vom permanenten Sich-neu-Erfinden, vom Sprechen in Zungen transportierte er bis ins konservative Herzland. Beck verrührte HipHop mit Alternative, Blues mit Electronica, Dreamfolk mit Funk. Wie bei Neil Young glich kein Album dem Vorgänger, wie Bowie gab er das Chamäleon, wie Dylan seine Dylan-Maske, so trug Beck seine Beck-Masken.

Wie viele Stimmen hast du?
[Beck antwortet mit der teilnahmslosesten Stimme seines Repertoires, es ist sein dreizehntes 30-Minuten-Interview des Tages.] Zunächst mal meine Stimme.
Auf ›Midnite Vultures‹ habe ich eine Art Soulstimme entwickelt. Wenn ich rappe, ist es meine Sprechstimme, bei den ruhigeren Songs ein reicher, weicher Klang.

Haben diese Stimmen ein bestimmtes Geschlecht, oder wechselt mit den Stimmen das Geschlecht?
Auf ›Midnite Vultures‹ habe ich versucht, provokativ zu sein. Ich habe gesungen wie ein kleines Mädchen oder wie ein komischer Kinderchor. Ich habe die Stimmen benutzt, weil ich das Album als Film gedacht habe, eine Art Fellini-Orgie. Im Gegensatz dazu ist auf ›Sea Change‹ nichts Affektiertes, das ist ganz straighte Expression. [Beck spielt das \"Affektierte\" und die \"Provokation\" aus gegen die \"straight expression\".] Bei ›Midnite Vultures‹ gab es eine Figur, eine Kreuzung aus Prince und Cpt. Beefheart, Leonard Cohen und Richard James [Aphex Twin], ein seltsamer, zerlumpter, leicht manischer Charakter. Viele Songs kamen von dieser Figur. .

Die Namenskreuzung ist gutes Journalistenfutter, aber steckt nicht mehr dahinter? Ich hatte immer an einen Masterplan der Maskeraden geglaubt, meine Wunschvorstellung des Künstlers als Verführer, als Propagandist polyvalenter Lebensentwürfe. Beck aber splittet sein Werk schlicht in authentische und inauthentische Platten. Je nach Stand der (Liebes-) Dinge eine sexvolle Orgie, eine Rückzugsrolle, die auch Prince, dem Beck im Verlauf des Nachdenkens immer ähnlicher wird, gerne einnahm, oder die tradierte Rolle des traurigen Troubadours, der straight from the heart eine lebensechte Trennung verarbeitet. In meiner Fan-Vorstellung dagegen zieht Beck die Fäden an vielen Unter-Becks, die erst in der Summe den wahren Beck ausmachen.

So gesehen ist das neue Album der wahre Beck. Die Summe der einzelnen Teile, ein Patchwork der Erinnerungen. Nach dem weltabgewandten ›Sea Change‹ zeigt ›Guero‹ wieder die many sides of Beck. Die Dust Brothers haben eine farbenfrohe Soundkulisse entworfen, wie einst für ›Odelay‹. Es ist eine Autoplatte geworden. Beck ist weniger Autor als Chauffeur. Mit einer geräumigen Limousine cruist er durch den sound of the city, den sound of Los Angeles. \"In East L.A., wo ich aufgewachsen bin, haben sie mir auf der Straße immer ›Que onda guero‹ nachgerufen: ›Hey, what's up white boy?‹ Dort habe ich mal die Typen von Cypress Hill getroffen, die waren verblüfft, dass ich dort wohne. Die dachten, ich komme aus England.\" ›Que Onda Guero‹ trägt Beck als zweisprachigen Barrio-Rap vor, mit viel \"mariachi\" und \"cerveza\". Und doch könnte man denken, unser Fremdenführer käme aus England, at home he's a tourist. Von Song zu Song wechselt die Umgebung, wie einst im kalifornischen summer of love, als Sly & The Family Stone und Jefferson Airplane, Hendrix und Aretha Franklin hintereinander aus dem Autoradio kamen.

Formuliert ›Guero‹ die Utopie des Schmelztiegelsounds ohne Hautfarbenbarrieren, ohne segregiertes Radio? \"Ich bin aufgewachsen mit Public Enemy, Ice T. und Afrika Bambaataa genauso wie mit Sonic Youth und Velvet Underground.\" Steckt nicht mehr dahinter? \"Na ja, John Lennon sagte, sie hätten versucht, Martha & The Vandellas zu kopieren, in den 40ern und 50ern sind sie mit R'n'B und Country aufgewachsen. Heute wachsen Rockkids auf mit HipHop und Rock. Eminem ist HipHop, aber inkorporiert auch Rock. Die NuMetal-Bands rappen über Metal. Es passiert was im Underground, plötzlich umarmen sie die Neptunes und Timbaland. In den nächsten Jahren werden wir viele Bands erleben, die diese Einflüsse miteinander verbinden.\" Er bleibt in der Rolle des Beobachters, der große Katalysator. Seine Arbeit beschreibt er als \"Lernprozess, a long road trip, Ausgraben, einen Schatz jagen, Angeln.\" Diesmal hat er viel geangelt aus der Rock'n'Soul-Blüte um sein Geburtsjahr: eine Isley-Brothers-Gitarre, ein James-Gang-Groove, der psychedelische Donovan, die Bluesharp von Canned Heat, Jimmy Castor, Guess Who, Rinôçérôse ...

Der Song ›Earthquake Weather‹ klingt wie eine Warnung vor dem ökologischen Kollaps mit Zeilen wie \"space ships can't tame the jungle\" und \"a rip tide could rip us away\" [wir sprachen drei Wochen vor dem Tsunami]. Bist du inspiriert von Mike Davis, dem Autoren von ›Ecology Of Fear‹?
Wenn du in L.A. ein neues Haus kaufst, kommt erst mal ein Geologe und schaut, ob das Haus erdbebensicher ist. Das Ganze kann jederzeit zusammenfallen. Es gibt Tage, wenn es ein bisschen zu still ist, keine Vögel, dann klingt es, als ob ein Erdbeben kommen könnte. Aber der Song hat auch metaphorische Züge, die Stimmung im Lande.

Apropos: Hast du dich im Wahlkampf engagiert?
Ich habe nicht für Bush gestimmt. Ich würde Kerry vorziehen, aber das ist nur meine persönliche Präferenz. [Der schlaffe Kindsmann entzieht sich der Festlegung.]

Was ist mit der Vogelscheuche in ›Scarecrow‹?
Das ist ein Klischee-Bild, der Loner an einem desolaten Ort, fast wie eine Christusfigur, eine Ikone der Ferne. [Ja, Christus! Viel Religion in den Texten! Gott, Teufel, Bibelsprüche. Adam Green hat erzählt, dass Beck ihn zu den Scientologen bekehren wollte!]

Wie ist das mit deiner Religion?
Als ich anfing, Songs zu schreiben, habe ich viel Blues und Spirituals gehört. Blind Willie Johnson war ein großer Einfluss, diese antiquierte Bildersprache ist der einzige Weg, mit Sterblichkeit und Tod umzugehen.

Ja, aber was ist mit deiner Religion? Du bist doch Scientologe, oder?
Hm ... Dieser Strang zieht sich lange durch. Eine meiner ersten Platten war ›One Foot In The Grave‹, da gibt es den Song ›He's A Mighty Good Leader‹, ich wurde jüdisch erzogen, ich hatte Interesse an Spirituals, ich mag die Bilderwelt.

Ja, aber die Scientology?
Da sind die 30 Minuten vorbei.

Mike Davis
\"Magische Dystopie\" nennt der Stadtforscher Mike Davis die kalifornische Angstlust an der Katastrophe. In seinem Buch ›Ökologie Der Angst - Los Angeles Und Das Leben Mit Der Katastrophe‹ (Kunstmann Verlag) entwirft er das Bild einer Apokalypse. Waldbrände, Wirbelstürme und Erdbeben - L.A. vor dem Untergang. Aber die Katastrophe entspringt nicht nur einer schlechten Laune der Natur. Davis belegt, wie ökologische Ignoranz und Profitinteressen dem Desaster in die Hände spielen.

One Foot in The Grave (K LP 28)
Sagenhaftes Album, das in offiziellen (Universal-) Diskografien gerne übersehen wird. Aufgenommen im Winter 93/94 im Dub Narcotic Studio von K-Records-Gründer Calvin Johnson (Beat Happening, Halo Benders, Dub Narcotic Soundsystem), Folk & Blues auf die Knochen gestrippt, Becks ›Basement Tapes‹ gewissermaßen; ›I Get Lonesome‹ ist der Hit, ein Duett, Johnson gibt den sonoren Cash zu Becks Dylan.



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aus Intro #125 (März 2005)
 
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